Montag, 30 November 2015 – 08:00 Uhr

Der Ipuwer-Papyrus: Die zehn ägyptischen Plagen in außerbiblischer Quelle

Die zehn ägyptischen Plagen in außerbiblischer Quelle

Bild: wikimedia

Ein Klagelied beschreibt die größte nationale Katastrophe in Ägypten und ihre Auswirkungen. Von Kai Mester

Biblische Geschichte lässt sich in außerbiblischen Quellen noch recht gut bis zurück zu König David verfolgen. Daher wird die Bibel auch von atheistischen Historikern nicht völlig als Geschichtsquelle verworfen. Doch wenn es um Ereignisse zur Richterzeit und vorher geht, wird es schon schwierig.

Gibt es wirklich historische außerbiblische Hinweise auf biblische Ereignisse dieser Zeit?

Die Ägyptologie ist ein tief studierter Forschungszweig und man meint, sie müsste doch einiges über das Volk Israel in Ägypten zur Zeit Josefs und Moses zutage gefördert haben. Ich denke, das hat sie auch. Doch ist die Pharaonenabfolge und ihre Dokumentation auf Inschriften und Papyri so eine komplexe Sache, dass wohl immer Unsicherheiten bleiben werden.

»Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Ich sinne darüber nach den ganzen Tag.« (Psalm 119,97) Jeder, der Gottes Gesetz, die Thora der fünf Bücher Mose, so liebt, wie der Schreiber dieses Psalms, hat sich bestimmt schon mal die Frage gestellt: Wer waren eigentlich die Pharaonen, die zur Zeit Josefs und Moses regierten? Wer war Moses Adoptivmutter? Werden Josef, Moses, die zehn Plagen und der Exodus in der außerbiblischen Geschichtsschreibung denn nirgendwo erwähnt?

Wer war Moses Adoptivmutter?

Während die traditionelle ägyptische Chronologie den Beginn der Pharaonenzeit ab 3000 vor Christus ansiedelt, geht eine jüngere Theorie davon aus, dass die Pharaonen zum Teil parallel regiert haben. Dadurch würde die Pharaonenzeit schrumpfen und hätte erst um 2000 v. Christus begonnen.

Haben die Traditionalisten Recht, dann wäre die berühmte Pharaonin Hatschepsut, die sich als männlicher Pharao ausgab, tatsächlich die beste Kandidatin für die Prinzessin, die Mose aus dem Nil zog. In diesem Fall war Mose vielleicht der ägyptische Senenmut, der es aus armen Verhältnissen bis in höchste Stellungen am Hof schaffte und engster Vertrauter von Hatschepsut war, aber ganz plötzlich und unerklärlich von der Bildfläche verschwand. Dafür fand man aber die Mumien seiner Eltern »Ramose« und »Hatnofer« (Amram und Jochebed?) in einem einfachen Grab. Waren sie verstorben, als er bereits Koregent des Pharao war und wurden daher von ihm ehrenhaft bestattet? Senenmuts Grab aber wurde zerstört, seine Mumie nie gefunden. Das würde dazu passen, dass Mose durch sein Verbrechen und seine Flucht Schande über Ägypten gebracht hatte und man daher das Gedenken an ihn auslöschen wollte.

Stimmt allerdings die neue Theorie, könnte die erste ägyptische Pharaonin Nofrusobek aus der 12. Dynastie Moses Adoptivmutter gewesen sein. Im Gegensatz zu Hatschepsut leugnete sie ihr Geschlecht als Herrscherin nicht. Aber auch sie auch keinen Thronfolger zur Welt gebracht. Ihr Vater Amenemhet III., der fast 50 Jahre regierte, hatte gegen Ende seiner Regierungszeit lange einen Koregenten Amenemhet IV., den einige für Mose halten. Denn auch er verschwand plötzlich wieder von der Bildfläche, kurz bevor Amenemhet III. starb. Mangels eines männlichen Nachfolgers bestieg schließlich Nofrusobek den Thron.

