• Plädoyer für hebräisches Denken: Agape oder Chesed?

    Agape oder Chesed?

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    So viel praktischer …! Von Kai Mester

Mittwoch, 28 April 2021 – 18:23 Uhr

Jüngerschaftsdienste im Kontext: Problematisch, berechtigt, geboten? (1/2)

Problematisch, berechtigt, geboten? (1/2)

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Das Evangelium für andere Kulturen. Von Mike Johnson (Pseudonym)

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Lesezeit 20 Minuten

Seit den Anfängen hat die Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten Jesu Aufforderung sehr ernst genommen, das Evangelium allen Nationen, Stämmen, Sprachen und Völkern zu verkünden. Anderthalb Jahrhunderte später können wir Gott für die Früchte nur loben. Keine protestantische Kirche ist weltweit so präsent wie die Adventgemeinde mit über 16 Millionen Gliedern in 203 Ländern und Gebieten dieser Welt, mit Diensten in 891 Sprachen, mit fast 8.000 Schulen aller Stufen und über 65.000 Adventgemeinden [Stand 2012].* (Quellennachweis siehe Endnote)

Herausforderung 10/40-Fenster

Dennoch ist eines klar: Auch wenn Christen Gottes Güte preisen, bleiben die Herausforderungen bestehen. Bedeutende nicht-christliche Bevölkerungsgruppen vor allem in den Ländern des 10/40-Fensters bleiben weitgehend unerreicht.* Traditionelle evangelistische Ansätze, die in anderen Kontexten sehr viel Erfolg haben, bringen kaum Früchte. Es kommt nur zu wenigen Bekehrungen. Geschichtliche und praktische Gründe haben dort dazu geführt, dass das Christentum oft argwöhnisch betrachtet und als potenzielle Bedrohung der eigenen Gesellschaftsordnung empfunden wird. Folglich werden die wenigen Seelen, die die Adventbotschaft annehmen, oft von ihren Gemeinschaften ausgegrenzt, sodass sie das Evangelium nur sehr eingeschränkt weitertragen können.

Das C1-C6-Spektrum

Auf der Suche nach einem Ausweg aus dieser Sackgasse haben Missiologen verschiedene Modelle der Kontextualisierung entwickelt. Mit ihnen wird das Evangelium in Sprache und Form so verkündet, dass die Zielgruppe es verstehen und annehmen kann.* John Travis hat das so genannte C1-C6-Spektrum entwickelt, um diese kontextualisierten Ansätze zu kategorisieren. (C steht für englisch contextualized)

C1 ist eine typische Gemeinde, die einfach von einem Land in ein anderes verpflanzt wird und dabei die Sprache ihrer Ursprungskultur verwendet.

C2 ist eine C1-Gemeinde, die die Sprache der Einheimischen verwendet, aber keinen Versuch unternimmt, feinfühlig auf ihre Kultur einzugehen.

C3 ist eine C2-Gemeinde, die sich den einheimischen kulturellen Gepflogenheiten anpasst (z. B. in Musik, Kleidung, Kunst).

C4 ist eine C3-Gemeinde, die religiöse Bräuche und Formen der einheimischen Kultur dann übernimmt, wenn diese von der Bibel her akzeptiert werden können. C4-Gläubige geben sich eventuell nicht öffentlich als Christen zu erkennen, dennoch haben sie eine christliche Identität.

Jüngerschaft im Kontext (JK) – Was ist das?

C5 ähnelt sehr C4, unterscheidet sich aber in der Frage des Selbstverständnisses. C5-Dienste können verschiedene Formen annehmen. Das Hauptmerkmal ist aber, dass die Gläubigen sich selbst nicht als Christen [oder Adventisten] betrachten, sondern die Identität ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaften behalten. C5-Dienste sind auch unter anderen Namen bekannt. Ich habe mich dafür entschieden, sie Jüngerschaften im Kontext (JK) zu nennen, da hier Jüngerschaft außerhalb der Grenzen stattfindet, die einen Dienst als christlich ausweisen. Im weiteren Verlauf werde ich nun diesen Begriff verwenden. Dieser Artikel dreht sich um C5-Ansätze aus rein adventistischer Sicht.

