• Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 55): Den Staffelstab weitergeben

    Den Staffelstab weitergeben

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    Nach vielen Jahren zeigt sich Frucht. Von John Holbrook

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Montag, 12 März 2018 – 08:40 Uhr

Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 54): Pago und der Kampf um den Bachelor

Pago und der Kampf um den Bachelor

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Was ein Hochschulstudium für einen Eingeborenen bedeutet. Von John Holbrook

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»Ich bin ziellos in einer grauen Wüste umhergeirrt«, sagte Pago, lehnte sich vor und schaute mir in die Augen. »Das Leben kam mir öde und sinnlos vor. Erst vor ein paar Monaten ist meine Mutter plötzlich an Tetanus gestorben, während ich Welten entfernt war, hier an der Uni. Als ich unser Dorf nach der Sommerpause verlassen habe, ahnte ich nicht, dass ihr weinendes Gesicht am Straßenrand meine letzte Erinnerung an sie sein würde.« Pagos Augen glühten vor Ergriffenheit. »Mein Vater ist nun Witwer mit acht Kindern. Meine eigene Frau und mein Sohn konnten kaum genug Essen zum Überleben erbetteln. Sollte ich sie sich alleine durchschlagen lassen?

Wir berufstätigen Studenten müssen 40–45 Wochenstunden für die Schule arbeiten, um unsere Miete im Wohnheim und die Studiengebühren für zwei Kurse pro Semester zu verdienen. Dann machen wir noch Nebenjobs, damit wir uns Essen kaufen können. Für den Unterricht und Hausaufgaben haben wir nicht viel Zeit oder Energie übrig. Wir machen das Tag für Tag mit und wissen, dass wir so acht bis zehn Jahre brauchen, um unseren Bachelor zu bekommen.

Ich wusste nicht, wie ich das länger aushalten sollte«, flüsterte Pago fast. »Ich hatte keine Kraft mehr zum Arbeiten. Auf den Unterricht konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Der dichte Nebel der Verzweiflung und Erschöpfung schien sich einfach nicht zu lichten.«

Ich konnte mit Pago mitfühlen. Die Stammesbräuche schrieben es vor, dass jede Hilfeleistung gleichmäßig allen Stammesgliedern angeboten werden musste. In der Vergangenheit hatte meine Familie versucht, einen Studenten nach dem anderen zu finanzieren. Doch das hatte zu so viel Streit geführt, dass der Stamm bis heute unter den Nachwirkungen leidet. Eine Zeitlang unterstützten wir gar keine Studenten mehr. Denn alle zu finanzieren konnten wir uns nicht leisten.

Dennoch wurde es immer deutlicher, dass die einheimischen Stämme Fachkräfte mit Hochschulabschluss brauchten. Sie brauchten ihre eigenen Lehrer, die sich nicht über ihre Bräuche und ihr Volk lustig machten wie die Lehrer aus dem Tiefland. Sie brauchten ihre eigenen Krankenpfleger und Ärzte, die sich anständig um die Kranken kümmern würden, statt sie in die Leichenhalle abzuschieben und ihnen verdorbene Essensreste vorzusetzen. So werden nämlich die Eingeborenen oft in den Krankenhäusern behandelt. Sie brauchten ihre eigenen Ingenieure, Biologen und Agrar- und Forsttechniker, die das Land ihrer Vorfahren und seine Mineralvorkommen schützten. Denn die Minengesellschaften setzten die Stämme immer mehr unter Druck, um sie auszubeuten.

Dann entdeckte ich, dass die Adventistische Universität der Philippinen eines der wenigen Werkstudienprogramme im ganzen Land anbietet. Es dauert zwar fürchterlich lange, bis man seinen Abschluss hat. Aber man kann sich sein eigenes Studium komplett selbst finanzieren. Ich bot jedem Einheimischen an, der studieren wollte, ihn zur AUP zu bringen, ihm bei der Einschreibung zu helfen und ihm die Einschreibegebühr vorzuschießen. Danach mussten sie sich selber durchschlagen.

Zu meiner Überraschung und Freude nahmen zwölf einheimische Studenten mein Angebot an. In einer Stadt zur Schule zu gehen, ist für sie genauso fremd, wie für uns der Besuch eines anderen Planeten. Sie haben sich bereits durch zwei Arbeitsjahre gekämpft, mit allen Anpassungen, Unterrichtsstunden und dem Kulturschock. Ihr neues Wissen wenden sie begeistert an. Immer wenn sie Ferien haben, kommen sie nach Hause in den Urwald und halten Erweckungsversammlungen, Kinderbibelwochen und organisieren gemeinnützige Projekte. Ihr Stamm ist stolz auf sie wie frischgebackene Eltern. Sie können es gar nicht erwarten, bis ihre Studenten zurückkommen und Führungspositionen übernehmen.

Doch an diesem Abend war ein Tiefpunkt erreicht. Vier Studenten hatten aufgegeben und waren nach Hause zurückgekehrt. Mehrere enge Freunde waren vor kurzem gestorben, darunter Pagos Mutter. Gegen Ende des Semesters erschien es ihnen unmöglich, ihre Prüfungen zu bestehen und ihre Hausarbeiten abzugeben. Ich hatte Angst, dass die ganze Gruppe aufgeben und heimkehren würde. Deshalb traf ich mich mit allen meinen Studenten und hörte mit Tränen im Herzen Pagos Geschichte.

»Kurz bevor meine Mutter starb«, fuhr Pago fort, »zog sie meinen Vater an sich. Der Tetanus verursachte ihr überall Muskelkrämpfe. Rücken und Nacken waren bis auf den Anschlag zurückgebogen. Ihr Kiefer war wie eingerastet und ihre Stimme war fast völlig blockiert von den Krämpfen. Aber es gelang ihr doch, sechs letzte Worte rauszuquetschen: ›Sag Pago, er soll weiterstudieren!‹
Deshalb habe ich durchgehalten, als mir die Depression alle Hoffnung rauben wollte. Ich habe erkannt, dass es keinen Sinn macht, heimzukehren. Es gibt fast keinen Urwald mehr. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, werde ich nicht mehr in althergebrachter Weise den Lebensunterhalt für meine Familie bestreiten können. Ich muss die neuen Wege und die alten beherrschen, damit ich meinem Volk zeigen kann, wie man überlebt. Wir müssen das Beste vom Alten und vom Neuen kombinieren.

Keine Angst, Onkel«, sagte Pago, »wir schmeißen das Studium nicht hin. Ich gebe nicht auf. Und wenn es zehn Jahre dauert, ich halte durch! Das ist die einzige Hoffnung für mein Volk.«

Aus: Adventist Frontiers, 1. Februar 2018

Adventist Frontiers ist eine Publikation von Adventist Frontier Missions (AFM).
AFM hat es sich zum Ziel gesetzt, einheimische Bewegungen ins Leben zu rufen, die Adventgemeinden in unerreichten Volksgruppen gründen.

JOHN HOLBROOK wuchs im Missionsfeld auf. Er half seiner Familie eine Gemeindegründungsbewegung unter dem Alanganvolk in den Bergen der philippinischen Insel Mindoro zu initiieren. Seit 2011 setzt John seine Fähigkeiten und seine Erfahrung ein, um das Evangelium den abgeschotteten Tawbuid-Animisten zu bringen, einem Stamm, der in der Nachbarschaft der Alangan lebt.

www.afmonline.org


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