• Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 65): Emanuel wird Missionar

    Emanuel wird Missionar

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    … und erlebt Gottes heilende Kraft. Von John Holbrook

Montag, 28 März 2016 – 08:13 Uhr

Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 38): Ein typischer Tagesablauf

Ein typischer Tagesablauf

Bild: stockpics - Adobe Stock

Wie sieht der Alltag eines Missionars aus? Lässt sich das überhaupt beschreiben? Von John Holbrook

»Bruder! Bruder! Bruder, wach bitte auf!

»O nein!«, stöhnte ich, »was ist denn los?«

»Bruder, Tito ist schrecklich krank.«

Es war noch dunkel und ich brauchte eine Minute, bis mein schläfriges Hirn wahrnahm, dass jemand das ganze Dorf wachschrie. Wie eine Sirene heulte er ganz regelmäßig auf.

»Gut, bring ihn in die Praxis …«, murmelte ich und quälte mich aus dem Bett.

Ich werde oft gefragt, wie ein typischer Tagesablauf hier im Tawbuid-Projekt aussieht. Es ist mir fast unmöglich, darauf zu antworten. Der Begriff »typischer Tagesablauf« ist hier schon ein Widerspruch in sich. Um das zu veranschaulichen, beschreibe ich einmal die Ereignisse von ein paar aufeinander folgenden Tagen, die ich kürzlich erlebt habe.

Als ich in der Praxis ankam, trug man Tito in einer Hängematte durchs Dorf, eskortiert von nicht weniger als 20 der besten jungen Männer aus Balangabong. Alle paar Sekunden gellte ein markerschütternder Schrei durch die Nacht.

In solchen Situationen heißt es, unbedingt ruhig bleiben und vielleicht auch eine Prise Humor mitbringen. Als ich Tito untersuchte, war ich sicher, dass er die ganze Sache maßlos übertrieb. Körperlich schien es ihm in keiner Weise schlecht zu gehen. Während ich ihm Fragen stellte, hörte er zu schreien auf und gab vernünftige Antworten. Er beklagte sich nur über Schwindel und Übelkeit. »Ich glaube, ich habe mich vergiftet!«, wiederholte er. »Vor zwei Tagen habe ich Ratten auf meinem Hof vergiftet. Ich muss aus Versehen etwas von dem Gift geschluckt haben.«

Die Art Rattengift, die er verwendet hatte, hätte ihn allerdings innerhalb von Minuten getötet, wenn er davon wirklich etwas geschluckt hätte. Die Ursache konnte also schon mal ausgeschlossen werden. Als ich seine Lungen abhörte, bat ich ihn, doch bitte eine Minute lang mit dem Schreien aufzuhören. Widerwillig gehorchte er. »Gut«, sagte ich, nachdem ich fertig war, »jetzt dürfen Sie wieder schreien.« Alle kicherten und er schaute etwas verlegen. Doch nach dreißig Sekunden ging es wieder los.

Da ich nichts feststellen konnte, verabreichte ich ihm Holzkohle und etwas gegen Übelkeit. Sein Aufschreien machte aber alle ganz nervös, sodass keiner die Geduld hatte, die Arznei wirken zu lassen. Sie baten mich, ihn ins Krankenhaus zu fahren, also willigte ich ein. Besser auf Nummer sicher gehen!

Als die Dorfmänner den schreienden Tito zu meinem Wagen gebracht hatten, ging es ihm schon fast wieder ganz gut, aber wir entschieden uns, die Fahrt trotzdem zu machen. Am Krankenhaus angekommen, sprang Tito aus dem Auto und sagte mir, er sei gesund. Ich ließ ihn dennoch in der Station Platz nehmen und seine Probleme der Krankenschwester beschreiben.

Eine Stunde später – wir warteten noch auf die Laborergebnisse, fragte Tito mich ungeniert, was für Wirkungen eine Überdosis Schmerzmittel habe. Es stellte sich heraus, dass er fast die dreifache Höchstdosis eines gefährlichen Schmerzmittels genommen hatte, das inzwischen in den USA verboten ist. Ich stöhnte, stand auf, ging zum Arzt und erklärte ihm die Situation. Dieser knurrte Tito an, er dürfe sich nicht selbst medikamentieren und entließ ihn kurzerhand.

Wir sind gerade dabei, einen Dorfbrunnen zu graben. Als ich gegen Mittag müde ins Dorf zurückkam, hörte ich, wie der Motor des Bohrers den Geist aufgab und ging hin, um nachzusehen. Eine Schweißnaht war gebrochen. Wir mussten den schweren Getriebekasten abbauen und zum nächsten Schweißer im Tiefland bringen. Da jemand unseren Lastschlitten stibitzt hatte, mussten wir den Kasten auf unserem Rücken zum Auto hinuntertragen.

Schließlich kehrten wir vom Schweißer zurück und brachten den Bohrer noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zum Laufen. Es war ein erfolgreicher Tag. Wir hatten tatsächlich etwas zustande bekommen.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Auto voller Leute los, um eine Hütte für unsere neueste Missionarin zu bauen. Sie war in ein Dorf am Rand des Hochlands gezogen und hatte um unsere Hilfe gebeten. Wir fuhren so schnell es ging und liefen den Rest zu Fuß. Noch ehe wir auf dem ersten Hügel ankamen, begegneten wir einer Gruppe von Leuten, die einen Schwerkranken trugen. Einige kannten mich und baten mich inständig, sie zum nächsten Gesundheitszentrum zu fahren.