C6 beschreibt geheime Gläubige mit möglicherweise verschwommenem Selbstverständnis. Mit C6-Gläubigen beschäftigt sich dieser Artikel jedoch nicht.*

Zwei Arten der Kontextualisierung

C1-C4-Ansätze werfen keine größeren theologischen Fragen auf und ihr Verhältnis zur Organisation ist geregelt. Sie haben zwar unter einigen nicht-christlichen Gruppen Erfolg, in anderen Gruppen jedoch ist ihr Einfluss minimal. JK-Ansätze hingegen haben bewiesen, dass sie das Potenzial haben, einige der größten unerreichten Volksgruppen dieser Welt zu erreichen. Allerdings sind sie auch theologisch und organisatorisch stark umstritten.*

Was JK-Ansätze so erfolgreich und umstritten macht, ist anscheinend die Identitätsfrage.* C1-C4 beschreibt Menschen, die die biblische Wahrheit annehmen und die Entscheidung treffen, Adventist zu werden, auch wenn sie ihr neues Selbstverständnis vielleicht geheim halten. Die äußeren Formen von C1-C4 spiegeln in mancher Hinsicht weiter ihre vor-christliche Kultur wider, und zwar da, wo dies der Bibel nicht widerspricht. Doch die neuen Gläubigen sind sich völlig bewusst, dass sie sich dem Adventglauben angeschlossen haben. Ihre eigene Identität hat eine dramatische Wende erfahren.

Adventistsein, ohne Adventist zu sein?

Ein JK-Gläubiger hingegen nimmt zwar alle adventistischen Glaubensgrundsätze an, und selbstverständlich auch den Glauben an das rettende Opfer Jesu, dennoch wird er kein »Christ«. Ihm wird dieser Identitätswechsel möglicherweise auch gar nicht angeboten. Der Gläubige behält vielmehr seine vorige Identität und sieht nun den neuen Glauben als berechtigten Ausdruck seiner religiösen Ursprungskultur an. Der JK-Gläubige bleibt daher in seinem religionskulturellen Kontext und verwendet weiter die Fachausdrücke der Gemeinschaft, in der er lebt. Gleichzeitig offenbaren sich aber an ihm adventistische Glaubensformen und ein Lebensstil, der eindeutig adventistisch ist.*

Das C5/JK-Modell ist offensichtlich paradox: Der Gläubige erweckt den Eindruck eines Adventisten. Er ist aber weder dem Namen noch der Mitgliedschaft nach einer und denkt möglicherweise auch gar nicht daran, einer zu werden. Kein Wunder, dass dieses Thema Zündstoff liefert! Ich möchte an dieser Stelle eine Behauptung aufstellen: Wenn das Ziel des Evangeliums* darin besteht, Menschen völlig in die Gemeinschaft der adventistischen Freikirche zu bringen und als Mitglieder aufzunehmen, dann sind C1-C4-Dienste die einzigen Dienste, die eine Berechtigung haben.

Mitgliedschaft – Zweck oder Selbstzweck?

Dennoch muss die Frage gestellt werden: Haben Dienste ihren Platz, die nicht zur Vollmitgliedschaft in der Adventgemeinde führen? Und wenn ja, haben JK-Dienste ihren Platz? Ich glaube, dass die Antwort auf beide Fragen ein kräftiges Ja ist. Ich behaupte, dass JK-Dienste nicht nur berechtigt, sondern geboten sind. Sie sind Gottes Werkzeug, den großen Auftrag in diesen letzten Tagen vor Jesu Wiederkunft erfolgreich zum Abschluss zu bringen.*

Artikelüberblick

Um diese Behauptung zu untermauern, wird dieser Artikel sich in drei Teile gliedern. Erstens wird er JK-Dienste aus biblischer Sicht untersuchen [in diesem Post]. Zweitens wird er sie im Licht der Kirchengeschichte und des adventistischen Kirchenverständnisses beleuchten. Drittens werde ich einen ekklesiologischen Rahmen für JK-Dienste vorschlagen, der weder die Integrität noch die Einheit der Adventgemeinde gefährdet [beides im nächsten Post].

Dabei werde ich häufig folgende Begriffe verwenden:

JK-Gläubiger – Einzelne, die die Glaubensgrundsätze der Adventisten angenommen haben, aber in ihrem nicht-christlichen sozioreligiösen Umfeld bleiben.

JK-Dienste – adventistische Ministries, die dafür arbeiten, dass Menschen in ihrem Umfeld zum Glauben kommen und darin gefestigt werden.