In jedem Fall musste Moses Flucht nach Midian die Frage der Thronfolge aufgeworfen haben. Ebenso der Tod des Erstgeborenen in der zehnten Plage und des Pharaos im Roten Meer. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn die Ägypter ihre monumentale Geschichtsschreibung retuschiert hätten, um diesen unglaublichen Gesichtsverlust zu kaschieren. Vielleicht haben die Ägypter es deswegen der Forschung nicht leicht gemacht, Mose und den Exodus in außerbiblischen Quellen zu finden.

Datierung des Ipuwer-Papyrus

Doch der Ipuwer-Papyrus fällt durch seinen ehrlichen Inhalt auf. Denn nirgendwo sonst in ägyptischen Aufzeichnungen wird von einer so gigantischen Katastrophe geschrieben.

Seine offizielle Bezeichnung ist Papyrus Leiden I 344 und er befindet sich im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden. Paläografisch wird die Abschrift in die 19./20. Pharaonen-Dynastie datiert also in die Zeit nach der 18. Dynastie, mit der die berühmten Namen Ahmose, Amenophis (Amenhotep), Echnaton, Hatschepsut, Nofretete, Thutmose und Tutanchamun verbunden sind (alphabetische Reihenfolge). Diese Dynastie umspannt nach traditioneller Datierung die Jahre 1550–1292 v. Chr. und damit auch die Zeit des biblischen Exodus. Denn die Bibel schreibt, dass der Auszug aus Ägypten genau 480 Jahre vor dem Bau des salomonischen Tempels stattgefunden habe, also im Jahr 1446 v. Chr. (1. Könige 6,1).

Welcher Chronologie man sich auch anschließen mag. Der Ipuwer-Papyrus stammt nicht aus einer Zeit vor dem biblischen Datum für den Exodus. Es dürfte also nichts dagegen sprechen, darin ein Klagelied über die zehn biblischen Plagen zu sehen, die die ägyptische Kultur an den Rand des Abgrunds brachten. Lassen wir doch einige Auszüge daraus einfach mal auf uns wirken.

Inhalt des Ipuwer-Papyrus

I
Der Tugendhafte klagt: Was ist im Land nur geschehen? … die Wüstenstämme sind überall zu Ägyptern geworden … Was die Vorfahren vorhersagten, ist eingetroffen … Das Land quillt über von Verbündeten … Der Nil tritt über die Ufer, doch keiner pflügt danach den Acker. Jeder spricht: ›Wir wissen nicht, was mit dem Land geschehen wird.‹ Unfruchtbar sind die Frauen … keine Männer werden mehr geboren wegen der Zustände im Land.

II
Die Armen besitzen plötzlich Reichtümer … die Seuche ist im ganzen Land, Blut überall, der Tod fehlt nicht … Viele Tote sind im Fluss begraben. Der Strom ein Grab, der Ort der Einbalsamierung ein Strom. Die Adeligen sind in Not, doch der Arme ist voller Freude. Jede Stadt sagt: ›Lasst uns die Mächtigen unterdrücken!‹ … Im ganzen Land ist Schmutz und da ist niemand, dessen Kleider noch weiß sind in diesen Zeiten. Wie eine Töpferscheibe dreht sich das Land. Der Räuber besitzt Reichtümer … Fürwahr, der Fluss ist zu Blut geworden, doch die Menschen trinken daraus … Fürwahr, Tore, Säulen und Mauern sind verbrannt … Städte sind zerstört und Oberägypten ist ein leeres Ödland geworden … Fürwahr, da sind nur noch wenige Menschen und überall beerdigen Menschen ihre Brüder.

