Dienstag, 02 Mai 2017 – 06:55 Uhr

Ohne Worte Trauernde trösten: Die Totenwache

Die Totenwache
Aobe Stock - kevron2001
 
Trotz Gefühlschaos und düsterer Stimmung blieb Gottes Liebe unverändert. Von Conan Lizzi
 

»Chans Bruder ist gestern Abend gestorben«, erzählte uns einer unserer Kollegen aus dem Dorf bei der Morgenandacht.

Chan war einer meiner aufgewecktesten Schüler und das nicht nur geistig. Er kam jeden Tag mit einem fröhlichen Lächeln zum Unterricht. Würden wir sein Lächeln je wieder sehen? Armer Junge! Er war erst in der ersten Klasse. Ich wünschte, ich hätte gewusst, wie ich ihm und seiner Familie jetzt helfen konnte. Aber was hatte ich ihnen schon zu bieten? Ich sprach nicht ihre Sprache. Mir fehlten die Worte, um sie zu trösten.

Ich fragte einen der Khmer-Lehrer, was wir tun könnten. Da ein Begräbnis in Kambodscha sehr teuer sein kann, schlug er vor, wir könnten der Familie Geld schenken, um die Kosten zu decken. Gut, dachte ich, das ist eine Möglichkeit. Wenn das alles sein sollte, was wir tun können, kann Gott es bestimmt segnen.

Alle im Team waren einverstanden, dass wir nach Schulschluss die trauernde Familie besuchen würden, um ihr unsere Liebe und Unterstützung zu zeigen. Der Morgen verging wie im Flug, aber als wir losgehen wollten, goss es in Strömen. Viele von uns waren sich immer noch unsicher, was auf uns zukommen würde. Wir konnten nur beten: Gott, bitte gebrauche uns heute. Amen.

Kaum waren wir im Dorf angekommen, als wir einen anderen Mitarbeiter unserer Schule trafen. Er warnte uns: Wenn wir das Grundstück des Toten betreten würden, könnten wir sieben Tage lang kein anderes Privatgrundstück im Dorf mehr betreten. Man würde Angst haben, dass wir einen Fluch bringen. Das war uns eigentlich egal, wenn wir nicht am kommenden Sabbat eine Bibelstunde im Dorf geplant hätten. Durften wir uns diese Gelegenheit entgehen lassen, die trauernden Angehörigen zu trösten? Der Gastgeber der Bibelstunden versicherte uns, es sei kein Problem, wenn eine Bibelstunde ausfiele. Also gingen wir weiter. Kein Unglück wird dir zustoßen und keine Plage zu deinem Zelt sich nahen (Psalm 91,10)

Als wir uns dem Haus näherten, hörten wir eine Frau wehklagen. Es war die Mutter des gestorbenen Jungen. Sie zitterte vor Kummer und hatte die Hände vor ihrem Kinn gefaltet. Unsere Schulleiterin umarmte die verzweifelte Frau und tröstete sie. Die Trauernde raffte sich auf und bedeutete uns, ihr zu folgen. Er heilt die zerbrochenen Herzen und verbindet ihre Wunden (Jesaja 30,26).

Als wir ihr Haus erreichten, sahen wir eine Gruppe Männer unter der Plane eines Unterstandes an einem rechteckigen Etwas arbeiten, schwatzen und lachen. Es kam mir taktlos vor. Dann wurde mir klar: Sie zimmerten den Sarg.

Wir zogen unsere Schuhe aus und wollten gerade eintreten, als ich eine freudige Stimme rufen hörte: »Lehrer!« Ich drehte mich um und sah, Chan spielerisch auf dem Rahmen des Unterstandes balancieren. Noch ein unerwartetes Verhalten, vor allem für einen Jungen, der gerade seinen Bruder verloren hat. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte mitten unter den anderen betrübten Gesichtern. So lächelte ich ihm einfach nur zu und ging ins Haus. Menschentrauben hockten an den Wänden in verschiedenen Trauerhaltungen. Einige schaukelten vor und zurück, andere schluchzten in den Armen ihrer Lieben und andere saßen still und starrten ins Leere. Mitten im Zimmer lag der Leichnam des Jungen in eine Decke gehüllt, umgeben von buddhistischen Bildern, Opfergaben und Weihrauch. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen (Offenbarung 21,4). Herr, komm bald!

Ich stand bei den anderen Lehrern und hörte der verzweifelten Mutter zu, die uns erzählte, wie ihr Sohn gestorben war. Plötzlich spürte ich, wie sich zwei Ärmchen um meine Beine schlangen. Ich schaute hinunter und sah Davit, einen unserer Erstklässler, einen treuen Freund und Verwandten von Chan. Sein Gesicht, das sonst immer von einem Lächeln eingerahmt war, erschien nun vom Verlust gezeichnet. Was für eine unvorstellbare Trauer musste er spüren! Ich legte meinen Arm um ihn. Das war die einzige Art, wie ich ihn trösten konnte. Wir werden nicht alle entschlafen, sondern alle verwandelt werden (1. Korinther 15,51). Herr, hilf ihnen zu glauben!

Die flackernden Kerzen und der Weihrauch schufen eine bedrückende Atmosphäre, die vom bedrohlichen Regengetrommel auf dem Dach nur noch verstärkt wurde. Da drang plötzlich die schöne Melodie von Amazing Grace an mein Ohr. Ich schaut mich um und sah, dass unsere Schulleiterin das Lied summte, um ein kleines Mädchen zu trösten, die leise in ihr Deckenbündel hineinweinte. Gott, erinnere sie an diese Melodie, wenn du ihr Herz berührst.

Als der Moment dafür günstig schien, überreichten wir der Mutter unsere Geschenke und baten um ein gemeinsames Gebet. Ich wusste nicht, wie Buddhisten zum Gebet stehen, aber sie war sichtlich dankbar.

Nachdenklich verließen wir das Haus, als eine laute Stimme draußen über Lautsprecher ertönte. Glücklicherweise ließ der Regen langsam nach. Wir gingen wieder zum Auto.

Wir hatten keine Ahnung davon, wie viel unser Besuch bedeutete. Es zeigte sich später, dass die Familie des Toten aus dem Dorf keinerlei Unterstützung erhalten hatte. Die Leute aus unserer Schule waren die Einzigen außerhalb der unmittelbaren Familie, die zur Totenwache erschienen waren. Die Mutter war tief berührt, dass wir an sie gedacht hatten und etwas (oder jemand) tief in ihrem Herzen sagte ihr, dass sie Christ werden solle.

Zwei Wochen später kam sie zur Bibelstunde mit einem strahlenden Lächeln und stärkerem Interesse als dem der anderen Teilnehmer. Sie freute sich sehr, als sie eine Audiobibel auf Khmer erhielt und studiert seither jeden Sabbat mit uns die Bibel.

Der Tag des Begräbnisses war emotional sehr aufwühlend. Jeder schien damit unterschiedlich umzugehen. Doch trotz Gefühlschaos und düsterer Stimmung blieb Gottes Liebe unverändert. Die Liebe hört niemals auf. Aber seien es Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden (1. Korinther 13,8).

Aus: Adventist Frontiers, März 2017, S. 24-25

Adventist Frontiers ist eine Publikation von Adventist Frontier Missions (AFM).
AFM hat es sich zum Ziel gesetzt, einheimische Bewegungen ins Leben zu rufen, die Adventgemeinden in unerreichten Volksgruppen gründen.

CONAN LIZZI wirkt seit 2016 als Studentenmissionar unter dem Volk der Pnong in Südostasien.

www.afmonline.org


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