JK-Bewegung – JK-Gläubige, die so zahlreich und so untereinander eins sind, dass sie als Bewegung gelten können.

Ursprungskultur/-religion – die nichtchristliche Kultur und/oder Religion, in der ein JK-Dienst tätig ist.

Ein biblisches Fundament

Die meisten Studien, die JK-Dienste befürworten, nähern sich der biblischen Grundlage dafür mit verschiedenen Versen aus der Apostelgeschichte und den Briefen des Apostels Paulus, vor allem aus dem Korintherbrief.* Im Gegensatz dazu möchte ich mich dem Thema von drei sehr einschlägigen Fallstudien aus nähern. Ich habe sie so angeordnet, dass die aussagekräftigste am Ende steht.

Erste Fallstudie – Gott und die Völker

Die Bibel erzählt von Gottes Beziehung zu seinem Volk. Doch immer wieder erhalten wir dabei Einblick in Gottes Beziehung zu den Völkern und Volksgruppen, die formal nicht Teil von Gottes Bündnissen mit seinem Volk waren.* An solchen Gruppen fällt besonders auf, dass der Gott, der sich um die Sperlinge (Lukas 12,6) und um die Lilien kümmert (Matthäus 6,28-30), sich auch intensiv um die Völker kümmert und um ihr moralisches und körperliches Wohlergehen (Matthäus 5,45). Er erwartet von ihnen auch die Erfüllung gewisser Verhaltensnormen. Obwohl sie vielleicht keinen direkten Zugang zu Gottes geoffenbartem Willen in der Schrift haben, sind sie ihm dennoch rechenschaftspflichtig (Römer 1,19-21). Gott beschließt zum Beispiel, Amalek zu bestrafen (5. Mose 25,17.19), weil er das schwache Israel angriff, und Babylon, weil es andere Völker unterdrückte (Habakuk 2,8), Sodom wegen seiner großen Sünde (1. Mose 18,20) und Ninive wegen seiner bösen Wege (Jona 1,2).

Gott hat Mitleid mit den Völkern

Umgekehrt sendet Gott den Völkern Botschaften, um sie zur Buße zu rufen, weil er keinen Gefallen am Tod oder Leiden des Bösen hat (Hesekiel 33,11). Gott schenkt den Amoritern vier Generationen Bewährung, um zu sehen, ob sie bereuen oder den Kelch der Bosheit füllen werden (1. Mose 15,16). Bevor er Sodom der Vernichtung preisgibt, erklärt er, dass er die Stadt schonen werde, falls zehn ihrer Einwohner bereuen (1. Mose 18,32). Während er in Sodom keine zehn findet, ist die Situation in Ninive besser und er entschließt sich freudig, Ninive zu schonen (Jona 4,11).

Gott sendet den Völkern Botschaften

Gott schaut nicht gleichgültig zu, wie die Völker in ihren Untergang rennen. Er ergreift vielmehr die Initiative, um sie zu sich zu ziehen. Die Bibel ersehnt den Tag herbei, an dem die Heiden in die völlige Bundesgemeinschaft eintreten werden (Jesaja 56,3-7). Dieses Eintreten wurde oft mit der Ankunft des Messias in Verbindung gebracht (Jesaja 42,1.6; 43,9.10; 52,10.15; Sacharja 14,16). In Erwartung dessen sollte Israel den Völkern dienen. So schrieben die Propheten Orakelsprüche über Moab auf (z. B. Jesaja 15,1-16,14; Jeremia 48,1- 47; Hesekiel 28,8-13), über Edom (z. B. Jesaja 34,1-17; Jeremia 49,7-22; Hesekiel 25,12-15), die Philister (Hesekiel 25,15-17) und andere. Von Jeremia sagt der HERR: »Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt!« (Jeremia 1,5)

Israel und die Ausländer

Als Gott seine mächtigen Taten wirkte, wollte er damit wenigstens teilweise auch die Völker beeindrucken: »Wir haben gehört«, sagte die kanaanitische Rahab den beiden Kundschaftern und zählte dann ein paar der mächtigen Taten Gottes auf. Dann schloss sie mit den Worten: »Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden!« (Josua 9,24) Die Plagen in Ägypten dienten, wenigstens teilweise, einem evangelistischen Zweck (2. Mose 8,19).*

Bei der Einweihung des Tempels bat Salomo in seinem Weihegebet auch für Ausländer, die den Tempel aufsuchen würden, nachdem sie von Gottes großem Namen gehört hätten (1. Könige 8,41-43). Diese Geisteshaltung spiegelt sich ebenso in Jesaja 56,7 wider. Die Händler, die sich im Vorhof der Heiden versammelten, standen dadurch der Erfüllung der Worte Salomos und Jesajas im Weg, was zumindest teilweise der Grund dafür war, warum Jesus sie vertrieb (Markus 11,17).

