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Montag, 14 September 2015 – 07:52 Uhr

Lieder aus dem Holocaust Im Dunkeln singen

Im Dunkeln singen

Photo: www.rachelhymanmusic.com

Die jüdisch-adventistische Sängerin Rachel Hyman hat ein neues Album veröffentlicht, mit dem sie ein Stück weit dem biblischen Auftrag nachkommt: »Tröstet, tröstet, mein Volk!« und »Weinet mit den Weinenden!« Von Rachel Hyman

Adolf Hitlers messianischer Aufstieg versprach allen Licht, doch seine Herrschaft brachte unerbittliche Dunkelheit. Hitlers Holocaust vernichtete nicht nur jüdische Männer, Frauen und Kinder – er zerrte auch am Saum der Seele und drohte das Gewebe der Menschlichkeit aufzutrennen. Dennoch komponierten die Leidenden unter einem Baldachin von Waffengeschnatter und Stechschrittgegacker trotzige, verzweifelte Lieder, die von ihrem Mut zeugten. Sie sahen der Wirklichkeit ins Auge und akzeptierten sie.

Diese Lieder laden den Hörer des 21. Jahrhunderts auf eine Reise zurück in den Holocaust ein. Sie machen ihn zum Zeugen der unsäglichen Sinfonie des Bösen, die alle anderen Lieder zum Schweigen brachte und doch diesen Liedern hier den Einsatz gab. Musik, die unser Herz überall dort bricht, wo es zum Brechen gedacht ist. Für alle, deren Menschsein durch das Böse erstickt wurde, deren letzter Atemzug aber noch verwegen der Hoffnung galt; für diese Flüchtlinge, Gefangenen und Ungewollten, müssen auch wir gebrochen werden.

Jüdische Musik im Blut

Rachel Hymans ätherische und doch gefühlvolle Mezzosopranstimme trägt diese rauen, schmerzhaften Themen mühelos hinauf zu unerreichten Gipfeln. Auf ihrer Tournee durch Europa und die Vereinigten Staaten entdeckte Rachel ein großes Bedürfnis nach der reichen Beseeltheit, die den hebräischen Liedern eigen ist. Diese Musik lag ihr schon von Kindheit an im Blut, als sie ihnen als kleines Mädchen in der Synagoge lauschte. Ihre Verbundenheit mit diesen Liedern wurde verstärkt durch ihren Großvater Benjamin Hyman, der sich unermüdlich in der Antidiffamierungsliga engagierte. Rachel kam zu der Überzeugung, dass jüdische Musik – vor allem die Musik aus dem Holocaust – das Anliegen ihres Großvaters fördern könne: dem Antisemitismus ein Ende zu machen, indem man darauf aufmerksam macht, dass das Böse sich eigentlich gar nicht um Rasse, Religion oder Hautfarbe schert.

Rachel holte den Grammy-nominierten Produzenten Marteen Andruet ins Boot, der, was sich überaus gut traf, rein zum Vergnügen Hebräisch gelernt hatte. Obwohl Marteens Produktionserfahrung eine große Bandbreite an Stilrichtungen abdeckte, machte er sich auch einen Namen für außergewöhnliche klassische Instrumentierungen.

Das erste englische Holocaust-Album

Kurz nachdem sie Marteen kennen lernte, erschütterte Rachel die Erkenntnis, dass keines der verfügbaren Holocaust-Alben je auf Englisch aufgenommen wurde. Sie hielt es für unglaublich wichtig, die Lieder auf diese Weise zum Leben zu erwecken. Die einzelnen Stücke fügten sich so vollkommen ineinander, dass nun neue Generationen die Stimmen derer hören können, die ihnen vorangegangen sind. Wie von göttlicher Hand koordiniert, trafen sich schwungvolle Streicher und ein sich aufschwingender Sopran, und die Idee eines Holocaust-Albums war geboren.

Das Holocaust-Album, wie Rachel es sich vorstellte, würde mehr sein als ein schönes Kunstwerk; es würde eine Geschichtsstunde sein, in der es um jiddische Musik im Zweiten Weltkrieg von 1939–42 ging.

Der Faden, der sie zusammenwebt

Wenn wir plötzlich mitten in einer deutsch-jüdischen, bzw. aschkenasischen Gemeinde in den Vorkriegsjahren stünden, so würden wir die lieblichen Töne auf Jiddisch gesungener Melodien hören. Sie thematisierten alles von der Geburt bis zum Tod, über Humor, die Jahreszeiten, den Glauben und die Politik. Europäische Juden webten ihr Leben zusammen mit dem Faden der Lieder und achteten ihre Komponisten und Liederschreiber als treue Hüter ihres kulturellen Erbes. Ganz entgegen unserem Individualismus in der westlichen Welt überließen diese kreativen Künstler ihr geistiges Eigentum selbstlos dem Gemeinwohl und rechneten wie selbstverständlich damit, dass man ihre Melodien und Texte dem konkreten Anlass anpasste.

