Freitag, 30 Dezember 2016 – 13:06 Uhr

Gefahren in der Seelsorge Vorsicht vor Beichtstuhlgeflüster

Vorsicht vor Beichtstuhlgeflüster
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In dem aufrichtigen Bemühen zu helfen oder Hilfe zu finden, ist schon so mancher auf die schiefe Bahn geraten. Von Colin Standish
 

In den letzten 20 Jahren ist die Seelsorge zu einer gigantischen Multi-Millionen-Dollar-Industrie angewachsen. Mehr und mehr Männer und Frauen schlüpfen in die Rolle des Seelsorgers, Beraters oder Therapeuten für Unzählige, die unter den verschiedensten seelischen und anderen Problemen leiden.

Die christliche Kirche war schnell zur Stelle, als sie merkte, dass immer mehr Menschen bei Psychologen und Psychiatern Rat suchen und sich von den Geistlichen abwendeten, die in der Vergangenheit traditionell die Rolle des Seelsorgers innehatten. Schon bald bemühten sich viele Pastoren, eine Weiterbildung in Seelsorge zu machen. Sie hatten den natürlichen Wunsch, wirksame Seelsorge-Techniken zu entwickeln.

Seelsorge ist keine neue Kunst. Im Alten wie im Neuen Testament finden sich viele Begebenheiten, bei denen einer dem andern Rat gab. In den Wirkungsjahren Jesu suchten ihn Männer wie Nikodemus und der Reiche Jüngling auf, um sich Rat für ihr ganz persönliches Leben zu holen. Zweifellos ist es gut, wenn Männer und Frauen sich gegenseitig beraten, um einander zu stärken und auf den Pfad der Gerechtigkeit zu führen. Seelsorge birgt jedoch auch ernste Gefahren, besonders heute, wo viele Pastoren diese Art des Dienstes zum Mittelpunkt ihrer Arbeit machen. Es ist daher wichtig, einige Gefahren aufzuzeigen, die mit dieser Arbeit verbunden sind.

Achtung Suchtgefahr!

Die wichtigste Aufgabe jedes Seelsorgers ist es, die Ratsuchenden in völlige Abhängigkeit von Gott zu führen – und nicht von Menschen. »Jedes Gemeindeglied soll erkennen, dass Gott der Einzige ist, bei dem es Aufklärung über die eigenen Aufgaben holen soll. Es ist gut, dass sich Geschwister untereinander beraten. Sobald jedoch ein Mensch seinem Bruder oder seiner Schwester genau vorschreibt, was er oder sie zu tun hat, dann sollen sie ihnen antworten, dass sie sich für den HERRN als Ratgeber entschieden haben.« (Testimonies 9, 280; vgl. Zeugnisse 9, 263)

Ellen White weist auf die Gefahr der Abhängigkeit von Menschen hin. »Menschen laufen Gefahr, menschlichen Rat anzunehmen und dadurch Gottes Rat zu missachten.« (Testimonies 8, 146; vgl. Zeugnisse 8, 150) Dies ist die erste Gefahr in der Seelsorge. Der Seelsorger ermutigt den Ratsuchenden vielleicht ungewollt, sich auf ihn statt auf Gott zu stützen. Doch selbst der gottergebenste Ratgeber kann niemals Gottes Platz einnehmen. Heute neigt man aber immer mehr dazu, auf Menschen statt auf Gott zu schauen. In vielen Fällen führt diese Abhängigkeit zur Schwächung der geistlichen und emotionalen Stabilität des Ratsuchenden. Er fühlt sich dermaßen abhängig von der Beratung des Seelsorgers, dass er häufig bei Wegzug des Seelsorgers einen Verlust verspürt, eine Leere und Angst, die das Ergebnis einer totalen Abhängigkeit von einem bestimmten Menschen sind.