Die Noachidischen Gebote

Im Mittelalter entwickelten die Juden den Begriff der Noachidischen Gebote, die ein Minimum an ethischem Verhalten gebieten, das Gott von den Ungläubigen erwartet. Der Begriff der Noachidischen Gebote ist zwar unbiblisch, aber der Grundsatz ethischer Verhaltensnormen für jene, die außerhalb des Bundes stehen, ist durchaus biblisch.

Erleuchtung für Nichtchristen

Die obigen Beispiele zeigen, dass Gott sich eindeutig um das Wohl jener sorgt, die formal Gottes Bund, seinem Volk, nicht angehören. Gott zieht sie nicht nur zur Rechenschaft, sondern unternimmt konkrete Schritte, um auch sie zu erleuchten, obwohl sie außerhalb seines Bundes stehen. Daraus ist zu schließen, dass jeder Dienst, der nichtchristliche Völker Gott näher bringt, obwohl sie außerhalb von Gottes Bund bleiben, im Einklang mit der biblischen Sicht ist.* Mindestens dies leisten JK-Dienste, und man sollte daher in diesem Punkt ihre biblische Berechtigung anerkennen.

Zweite Fallstudie – Gott und einzelne Heiden

Aufbauend auf den obigen Beispielen für Gottes Sorge um die Völker stellen wir in der Bibel fest, dass es zahlreiche Beispiele Einzelner gibt, die zu Glaubensstufen, ja oft tiefen Ebenen gelangten, zu einem innigen Verhältnis mit Gott, obwohl sie sich außerhalb der Bundesgrenzen befanden.

Laban, Jetro, Bileam und Naeman

Isaaks Schwager Laban erkannte Gott an, diente aber auch den Götzen (1. Mose 24,31; 31,19). Als Jakob ins heiratsfähige Alter kam, bestand seine Mutter darauf, dass er kein heidnisches, kanaanitisches Mädchen heiraten sollte, sondern sich eine Frau aus Labans zwar »liberaler«, aber teils noch glaubenstreuer, nicht-israelitischer Familie suchen möchte (1. Mose 27,46-28,3).

Jetro, Moses Schwiegervater, war ein Priester im heidnischen Volk Midian (2. Mose 3,1). Er gehörte nicht zum Bundessystem am Sinai, schloss sich Israel nicht an und folgte vermutlich auch nicht den gesamten gesetzlichen und kultischen Anordnungen, die Gott durch Mose Israel als Bundesverfassung übermittelt hatte.

Bileam lebte weit im Osten (4. Mose 22,5) und war kein Israelit. Es nahm zwar ein tragisches Ende mit ihm, doch einst pflegte er ein enges Verhältnis mit Gott und hatte die Gabe der Prophetie (4. Mose 22,9).

Naeman war ein hochrangiger Syrer, der durch den Dienst einer jungen israelitischen Sklavin und des Propheten Elisa zum Glauben kam (2. Könige 5,1-3.15). Er bekannte sich zum Gott des Himmels und wurde sein Jünger. Dennoch gibt es keinen Hinweis darauf, dass er sich offiziell dem Volk Israel anschloss oder nach Jerusalem reiste, um Opfer zu bringen. Das wäre ihm wahrscheinlich als Hochverrat angerechnet worden. Der biblische Bericht reiht ihn aber eindeutig unter die Treuen aller Zeitalter ein (2. Könige 5,19; Lukas 4,27).

