Mittwoch, 23 Oktober 2019 – 08:42 Uhr

Exodus: Raus aus der städtischen Zivilisation

Raus aus der städtischen Zivilisation

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Raus aus Lärm, Trubel, Unmoral und Sklaverei. Von Kai Mester

Der Rückzug aus der Stadt und der Ruf aufs Land begegnen uns in den ersten zwei Büchern der Bibel (Genesis und Exodus) gleich mehrmals. Jedes Mal geht es um die Loslösung von der städtischen Zivilisation.

Die Arche Noah

Mit Arche bezeichnet man bis heute Häuser, Reservate oder Projekte, die vor Bedrohung schützen sollen oder der Genesung und Rettung dienen. Die Schutzbefohlenen können beispielsweise Kinder, Patienten, aber auch gefährdete Tiere und Pflanzen sein. Oft bieten solche Archen Schutz vor dem rücksichtslosen, ichbezogenen Geist der städtischen Zivilisation. Dieser Geist herrschte nach biblischem Bericht auch vor der Sintflut. Die städtische Kultur der Nachfahren Kains hatte die ganze Menschheit erobert und führte zum Untergang der damaligen Welt. Doch die Arche bot Schutz für alle, die den Exodus aus jener vorsintflutlichen Welt antraten. (1. Mose 4 – 9)

Der Turmbau zu Babel

Der Exodus aus der Metropole Babel in der Ebene Schinar geschah unfreiwillig. Die Bauarbeiter, die gerade dabei waren, den ersten Wolkenkratzer der Geschichte zu errichten, hatten plötzlich große Probleme mit der Verständigung. Das babylonische Sprachengewirr führte zu einem Exodus ungekannten Ausmaßes. In alle Himmelsrichtungen verließen Familienverbände diese Stadt, um als Nomaden neue Weiten der Wildnis zu erschließen. Doch nach einiger Zeit entstanden auch dort wieder Städte, und die Verstädterung setzt sich bis heute fort. (1. Mose 11,1-9)

Abraham verlässt Ur und Haran

So wie Noah einige Jahrhunderte zuvor wird Abraham aus seiner Stadtkultur herausgerufen. Er lässt die Städte Ur und Haran im Zweistromland hinter sich und reist als Nomade in das spärlich besiedelte Kanaan, das auf halber Strecke zur Hochkultur am Nil liegt. Er zieht mit seinen Herden unweit der beiden Hauptverkehrsrouten umher, die Ägypten mit Mesopotamien verbinden, der Via Maris am Mittelmeer und der Königsstraße im heutigen Jordanien. Zwischen diesen beiden lebt er in den Bergen. Sein Leben ist das wunderschöne Beispiel eines freiwilligen Exodus. Sein Gottvertrauen wurde sprichwörtlich und prägend für die drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. (1. Mose 11,31 – 25)

Lots Flucht aus Sodom

Abrahams Neffe Lot sucht mit seinen Herden wieder die Fruchtbarkeit der Ebene und lässt sich in der Nähe der Städte Sodom und Gomorra nieder. Schon bald zieht er ganz nach Sodom. Kurz vor dem Untergang dieser Stadt werden Lot und ein Teil seiner Familie von göttlichen Boten regelrecht an der Hand aus der Stadt gezogen: »Rette dich ins Bergland, damit du nicht weggerafft wirst!«, wird ihm geraten (1. Mose 19,17). Lots Exodus geschah widerwillig. Die von ihm abstammenden Völker lebten dann tatsächlich in den Bergen östlich der Ebene. (1. Mose 13 – 19)

Lass mein Volk ziehen!

Der bekannteste Exodus, von dem dieser Begriff auf andere Wanderungen übertragen wird, ist der Auszug aus Ägypten. Hier zog ein ganzes Volk aus der Fruchtbarkeit des Nildeltas in die Wildnis Arabiens. Eine Hungersnot hatte Abrahams Enkel Jakob mit seiner Familie in den Schoß der ägyptischen Hochkultur geführt. Doch dieser Weg endete in der Sklavenarbeit, die bis heute in der ein oder anderen Form ein Merkmal städtischer Kultur geblieben ist.

Das Ringen mit dem Pharao um die Befreiung des Volkes Israel inspiriert immer noch alle Menschen, die unterdrückt werden. Lass mein Volk ziehen! Schenk ihm die Freiheit! Das war die Aufforderung an den Gewaltherrscher. Kein Israelit erhob die Waffe gegen die Ägypter. Diese Methode war Mose vierzig Jahre zuvor gründlich ausgetrieben worden – und doch konnte das Volk schließlich in die Freiheit marschieren. Nach weiteren vierzig Jahren Irrweg durch die Wildnis mit temporären Lagerstädten, die in ihrer Einwohnerzahl einer Millionenstadt nicht nachstanden, siedelten sich die Israeliten dezentral als Landwirte verstreut im Land Kanaan an, wo »Milch und Honig fließt« (5. Mose 26,15).

Nicht alle wählen wie die israelitischen Sklaven den Weg der Gewaltlosigkeit. Aber es gibt viele, die statt der gewalttätigen Revolution den stillen Exodus in Länder vollzogen haben, die mehr Freiheiten bieten. Ähnliche Chancen bietet heute der Umzug von der Stadt aufs Land. Die fünf genannten Beispiele aus dem altehrwürdigen Buch der Bibel sind dabei eine Quelle der Inspiration.

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