Über die Jahre setzte sich diese Musik durch. Volkslieder fanden ihren Weg in Konzertsäle und einfache Melodien und Klangfolgen wurden zu Klassikern. Doch die Lebendigkeit der Kunst blieb gut erhalten – so gut, dass es der Seuche des Nationalsozialismus, die dem Volk alles nahm, nicht gelang, ihm seine Musik zu rauben, die Stimme ihrer Volksseele.

Auschwitz im Lied

Rachel geht mit der Veröffentlichung dieser Lieder ein Wagnis ein. Während die weltliche Welt den Gipfel ihrer Vergnügungssucht erreicht hat, singt sie von schrecklichem Leid; während unsere Gedanken von Selbstermächtigung nur so sprühen, singt sie von einem Volk, das hilflos geworden ist. Wie lässt sich das einordnen? Die Juden haben alles verloren, was uns viel bedeutet; sie halten uns immer wieder das Schreckgespenst unserer schlimmsten Ängste vor. Dass sie dennoch Schönheit mitten in diesem Chaos schufen, zeigt, was Viktor Frankl als das Einzige bezeichnet, das wir nie verlieren können – »die letzte der menschlichen Freiheiten – die Entscheidung, welche Einstellung wir in welcher Situation auch immer einnehmen wollen, die eigene Entscheidung«. Frankls Kollegin Edith Eva Eger erinnert sich daran, wie sie im Gras lag, ausgezehrt vom Hunger und doch voller Freude, dass sie immer noch entscheiden konnte, welchen Grashalm sie essen würde. Auf dem Weg nach Auschwitz sagte ihre Mutter: »Niemand kann dir nehmen, was du in dein eigenes Herz legst.« Sie klammerte sich an diese Worte, wie die Liederschreiber und Dichter, die durch diese Lieder Freiheit und Sinn gefunden haben.

Singing in the Dark ist ein Doppelalbum. Auf der ersten CD geht jedem Lied das Zeugnis eines Holocaust-Überlebenden voraus, das die Shoah Foundation freundlicherweise Rachel zur Verfügung gestellt hat. (Die 52.000 Interviews mit Holocaust-Überlebenden – davon über 900 in Deutsch – können hier abgerufen werden: www.vha.fu-berlin.de.) Auf der zweiten CD sind nur die Lieder. Die Zuhörer werden die volle Wucht der Lieder erst begreifen, wenn sie die erste CD mindestens einmal hören, bevor sie sich die zweite CD anhören.

Die Stimmen der Überlebenden erzählen tiefgreifende Geschichte unverblümt ehrlich. Geschichten wie die von Alicia Appleman-Jurman, deren Mitjuden sie aus dem Fenster eines Zuges drängten, der auf dem Weg zur Gaskammer war, und die sie so zur einzigen Überlebenden ihrer Stadt machten. Rubin Sulia erzählt die Geschichte eines unbekannten Helden, dessen Augen von der SS ausgestochen wurden, der ihnen aber trotzdem nicht verriet, wo die geheimen Bunker waren. Ferdinand Tyroler verliebte sich in eine gewisse Edith und hatte mit ihr eine unwahrscheinliche Auschwitz-Affäre. Rabbis in der Kaserne von Manfred Strauss in Buchenwald organisierten einen Gottesdienst und leiteten den Gesang. Doch die SS-Leute eröffneten das Feuer auf das Kasernendach und drohten: »Hört auf zu singen, sonst schießen wir in die Kaserne!« Sie sangen trotzdem und die Soldaten stellten das Feuer ein. Diese Geschichten und andere bringen uns die Lieder sehr nahe und wecken eine Achtung vor dem Volk, das unsäglichen Verlust ertragen hat.

Vom Leid singen

Die Juden, die Tora, der Talmud – keiner von ihnen scheut sich, schmerzhafte Gefühle auszudrücken. Diese Aufnahme ist genau von dieser Eigenschaft gekennzeichnet. Sie gibt sich unverfroren der tragischen Wirklichkeit des Holocausts hin. Bezeichnenderweise wurde bei Rachel während der Aufnahmen Borreliose festgestellt, wodurch die Aufnahmen auch schon für sich genommen schmerzhafte Züge bekamen. Als die Lichter im Studio gedimmt wurden und die Lieder in ihren Kopfhörern abgespielt wurden, begann sie zu tun, was Juden in Zeiten des Schmerzes und des Chaos immer getan haben. Sie begann im Dunkeln zu singen.

Kostproben finden sich auf youtube und hinter folgendem Link: www.rachelhymanmusic.com/#!recordings/c1yi7

Die CD kann hier bestellt werden: www.rachelhymanmusic.com/#!home/mainPage

Quelle: www.rachelhymanmusic.com/#!the-notes/c3s2

 


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