• Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 52): Der göttliche Rettungsring

    Der göttliche Rettungsring

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    Wer im Dienst für Gott in Gefahr gerät, wird von ihm nicht im Stich gelassen. Von John Holbrook

Mittwoch, 02 Dezember 2015 – 09:08 Uhr

Beste Absicht kann verwöhnen (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 36): Wenn Hilfe schadet

Wenn Hilfe schadet

Bild: mathisa - Adobe Stock

Was für die Kindererziehung gilt, trifft auch auf Bedürftige und Ungebildete zu. Von John Holbrook

Manchmal schadet es jemand, wenn man ihm hilft.

Wissenschaftler sagen uns, es sei für einen Schmetterling, der aus seiner Puppe schlüpft, wichtig, sich selbst zu befreien, damit sich seine Flügel richtig entwickeln. Hat jemand Mitleid mit ihm und versucht ihm zu helfen, entwickelt der Schmetterling nicht genügend Kraft zum Fliegen. Mir ist klar geworden, dass dasselbe oft auch auf Menschen zutrifft. Vor allem auf mein Volk; nicht nur die Tawbuid, sondern auf alle sieben einheimischen Stämme auf Mindoro.

Das Leben ist für mein Volk eine ständige Herausforderung. Der größte Teil ihres Landes wurde ihnen genommen. Das Land, das ihnen in ihren Reservaten bleibt, ist bergig und meist nicht nutzbar. Illegale Holzfällerei hat den Regenwald so stark dezimiert, dass er keine Lebensgrundlage mehr bieten kann. Fremde nutzen mein Volk regelmäßig aus, rauben seine natürlichen Rohstoffe oder treiben zwielichtige Geschäfte mit ihm.

Viele gutherzige Menschen haben sich der Notlage angenommen, in der sich die einheimischen Stämme befinden, und bieten ihnen Hilfe, ja sogar Geld an. Die Regierung fühlt sich zu Recht dafür verantwortlich die Lebenslage dieser geknechteten Menschen zu verbessern. Daher spendet sie Lebensmittel und Kleider, gewährt Stipendien und teilt Saatgut für den landwirtschaftlichen Anbau aus.

Dieser »Hilfsstrom« aus aller Welt müsste das Leben meines Volks doch dramatisch verbessert haben, oder etwa nicht? Leider ist das Gegenteil der Fall. Die lokale Regierungsarbeit besteht in vielen Fällen aus nichts als Streitereien darüber, wer umsonst Geld bekommt. Krankheit und Hunger nehmen zu, weil die Einheimischen immer abhängiger von weißem Reis, Nudeln und Fischkonserven werden. Ein Großteil der Hilfsgüter, die Regierungen und Hilfsorganisationen spenden, wird verkauft, damit diese fremden Lebensmittel gekauft werden können. Die meisten Stipendien, die der Staat verleiht, werden für den Kauf von Smartphones ausgegeben, mit denen die jungen Leute westliche Filme und Schlimmeres schauen. Wenige gehen zur Schule, noch weniger machen ihren Schulabschluss.

Das Volk im Hochland, wo die »Zivilisation« noch nicht hingekommen ist, leidet noch nicht so stark unter diesen Problemen. Doch auch sie sind durch den Kulturwechsel in Mitleidenschaft gezogen, den all diese »Hilfe« mit sich bringt. Einst lebten diese stolzen Menschen autark und unabhängig, nun sind sie zu Bettlern mit einer Erwartungshaltung geworden.

Was kann ich daran ändern? Ehrlich gesagt, fühle ich mich hilflos. Die meisten sehen mich einfach als Reichen an, den man melken kann. Schon mehrmals hat man mich fast aus dem Tawbuid-Gebiet verbannt, weil gewisse Leute festgestellt haben, dass sie nicht einfach alles von mir bekommen, was sie wollen.

Dennoch bin ich hier, um herauszufinden, wie ich meinem Volk wirklich helfen kann. Die ultimative Hilfe, die sie brauchen, besteht darin, Jesus zu erkennen. In den nun schon über zwanzig Jahren, in denen ich unter den Stämmen auf Mindoro arbeite, habe ich festgestellt, dass Entwicklungshilfe fast nie Erfolg hat, es sei denn, sie ist mit wahrem Christsein verbunden. Auch das Gegenteil trifft zu: Mission, die nicht den Lebensstandard dieser Menschen verbessert, verläuft schnell im Sand und macht die Menschen noch verhärteter. Das Evangelium und die Entwicklungsarbeit müssen Hand in Hand gehen, damit sowohl das eine als auch das andere langfristig Erfolg hat.