Die Weisen aus dem Morgenland

Die Weisen, die den kleinen Jesus besuchten, kamen auch aus dem Heidentum. Sie stachen unter ihren Glaubensgenossen hervor, weil sie »rechtschaffene Männer waren, die die Hinweise der Vorsehung in der Natur studierten« (Desire of Ages, 59; vgl. Leben Jesu, 43). Durch die Vorsehung und das Studium der Prophezeiungen Bileams studierten sie schließlich die hebräischen Schriften und gelangten zu einem deutlicheren Verständnis des kommenden Befreiers. Sie werden unter die Treuen gerechnet und erhielten sogar direkte Offenbarungen von Gott (Matthäus 2,12). Dennoch gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie sich dem hebräischen Glauben anschlossen oder später der christlichen Gemeinde.*

Die zwölf Johannes-Jünger

Einen besonders interessanten Bericht finden wir in Apostelgeschichte 19,1-7. Als Paulus auf seiner dritten Missionsreise Ephesus besucht, trifft er zwölf Jünger (19,1.7). Auf die Frage, ob sie mit dem Heiligen Geist getauft seien, antworten sie: »Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.« (19,2) Sie hatten nur die Taufe des Johannes empfangen (19,4). Als Paulus dies hörte, taufte er sie noch einmal, nun auf den Namen Jesu, betete für sie, und sie empfingen den Heiligen Geist (19,5.6).

Zwei Dinge sind hier bemerkenswert: (1) ihr geistliches Leben war echt; (2) aber es war auch unvollständig und befand sich außerhalb der Gemeinschaft des Neuen Bundes, der christlichen Gemeinde. Dass ihr geistliches Leben echt war, geht daraus hervor, dass Lukas sie »Jünger« nennt (19,1), ein Begriff, der in der Apostelgeschichte nur den Nachfolgern Jesu vorbehalten ist. Doch ihre Erfahrung war auch deshalb unvollständig, weil sie nicht auf den Namen Jesu getauft worden waren und nicht einmal etwas vom Heiligen Geist gehört hatten.

Johannes der Täufer starb etwa im Jahr 28 n. Chr.* Paulus traf diese Jünger in Ephesus auf seiner dritten Missionsreise also etwa 53 oder 54 n. Chr.* Das bedeutet, dass diese Männer mehr als 25 Jahre ein lebendiges und von Gott anerkanntes, gleichzeitig aber unvollständiges geistliches Leben außerhalb des Hauptteils der Gemeinde geführt hatten. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass sie nicht die einzigen Personen waren, die durch den Dienst des Johannes zum Glauben gekommen waren, aber erst Jahre oder Jahrzehnte später zu einer Reife im Verständnis und in der Zugehörigkeit zur christlichen Kirche kamen. Wahrscheinlich sind einige sogar im Glauben gestorben, ohne je dieselbe Erfahrung gemacht zu haben wie diese zwölf Männer.

Ein Gottesvolk außerhalb von Gottes Volk?

Es ist auch bemerkenswert, dass sie zwölf an der Zahl waren. Ist das ein Zufall? In der Bibel steht die Zahl Zwölf für Gottes Herrschaft und Vollmacht (z. B. 1. Mose 35,22; 2. Mose 24,4; 28,21; Hesekiel 8,24; Jeremia 56,20; Matthäus 10,1, Apostelgeschichte 1,15-26, Offenbarung 12,1; 21,12-24). Hier in Apostelgeschichte 19,1-7 treffen wir zwölf Gläubige mit unvollständigem Glauben, die außerhalb der formalen Grenzen von Gottes Volk leben. Könnte es sein, dass sie repräsentativ für ein Gottesvolk stehen, das sich außerhalb von Gottes Volk befindet? Für Menschen, die das Licht ausleben, das sie empfangen haben, deren Licht aber schwach und unvollständig ist?

In den obigen Fällen sehen wir einen Dienst, der Menschen zum Glauben bringt, aber nicht sofort zur völligen Mitgliedschaft in der Bundesgemeinschaft. Solcher Glaube entsteht und entwickelt sich vielmehr im Kontext* und abseits von Gottes Volk. So wie JK-Dienste hatte Gottes Dienst an diesen Menschen nicht das Ziel, dass sie sich einer besonderen Gemeinschaft anschließen oder eine bestimmte Identität annehmen sollten, sondern dass ihr Glaube langsam zur Reife kommt. JK-Dienste bilden Glauben im Kontext abseits der unmittelbaren Bundesgemeinschaft, so wie Adventisten sie traditionell verstehen. Auf diese Weise halten sich diese Dienste eng an die Art, wie Gott diesen biblischen Gestalten diente. In diesem Sinne folgen JK-Dienste dem Weg einer langen und edlen biblischen Tradition.