Dieser Gefahr kann der Seelsorger aus dem Weg gehen, wenn er die Ratsuchenden immer wieder daran erinnert, dass er selbst die angesprochenen Probleme nicht lösen kann, er sie aber zum wahren Seelsorger und seinem geschriebenen Wort führen möchte. Das höchste Ziel des Seelsorgers sollte darin bestehen, den Blick der Ratsuchenden vom Menschen weg auf Gott zu wenden. Schon das kleinste Anzeichen, dass jemand in eine Abhängigkeit vom Seelsorger gerät, muss von ihm schnell und liebevoll angesprochen werden und zwar so, dass der Ratsuchende Gott klar als seine sichere Stärke und Zuflucht erkennt.

Achtung Hochmut!

Die zweite Gefahr, die dem Seelsorger droht, ist der Egoismus. Wie leicht entwickelt man diese Ichsucht, wenn immer mehr Personen einen um Rat und Führung für ihr Leben bitten. Dies stellt eine große Bedrohung für das Seelenheil des Seelsorgers dar. Solch ein Egoismus, der einem unbesiegten Ich entspringt, gefährdet die eigene geistliche Entwicklung. Wer sich eine Rolle anmaßt, die Gott ihm nicht zugewiesen hat, wird die Folgen im Gericht zu spüren bekommen. »Gott wird sehr entehrt, wenn Menschen sich an Gottes Stelle setzen. Er allein kann unfehlbaren Rat geben.« (Testimonies to Ministers, 326)

Solch ein Egoismus führt dazu, dass der Seelsorger den Ratsuchenden schnell von sich abhängig macht. Je mehr dieser seine Hilfe lobt, desto größer ist das Risiko, dass er ihn dadurch auf gefährliche und unproduktive Bahnen bringt.

Ablenkung vom Missionsauftrag

Ein weiteres Dilemma, in dem vor allem der Prediger steckt: Je mehr Zeit er mit dieser Arbeit verbringt, desto weniger Zeit hat er für den aktiven Missionsauftrag. Kein Prediger darf sich von Jesu direktem Befehl »Gehet hin in alle Welt … und predigt das Evangelium!« abwenden.

Heute fasst man zwar die Evangeliumsbegriffe weiter. Einige der verbreiteten Vorstellungen sind gut, andere nicht. Es ist jedoch wichtig, zum Kern des Missionsauftrags zurückzukehren. Viele Prediger lassen sich so stark von Verwaltungsaufgaben und seelsorgerischer Beratung vereinnahmen, dass sie der direkten Verkündigung des Evangeliums und dem Vorwärtsstreben nach neuen Horizonten der Wahrheit immer weniger Zeit widmen.

Es ist wichtig, dass jeder zum Predigtdienst Berufene seinen Auftrag versteht, nämlich Männern und Frauen von Jesus und seiner baldigen Wiederkunft zu erzählen. Allzu oft wird die gesamte Zeit des Predigers von der Seelsorge aufgebraucht. Dadurch ist es ihm unmöglich, die Aufgabe wahrzunehmen, zu der er in erster Linie ordiniert wurde.

Leider sind einige Prediger so sehr davon überzeugt, Seelsorge sei ihre Hauptaufgabe, dass sie aus dem Predigtamt ausscheiden, um hauptberuflich als Seelsorger zu arbeiten. Es geht hier nicht darum zu richten, denn es kann auch triftige Gründe für solch eine Veränderung geben. Aber es ist äußerst wichtig für den Seelsorger, die eigenen Beweggründe zu untersuchen, die zu solch einem Wechsel führen oder geführt haben.

Achtung Ansteckungsgefahr!

Die vierte Gefahr für den Seelsorger hat mit den Bedürfnissen seiner eigenen Seele zu tun. Vielleicht übersehen wir manchmal, dass nicht nur der Ratsuchende, sondern vielleicht noch mehr auch der Seelsorger die Einflüsse auf seine Seele sorgfältig zu regulieren hat. Bei der heute oft angewandten Seelsorgemethode setzt der Berater sich häufig mit den lebendig geschilderten Details der Unmoral des Ratsuchenden und dessen sündigem und ausschweifendem Leben auseinander. Doch es ist dem geistlichen Wachstum des Seelsorgers abträglich, Tag für Tag diese Informationen hören zu müssen, die auf das Geistliche zersetzend wirken. Sein eigenes ewiges Schicksal kann als Folge der Konzentration auf solche Dinge gefährdet sein. Wie leicht wird man zum Beichtvater vieler Menschen. Doch diese Verantwortung hat Gott niemals einem Seelsorger auferlegt. Vermeiden wir dies unter allen Umständen! Weisen wir die Ratsuchenden vielmehr auf die wahre Quelle der Vergebung hin!