Während der Rest meiner Gruppe weiterlief, machte ich mich auf den Weg ins nächste Abenteuer. Das erste Gesundheitszentrum war ein schönes Gebäude, in dem aber nur eine Sekretärin saß. Wir fuhren in die nächste Stadt. Dort war ein kleines Krankenhaus. Das Personal hatte eine sehr gemächliche Arbeitsweise. Also setzten wir uns und warteten.

Zwei Stunden später bekam ich Hunger. Ich hatte meine Tasche meinen Leuten mitgegeben und vergessen, dass ich mein ganzes Geld darin hatte. Jetzt hatte ich nur meine Schlüssel dabei. Einer meiner Tawbuid-Freunde, der meine Lage erkannte, lud mich freundlicherweise in eines dieser Restaurants ein, die eher einem Loch in der Wand gleichen. Wir wollten uns gerade hinsetzen, da kam die Besitzerin, nahm den gesprungenen Hocker, auf den ich mich setzen wollte und tauschte ihn gegen den neuen Hocker ein, den mein Freund nehmen wollte. Ich konnte ihre Gedanken lesen: »Er ist nur ein Tawbuid. Er braucht nichts Schönes.«

Ich war sofort innerlich am Kochen über solch eine Beleidigung für mein Volk. Aber es wäre kontraproduktiv gewesen, hätte ich die Besitzerin vor dem ganzen Restaurant abgekanzelt. Ohne Worte nahm ich vor ihren Augen einfach den gesprungenen Hocker wieder an mich und gab meinem Tawbuid-Freund den neuen. Ich denke, die Botschaft wurde auch so verstanden.

Nachdem wir fast einen ganzen Tag im Krankenhaus verbracht hatten, sagte man uns, der Patient solle am nächsten Tag wiederkommen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit waren wir wieder im Dorf der Missionarin.

Die nächsten beiden Tage zog ich den ganzen Tag Zähne und behandelte Patienten, während meine Freunde das Haus der Missionarin bauten. Früh am Morgen, an dem wir nach Balangabong zurückkehren wollten, kam ein Dorfältester zielstrebig ins Haus, in dem wir untergebracht waren. In einer für Tawbuid-Verhältnisse sehr barschen Geste setzte er sich ohne Umschweife und fing an, uns auszufragen: »Was machen Sie wirklich hier?«, fragte er. »Patienten behandeln und Zähne ziehen ist ja ganz nett, aber was machen Sie hier wirklich? Versuchen Sie mein Volk zu bekehren? Was führen Sie im Schilde?«

Wir wussten, dass sich Spannung im Dorf aufgebaut hatte. Denn einige wollten schon getauft werden und andere waren zu allem bereit, um eine Gemeindegründung zu verhindern. Unsere Missionarin antwortete zuerst: »Ich bin in dieses Dorf zurückgekommen, um mein Land wieder in Besitz zu nehmen und näher bei meiner Familie zu wohnen, von der ich nun so lange getrennt war. Sie wissen aber auch, dass ich Christin bin, und Gott jeden Sabbat anbete.«

Ich fuhr fort: »Jesus hat überall Patienten behandelt, wohin er kam. Viele haben ihn schließlich abgelehnt. Andere haben ihn angenommen. Jesus hat nie irgendjemand gezwungen, ihm nachzufolgen, auch wenn er der Person schon geholfen hatte. Wenn jemand meine Hilfe möchte, helfe ich auch, so gut ich kann. Wie Jesus werde ich aber niemals einen Menschen zur Taufe zwingen, selbst wenn er meine Hilfe annimmt.«

Scheinbar zufrieden mit unserer Antwort rief der Dorfälteste eines seiner Kinder und bat mich darum, es zu behandeln. Gott sei Dank sind wir an diesem Tag nicht aus dem Dorf verjagt worden.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit trafen wir in Balangabong ein. Ich hörte, dass der Bohrer am Nachmittag wieder zusammengebrochen war und zum Schweißen in die Stadt müsse. Obwohl ich körperlich und emotional erschöpft war, warteten auf meiner Veranda mehrere Leute, um mit mir zu reden. Ich wusste, sie würden erst spät in der Nacht wieder gehen. Ich würde nur ein paar kostbare Stunden zum Schlafen und Beten haben, bevor ein weiterer »typischer« Tagesablauf mit der Dämmerung oder auch schon vorher beginnen würde.

»Bitte Herr«, flehte ich, als ich in jener Nacht gerade beim Einschlafen war. »Bitte, das waren jetzt genug typische Tagesabläufe in letzter Zeit. Ich könnte jetzt wirklich eine Nacht gebrauchen, in der ich durchschlafen kann, eine Nacht ohne Notruf. Doch als der süße Schlaf mich übermannte, schien ich in der dunklen Nacht entfernt ein Heulen zu hören und dann eine Stimme: »Bruder! Bruder! Wach auf, Bruder!«


Aus: Adventist Frontiers, Februar 2016
http://www.afmonline.org/post/typical-days

Adventist Frontiers ist eine Publikation von Adventist Frontier Missions (AFM).
AFM hat es sich zum Ziel gesetzt, einheimische Bewegungen ins Leben zu rufen, die Adventgemeinden in unerreichten Volksgruppen gründen.

JOHN HOLBROOK möchte das eingeborene Bergvolk der Tawbuid auf der philippinischen Insel Mindoro erreichen.

www.afmonline.org


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