Dritte Fallstudie – Jona und Ninive

Die dritte und einschlägigste Fallstudie ist die Geschichte von Jona und Ninive. Ich glaube, dies ist das deutlichste biblische Beispiel für einen voll entfalteten JK-Dienst. Das ist die Faktenlage: Ninive war eine sehr böse Stadt (Jona 1,2), aber in ihr lebten »viele, die nach Besserem und Höherem strebten und die ihre bösen Taten hinter sich lassen und den lebendigen Gott anbeten würden, wenn sie nur die Gelegenheit dazu bekämen, von ihm zu erfahren.« (Prophets and Kings, 265,266; vgl. Propheten und Könige, 188). Gott erwählte Jona, Ninive zu dienen, doch anfangs wollte er nicht gehen. Warum? Jona 4,2.10.11 lässt vermuten, dass er um seinen Ruf fürchtete und auch keine wirkliche Liebe zu diesem Volk hatte.* Ellen White fügt hinzu, dass ihm der Auftrag undurchführbar erschien und sagt, dass auch Angst eine Rolle spielte (Ibid., vgl. ebd.). Assyrien war die größte Macht in der Region, ein politisches Schwergewicht. Man kann sich also in seine Lage hineinversetzen.

Jonas JK-Dienst

Sobald Jona in Ninive angekommen war, dient er der Stadt scheinbar planlos und keinesfalls flächendeckend. Obwohl die Stadt riesig war, »drei Tagesreisen groß« (Jona 3,3), wirkte Jona nur einen Tag dort (3,4). Seine Botschaft war schlicht: »Noch 40 Tage, und Ninive wird zerstört!« (3,4) Ellen White kommentiert, als Ergebnis davon sei Gottes »Gesetz gehuldigt worden« (Ibid. 271; vgl. ebd. 192). Das lässt darauf schließen, dass Jonas Botschaft doch umfassender war. Dennoch scheint es, dass nichts über Gottes vergebende Macht gesagt wurde, über das Opfersystem, das das Kommen des Befreiers vorausschattete, über die Beschneidung, den Bund, die Einzelheiten des mosaischen Gesetzes. Nichts weist darauf hin, dass Ninive mit Jerusalem irgendeine formale, administrative Beziehung einging oder dass es irgendwie Israel, dem Volk Gottes, angegliedert wurde. Wenn man Jonas Dienst auf dem Spektrum von Travis einordnen wollte, so müsste man es auf einen Kontextualisierungsgrad von C7 oder C8 erweitern, denn Jonas Dienst ging weit über das C5-Modell hinaus. Dennoch gefiel Gott Jonas Dienst (Jona 4,11).

Die ninivitische Reformation

Das Ausmaß seines Erfolgs ist schwer zu übersehen. Der Dienst an nur einem Tag brachte eine Stadt von 120.000 Menschen zur Buße. Das ist 40-mal so viel, wie die Zahl der Bekehrten an Pfingsten! Zwar hat sich nicht jeder dieser 120.000 unbedingt »zum Heil« bekehrt [2. Korinther 7,10]. Trotzdem war der Erfolg phänomenal. Jesus lobte die Reaktion Ninives weitaus mehr als die Antwort der Menschenmassen auf seinen eigenen Dienst (Lukas 11,32). Wir haben alles Recht von einer ninivitischen Reformation zu sprechen, einer Bewegung, die einige Zeit andauerte (Ibid. 363; vgl. ebd. 256).

Niniviten in der Ewigkeit?

Bot Jonas Dienst nur irdische Rettung vor der angedrohten buchstäblichen Vernichtung? Oder hatte er auch ewige Folgen? In Matthäus 12,41 und Lukas 11,32 spricht Jesus von den Einwohnern Ninives, die am Jüngsten Tag aufstehen werden (anastēsontai), weil sie durch die Botschaft des Jona Buße getan haben (metenoēsan). Das Verb metenoēsan deutet auf eine echte Bekehrung und Herzensänderung hin ganz im Gegensatz zu einer vorübergehenden Verhaltensänderung, die nur irdisches Unglück abwenden möchte. Anastēsontai spricht von der Auferstehung der Gerechten. Es sieht ganz so aus, als hätte Jonas Dienst (1) allen Einwohnern irdische Rettung vor der Zerstörung gebracht und (2) wenigstens einigen Niniviten ewige Rettung.