Ich habe auch festgestellt, dass Menschen keine Veränderungen annehmen, wenn sie sie nicht selbst entdecken. Unter den Alangan versuchte meine Familie jahrelang den Menschen den Gemüseanbau beizubringen. Gemüse ist nährstoffreicher als Reis und braucht weniger Anbaufläche. Wir verteilten Samen, legten ein Bewässerungssystem an und holten Experten als Lehrer. Doch es nützte alles nichts. Der Gemüseanbau konnte erst Jahre später Fuß fassen, als ein Mann mit einem kleinen Stück Land es tatsächlich darauf ankommen ließ. Er verdiente so viel Geld, dass die Dorfbewohner eifersüchtig wurden. Im nächsten Jahr bauten alle Gemüse an. Bald stieg auch der Lebensstandard im ganzen Dorf.

Schließlich stellte ich fest, dass alles Kostenlose mehr schadet als nützt. Wie schon gesagt, haben kostenlose Lebensmittel und geschenktes Geld mein Volk tiefer in Hilflosigkeit und Armut sinken lassen, statt ihm daraus herauszuhelfen.

Was kann ich also tun, um zu helfen? Ein Projekt, das ich ausprobiere, sind Gummibäume. In der neuen Welt, der sich mein Volk so oder so nicht entziehen können wird, braucht man ein stetiges Einkommen. Sobald ein Gummibaum das Alter erreicht hat, in dem er produziert, liefert er dieses stetige Einkommen das ganze Jahr hindurch für einen Minimalaufwand an Arbeit und Gemeinkosten. Die Bäume können sogar an steilen Hängen wachsen, wo andere Pflanzen nicht überleben oder zu Erosion führen würden. Die Bäume helfen, die Abholzung rückgängig zu machen und das lokale Klima zu stabilisieren. Damit die Sache in Gang kommt, habe ich selbst mehrere Plantagen angelegt, um meinem Volk den Wert zu demonstrieren und um ausreichend Saatgut für alle Interessenten zu haben.

Jeden Tag bekomme ich mehrfach Anfragen nach Lebensmitteln und Geld. Manchmal gebe ich, was ich habe, wenn ich keinen besseren Weg sehe. Doch immer, wenn ich kann, versuche ich diese Gelegenheiten zu nutzen, indem ich Unterricht gebe und einen besseren Weg zeige. Oft biete ich Gelegenheit zur Arbeit an. Kürzlich habe ich mehrere Projekte mit Mikrokrediten begonnen. Statt nur Lebensmittel oder Geld zu verschenken, gebe ich nur wenig Geld, damit sie ein Unternehmen damit gründen können. Der Empfänger muss sich damit einverstanden erklären, dass ich ihm einen Steuerzyklus lang beibringe, wie man ein Geschäft führt. Ich erwarte keine Rückzahlung, aber der Geschäftsinhaber darf das Kapital nicht verbrauchen, um zum Beispiel Lebensmittel zu kaufen, statt es in sein Geschäft zu investieren.

Erst gerade eben haben mich mehrere Schulabgänger angesprochen, ob ich ihnen ihr Studium bezahlen könne. Dazu fehlt mir allerdings das Geld. Denn in dieser Kultur darf ich keinen von ihnen bevorzugen. Wenn ich einen Studenten unterstütze, wird von mir erwartet, dass ich alle anderen auch unterstütze. Außerdem habe ich festgestellt, dass Studenten, denen das Studium komplett bezahlt wurde, nach ihrem Abschluss erwarten, dass die Welt ihnen alles gibt, was sie brauchen. Deshalb bin ich überzeugt, dass Arbeit in jeden Stundenplan gehört.

Glücklicherweise bieten mehrere adventistische Universitäten auf den Philippinen immer noch Arbeits-Studienprogramme an. So habe ich mit den einheimischen Stämmen in Mindoro eine Übereinkunft getroffen: Ich bringe jeden willigen Studenten auf eine dieser Universitäten, strecke ihnen die Anfangsgebühren vor und helfe ihnen bei der Einschreibung. Ab da müssen sie sich dann selbstständig durchs Studium schlagen. Das öffnet jedem Arbeitswilligen die Tür für eine hochqualifizierte adventistische Bildung, und er lernt Fleiß und Selbstvertrauen. Dieses Jahr sind sieben Studenten auf mein Angebot eingegangen und fangen an zu studieren.

Manchmal richten Menschen mit den besten Absichten mehr Schaden an als Gutes zu bewirken. Meist dann, wenn kostenlose Hilfe wahllos angeboten wird. Ich habe dies selbst häufiger getan, als mir lieb ist. Wenn wir jedoch darüber nachdenken und aus unseren Fehlern lernen wollen, können wir Wege finden, dass die Menschen wirklich ein besseres Leben hier auf Erden finden und ewiges Glück auf der neuen Erde.


Aus: Adventist Frontiers, Oktober 2015
http://www.afmonline.org/post/when-helping-hurts

Adventist Frontiers ist eine Publikation von Adventist Frontier Missions (AFM).
AFM hat es sich zum Ziel gesetzt, einheimische Bewegungen ins Leben zu rufen, die Adventgemeinden in unerreichten Volksgruppen gründen.
JOHN HOLBROOK möchte das eingeborene Bergvolk der Tawbuid auf der philippinischen Insel Mindoro erreichen.
www.afmonline.org


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