Mittwoch, 20 Januar 2021 – 11:03 Uhr

Lackmustest für echtes Christentum: Liebe deinen Feind wie dich selbst

Liebe deinen Feind wie dich selbst

Adobe Stock - Gabriela Bertolini

Wie soll das gehen? Von Kai Mester

Ganz gleich, wo man in christlichen Kreisen hinschaut: Feindesliebe bleibt ein seltenes Juwel. Sogar inmitten von beeindruckender Frömmigkeit fehlt dieses Kernstück der Botschaft Jesu.

Unsere großen selbstlosen Leistungen

Man bringt große Opfer an Zeit und Kraft in der Gemeindearbeit, in Hauskreisen, bei Evangelisationen und im Missionsfeld. Man spendet beeindruckende Summen Geld, Grundstücke oder andere materielle Güter und leistet Großes auf dem Feld der Wohltätigkeit. Man bringt familiäre Opfer, indem man lange Missionsreisen unternimmt, auf ein gesichertes Einkommen verzichtet, keine eigenen Kinder bekommt oder gar nicht erst heiratet. Man führt einen aufopfernden zuweilen asketischen Lebensstil, um Gottes Gebote besonders treu zu erfüllen – und die Liste ließe sich fortsetzen. Unser Motiv mag sogar völlig selbstlos sein, pure Dankbarkeit dafür, dass Gott uns so liebt und uns gerettet hat. Doch wo es gilt, den Feind zu lieben, da sind wir so genannten Gotteskinder oft nicht von der Welt zu unterscheiden.

Jesu aufwühlende Worte

Jesus sagte: »Euch aber, die ihr hört, sage ich: Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen, und betet für die, welche euch beleidigen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, biete auch die andere dar; und dem, der dir den Mantel nimmt, verweigere auch das Hemd nicht. Gib aber jedem, der dich bittet; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute behandeln sollen, so behandelt auch ihr sie gleicherweise!
Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, was für einen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, welche sie lieben. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, was für einen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder tun dasselbe. Und wenn ihr denen leiht, von welchen ihr wieder zu empfangen hofft, was für einen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder leihen den Sündern, um das Gleiche wieder zu empfangen.
Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen; so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein, denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.« (Lukas 6,27-35)

»Das Wort darum leitet eine Schlussfolgerung ein … Weil euer himmlischer Vater gütig ist gegen die Undankbaren und Bösen, weil er sich herniederneigte, dich zu erheben, darum sagte Jesus, kannst du ihm wesensgleich werden und untadelig vor Menschen und Engeln stehen.« (Mount of Blessings, 76; vgl. Das bessere Leben, 65)

Wer ist mein Feind?

Wer aber ist mein Feind? Wer hasst mich? Viele von uns werden auf diese Frage vielleicht überhaupt keinen Namen zu nennen wissen. Begegnet mir mein Feind möglicherweise in geheuchelter Höflichkeit oder geht er mir ganz aus dem Weg, sodass ich gar nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er wirklich mein Feind ist?

Große und kleine Feinde

Ich glaube, dass wir täglich die Gelegenheit haben, das Gebot der Feindesliebe zu üben. Es gibt nämlich auch die »kleinen« Feinde. Das sind die Menschen, die mir nicht liebenswert erscheinen, über die ich mich scheinbar zurecht aufrege, die mich nerven. Es sind die Menschen, denen ich nicht so ohne Weiteres aus dem Weg gehen kann, Menschen, die mir unsympathisch sind, die sich unmöglich benehmen, die mich ausnutzen, bevormunden, derentwegen ich mich vor anderen schäme, weil sie vielleicht zu meiner Familie, meinem Freundeskreis, meinen Arbeitskollegen gehören. Ja selbst Menschen, die ich eigentlich liebe, können punktuell zu solchen kleinen Feinden werden. Doch gerade sie soll ich lieben, ihnen wohltun, für sie beten. Ich soll mir von ihnen wehtun, mich von ihnen ausnutzen lassen, ihnen geben, ihnen leihen.

Für viele hört sich das im ersten Moment sehr nach Waschlappen-Mentalität an. Doch wahre Feindesliebe ist feurig. Jesus liebte seine Feinde wirklich von ganzem Herzen.

Jesus und Judas

Jesus wusch Judas die Füße, obwohl er wusste, dass er sich aus der Jüngerkasse, die er verwaltete, bediente, und obwohl er seine Pläne kannte, ihn der jüdischen Obrigkeit auszuliefern. Ja, er ermutigte ihn sogar dazu, seine Pläne rasch umzusetzen. Er wusste von alledem schon, als er Judas zum ersten Mal sah. Dennoch stimmte er dem Vorschlag der anderen zu, ihn in den Jüngerkreis aufzunehmen.

Feindesliebe ist warmherzig

Wahre Feindesliebe liebt gerade da, wo ein Mensch wenig liebenswert zu sein scheint. Dabei ist Feindesliebe kein logischer Entschluss, kein rationales kühles Handeln, weil man eben den Feind nun einmal lieben muss, wenn man ein wahrer Christ sein will. Nein! Feindesliebe ist unbedingt warmherzig. Sie sehnt sich nach der Gegenwart des Feindes, nach seinem Wohl, nach Heilung für sein Herz. Sie weiß, dass dies nur durch Liebe von außen im Leben dieses Menschen geschehen kann.