III
Fürwahr, die Wüste hat sich im ganzen Land ausgebreitet … und die Ausländer sind nach Ägypten gekommen … Es gibt keine Ägypter mehr. Sklavinnen tragen Halsketten aus Gold und Lapislazuli, Silber und Türkis, Karneol und Amethyst … Uns fehlt Gold … die Rohstoffe sind ausgegangen … Der Palast ist geplündert … Es fehlen Getreide, Holzkohle, Obst und Hölzer … Wozu die Schatzkammer ohne Einnahmen? … Was können wir tun? Verderben überall! Das Lachen ist verstummt … man stöhnt und klagt im ganzen Land.

IV
Ranghoher und Niemand sind nicht mehr zu unterscheiden. Fürwahr, Groß und Klein sprechen: »Ich wünschte zu sterben.« Kleine Kinder sagen: »Man hätte mich nicht zur Welt bringen sollen.« Fürwahr, Prinzen werden an Mauern zerschmettert … Was gestern zu sehen war, ist dahin; das Land ächzt unter seiner Schwäche wie beim Schneiden von Flachs … Die nie das Tageslicht sahen, sind ungehindert hinausgegangen … Frei reden dürfen alle Sklavinnen. Und spricht ihre Herrin, so stört es sie. Fürwahr, die Bäume sind umgestürzt und ihrer Zweige beraubt.


V
Kuchen fehlt für die meisten Kinder; es gibt kein Essen … Großbauern sind hungrig … Fürwahr, der Heißblütige sagt: »Wenn ich wüsste, wo Gott ist, so würde ich ihm dienen.« Läufer kämpfen um den Raub der Räuber. Alles Eigentum wird weggebracht. Fürwahr, die Tiere weinen; die Rinder klagen über den Zustand im Land. Fürwahr, Prinzen werden an Mauern zerschmettert … Fürwahr, der Schrecken tötet; der Geängstigte gebietet dem Einhalt, was gegen deine Feinde getan wird. Die Wenigen sind zufrieden … Fürwahr, die Sklaven … im ganzen Land. Männer lagern im Hinterhalt, bis der nächtliche Wanderer vorbeikommt. Dann plündern sie sein Hab und Gut. Mit Stöcken schlagen sie ihn zusammen und töten ihn. Fürwahr, was gestern zu sehen war, ist dahin, das Land ächzt unter seiner Schwäche wie beim Schneiden von Flachs.

VI
Fürwahr, überall ist die Gerste verdorben und den Menschen fehlt Kleidung, Gewürz und Öl. Jeder sagt: »Es gibt nichts.« Das Lagerhaus ist leer und seine Wächter liegen am Boden … Der Diener ist zum Herrn von Dienern geworden … Die Schriften der Schreiber sind vernichtet … Die Kinder der Mächtigen sind auf die Straße geworfen.

VII
Siehe, Dinge sind geschehen, die lange nicht mehr geschehen sind; der König ist vom Pöbel abgesetzt worden … Siehe, Ägypten ist durch das Schütten von Wasser gefallen und der das Wasser auf den Boden schüttete, hat den Starken ins Elend gestürzt. Siehe, die Schlange ist aus ihrem Loch genommen und die Geheimnisse der Könige von Ober- und Unterägypten sind preisgegeben … Siehe, wer vorher Gewänder besaß, ist nun in Lumpen gekleidet. Doch wer vorher nicht für sich weben konnte, besitzt nun feines Leinen. Siehe, wer vorher kein Boot für sich bauen konnte, besitzt nun eine Flotte … Siehe, wer vorher die Leier nicht kannte, besitzt nun eine Harfe.

VIII
Siehe, wer vorher kein Besitz hatte, besitzt nun Reichtümer und die Mächtigen preisen ihn. Siehe, die Armen des Landes sind reich geworden … Siehe, die Sklaven sind Herren geworden, die einst Boten waren, senden nun selbst jemanden aus … Wer vorher für sich nicht schlachten konnte, schlachtet nun Bullen

http://www.reshafim.org.il/ad/egypt/texts/ipuwer.htm


Mehr auf HOFFNUNG WELTWEIT

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Unsere Datenschutzerklärung