Parallelen zwischen Jona und JK-Diensten

Die Parallele zwischen Jonas Dienst und JK-Diensten sticht ins Auge: (1) die Sündigkeit der Stadt; (2) die große Anzahl derer, die sich nach etwas Besserem sehnen; (3) das Zögern der Leiter in der Bundesgemeinschaft, wenn es darum geht, der Not kreativ abzuhelfen, (4) das Fehlen von formal-administrativen Verbindungen zwischen der ninivitischen Reformation und der israelitischen Bundesgemeinschaft. Jonas Dienst ist wirklich ein Beispiel für einen JK-Dienst.

Zusammenfassung der Präzedenzfälle

Fassen wir nun die Betrachtung der biblischen Präzedenzfälle zusammen. In der ersten Fallstudie haben wir Gottes Interesse am Wohl der heidnischen Nationen zur Zeit des Alten Testaments untersucht. Wir haben gesehen, dass Gott einen moralischen Maßstab an das Verhalten dieser Völker anlegte und ihnen aktiv durch sein auserwähltes Volk diente, um diesen Maßstab hochzuhalten, obwohl diese Völker nicht in die rettende Bundesbeziehung mit Gott eintraten. Da JK-Dienste den Glauben an Jesus fördern und Gottes Gesetz hochhalten, treten auch sie für den moralischen Maßstab unter den Völkern ein. JK-Dienste sind daher berechtigt.

Aus der zweiten Fallstudie ging hervor, dass es Heiden gab, die ein lebendiges Glaubensleben außerhalb von Gottes Bundesgemeinschaft führten. Dies macht deutlich, dass Heilsdienste nicht immer zur Mitgliedschaft in der sichtbaren, organisierten Familie von Gottes Volk führen, wenigstens nicht unmittelbar. Zwar ist das natürliche Ziel aller evangelistischen Bemühungen die Taufe und die Mitgliedschaft in der Gemeinde,* doch Gottes Geist behält sich die Freiheit vor, auch außerhalb kirchlicher Grenzen zu arbeiten. Dort, wo durch gesellschaftliche Faktoren eine Kirchenmitgliedschaft unrealistisch ist, sollte die Kirche sich nicht anmaßen, das Ausmaß und die Leistungsfähigkeit des Geisteswirkens durch Glaubensbekenntnisse einzuschränken.

Am deutlichsten aber haben wir in der dritten Fallstudie gesehen, dass Jonas Dienst an Ninive ein Beispiel für einen voll entfalteten JK-Dienst in Aktion ist. Diese Geschichte erzählt uns von der starken Kontextualisierung, gegen die sich die aussendende Organisation innerlich sperrte, die aber dann doch auf Gottes Befehl hin gestartet wurde, unglaublichen Erfolg hatte und zu einer Reformationsbewegung führte, die sich zwar nicht direkt an die Mutterorganisation anschloss, aber dennoch ein Volk auf das Himmelreich vorbereitete.

Gott sehnt sich danach, die Völker zu segnen

Das verbindende Element hinter all diesen und vielen anderen biblischen Beispielen ist, dass Gott allen Völkern die Segnungen wünscht, die aus einem innigen Leben mit ihm erwachsen. Diese Segnungen werden in ihrer größten Fülle innerhalb der Bundesgrenzen erfahren, die Gott selbst gezogen hat, also durch die volle Zugehörigkeit zu seinem Volk. Dennoch sorgt sich Gott auch um die Völker und Einzelnen, die weit von seinem Volk und Bund entfernt sind. Jeder Dienst, der dazu beiträgt, diese verlorenen Söhne dem Ideal Gottes näher zu bringen, hat seine Berechtigung. Adventistische JK-Dienste tun genau das und sind daher berechtigt, ob das Endergebnis nun hübsch in den Rahmen passt, den das Gemeindehandbuch steckt oder nicht.*

Zweiter Teil folgt.

In diesem Artikel sind viele Quellennachweise ausgelassen worden. An diesen Stellen steht ein *. Die Quellen können im englischen Original nachgelesen werden. Zu bestellen unter https://digitalcommons.andrews.edu/jams/.

Aus: MIKE JOHNSON (Pseudonym) in: Issues in Muslim Studies, Journal of Adventist Mission Studies (2012), Bd. 8, Nr. 2, S. 18-26.

Mit freundlicher Genehmigung.


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