Wie soll das gehen?

Doch wie ist das möglich? Wie kann ich warmherzige Gefühle für einen Menschen haben, der mich abstößt, der mir wehtut, der mich ausnutzt, der mich nicht leiden kann, der mir gegenüber abweisend und kühl ist oder nur vorne herum freundlich?

Zwei geistliche Überlegungen können die Liebe zu meinem Feind in meinem Herzen entfachen:

1. Jesus starb für meinen Feind

Gott liebt diesen Menschen genauso stark wie mich. Jesus wäre allein für diesen Menschen ans Kreuz gegangen. Wer Jesus über alles liebt, den wird dieser Gedanke verändern. Er kann keine negativen Gefühle mehr für seinen Feind empfinden. Sie mögen ihn als Versuchungen immer noch belästigen. Doch diese Einsicht wird über alle solche Versuchungen siegen.

2. Meinen Feind mit Gottes Augen sehen

Gott möchte sein Ebenbild auch in diesem Menschen wieder ganz herstellen. Letzte Spuren davon sind aber immer noch sichtbar. Liebe das an deinem Feind, was von Gottes Ebenbild noch da ist! Liebe das Potenzial in deinem Feind; liebe das, was Gott aus ihm machen möchte und was du im Glauben schon in ihm sehen kannst! Du wirst staunen, wie dein Feind sich unter einer solchen Liebe zu verändern beginnt.

Angst vor psychischen Störungen?

Denken wir über diese geistlichen Gedanken unter Gebet nach und halten wir uns gleichzeitig an die gesunden, biblischen Schranken für zwischenmenschliche Beziehungen vor allem, wo die Gefahr sexueller Anziehung droht! Dann brauchen wir keine Angst zu haben, dass wir dem Stockholm-Syndrom erliegen, bei dem der Patient sich zu seinem Peiniger hingezogen fühlt und sein Fehlverhalten gar noch rechtfertigt. Auch werden wir keineswegs Freude am Gequältwerden entwickeln wie ein Masochist. Wir werden vielmehr Jesu Leiden auf dieser Erde besser verstehen, seine Sehnsucht teilen und unsere Umgebung wird nachhaltig von dieser göttlichen Liebe, die durch uns fließt, verändert werden.

Feindesliebe verändert uns

Wenn wir diese Feindesliebe an unseren kleinen Feinden praktizieren, werden wir einst auch wie Jesus für unsere großen Feinde beten können, die uns vielleicht wirklich foltern oder umbringen werden: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lukas 23,34) Wir werden den Balken in unserem Auge sehen statt den Splitter im Auge unseres Nächsten. Wir werden uns nicht mehr zufrieden zurücklehnen, wenn unser Feind zu Recht die Folgen seines sündigen Tuns erntet und sagen: »Das geschieht ihm ganz recht!«, oder religiöser, scheinbar selbstloser: »Das ist wichtig für seine Charakterentwicklung!«

Welchen Sünder soll ich lieben?

Wir sprechen gerne davon, dass wir den Sünder lieben und die Sünde hassen sollen. Solange dieser Sünder nicht gegen uns sündigt, fällt uns das leicht. Doch beim Evangelium geht es darum, Jesus nachzufolgen und wie er Menschen zu lieben, die gegen einen selbst sündigen:

»Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. … Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie viel mehr werden wir als Versöhnte gerettet werden durch sein Leben!« (Römer 5,8-10) »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.« (Matthäus 6,12)

Auch der Koran lehrt die Feindesliebe

Sogar im Koran ist Jesu Botschaft von der Feindesliebe enthalten: »Wehre dem Bösen mit dem Besten! Dann wirst du sehen, dass dein Feind zu deinem engen Freund werden wird.« (Fussilat 41,34)

Keine Angst vor Vertrauensmissbrauch!

Verlieren wir unsere Angst! Warum haben wir Angst vor Menschen, für die Jesus gestorben ist? Machen wir uns verwundbar! Gehen wir auf diese Menschen zu und zeigen wir ihnen unsere Wertschätzung! Bringen wir ihnen da Vertrauen entgegen, wo sie scheinbar des Vertrauens nicht würdig sind! Auch auf die Gefahr hin, dass sie es missbrauchen werden. Manchmal wird dieser Vertrauensvorschuss Wunder bewirken. Auch wenn dies seltener geschieht als der Vertrauensmissbrauch, sind diese seltenen Wunder es doch wert, dieses Wagnis einzugehen. Jesus ist es auch eingegangen, obwohl es ihn das Leben gekostet hat.

Die Botschaft vom Kreuz

Das ist die Botschaft vom Kreuz! Statt Kreuze zu tragen oder sonst irgendwo aufzuhängen, sollte dieses wahre, geistliche Kreuz in unserem Leben sichtbar sein. Nur dann werden wir Gottes Kraft überall auf mächtige Weise erleben, wo wir hingehen. Nur dann kann Jesus durch uns das an Sünderherzen bewirken, was er durch seine »Heiligen« an uns bewirkt hat.


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