Abkehr vom klaren Wort zu bedingungsloser Toleranz

Der starke Wunsch nach Seelsorge unter Gottes Volk ist symptomatisch für die Glaubensarmut unserer Zeit. Männern und Frauen, denen die Anforderungen des Lebens schwer zusetzen, fehlt Jesu Friede, der allein Zufriedenheit bringen kann. Sie suchen bei Menschen nach Hilfe und Orientierung für ihr Leben. Die Bibel enthält das beste Heilmittel gegen mangelnden Glauben, doch dieses Heilmittel spielt leider eine immer kleinere Rolle im Leben des gläubigen Christen. »So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.« (Römer 10,17)

Der größte Einsatz der Prediger ist gefordert. Es gilt, die Gemeinden zu einem kontinuierlichen Studium von Gottes Wort zu führen. Nur so kann das Fundament für christliches Leben und christliche Entwicklung gelegt werden. Wenn uns etwas fehlt, dann ist es Glaube. Deshalb macht sich geistlicher Niedergang, Ernüchterung und ein Lebensstil in Unabhängigkeit von Jesus breit.

Wer zu viele Seelsorgetermine hat, hat zu wenig Zeit, Gottes Wort deutlich zu verkündigen. Dem Seelsorger hat man einerseits beigebracht, den Sünder zu lieben, aber die Sünde aufzudecken. Andererseits der zweiten Lehre gelöst. Allzu häufig leidet darunter einer der wichtigsten Dienste, der Dienst der Zurechtweisung. Die Ratsuchenden sind einer Generation von Seelsorgern ausgeliefert, die es versäumt, klar zu zeigen, was »das Leben und das Gute« und was der »Tod und das Böse« ist. (5. Mose 30,15)

Die echte Antwort

Die echte Antwort auf soziale, emotionale und geistliche Probleme findet man weder im Menschen selbst noch bei einem Mitmenschen, sondern in Jesus. Sehr häufig versucht der Seelsorger, die Antworten in der Person selbst zu finden. Viele Seelsorger wenden eine modifizierte Form der Gesprächstherapie von Carl Rogers an. In dieser Therapieform wird der Therapeut zu einer Art Echowand, um so der bekümmerten Person zu helfen, selbst eine Lösung für das Problem zu finden, das sie zum Therapeuten geführt hat. Diese Vorgehensweise stammt aus der heidnisch-griechischen Philosophie, denn sie beruht auf der Annahme, dass sich im Geist jedes Individuums Wahrheit befindet, und dass der Mensch seine eigenen Antworten auf seine Bedürfnisse finden kann.

Andere verwenden das dynamischere Programm der Verhaltensmodifikation. Diese ist jedoch stark von den Wertevorstellungen des Seelsorgers abhängig. Der Seelsorger nimmt es auf sich, zu definieren, welche Verhaltensweise wünschenswert ist. Somit steht er in der Gefahr, sich dem Ratsuchenden gegenüber an Gottes Stelle zu setzen und ihn von der wahren Hilfsquelle, die er so nötig hätte, wegzuführen.

Die Rolle des Predigers als Seelsorger ist dringend neu zu beurteilen; seine Wirksamkeit und seine Grenzen, sodass Gottes Werk nicht von seinem wahren und fundamentalen Zweck abrückt – nämlich dem Abschluss des Missionsauftrags, der Wortverkündigung an die Welt, und der Botschaft, dass Jesus bald wiederkommt.

Zuerst im Deutschen erschienen in Unser festes Fundament, 3-2000.

http://www.hoffnung-weltweit.de/UfF2000/3-2000/Gefahren%20in%20der%20Seelsorge.pdf


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