• Wie Fanatismus alles wieder zu zerstören drohte (Reformationsserie 17): Neue Strategie gegen Martin Luther

    Neue Strategie gegen Martin Luther

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    Oder eben doch ein Klassiker? Von Ellen White

Freitag, 15 Oktober 2021 – 08:10 Uhr

Wie Fanatismus alles wieder zu zerstören drohte (Reformationsserie 17): Neue Strategie gegen Martin Luther

Neue Strategie gegen Martin Luther

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Oder eben doch ein Klassiker? Von Ellen White

Lesezeit: 8 Minuten

Wie wirkte sich Luthers mysteriöse Abwesenheit auf die Welt aus, während er sicher auf der Wartburg versteckt war? Ganz Deutschland geriet in Aufruhr. Überall forschte man nach seinem Verbleib. Sogar seine Feinde wühlten seine Abwesenheit mehr auf, als es seine Anwesenheit getan hätte. Die wildesten Gerüchte waren im Umlauf. Viele glaubten, er sei ermordet worden. Es gab große Klagen, nicht nur von seinen erklärten Freunden, sondern auch von Tausenden, die sich nicht offen zur Reformation bekannt hatten. Das Volk sagte: »Nie mehr werden wir ihn sehen. Nie wieder werden wir diesen mutigen Mann hören. Seine Stimme ging uns tief zu Herzen.« Viele schworen feierlich, seinen Tod zu rächen.

Die Anhänger Roms sahen mit Schrecken, wie stark sich die Stimmung gegen sie steigerte. Hatten sie sich zunächst über den vermeintlichen Tod Luthers gefreut, so wollten sie sich nun vor dem Zorn des Volkes verstecken. Wer gegen ihn gewettert hatte, als er noch auf freiem Fuß war, war nun, wo er in Gefangenschaft war, von Angst erfüllt. »Die einzige Erlösung für uns«, sagte ein römischer Katholik, »besteht darin, mit unseren Fackeln die Erde nach Luther zu durchforsten, bis wir ihn einer Nation zurückgeben können, die ihn unbedingt haben will.«

Das kaiserliche Edikt schien machtlos zu sein. Die päpstlichen Legaten waren empört, als es weit weniger Beachtung fand als das Schicksal Luthers. »Die Tinte der Unterschrift«, sagten sie, konnte kaum trocknen, da wurde das kaiserliche Dekret schon von allen Seiten zerrissen.«

Die Reformation nahm immer mehr Fahrt auf. Immer mehr Menschen schlossen sich der Sache dieses Helden an, der unter so furchtbaren Umständen Gottes Wort verteidigt hatte. Die Leute sagten: »Hat er nicht angeboten, zu widerrufen, wenn man ihn widerlegt? Aber keiner wagte es, ihn zu widerlegen? Zeigt das nicht, dass seine Worte wahr sind?«

Seine Saat ging überall auf. Luthers Abwesenheit bewirkte etwas, das seine Anwesenheit nicht hätte vollbringen können. Andere Mitarbeiter fühlten neue Verantwortung, weil ihr großer Meister verschwunden war. Mit neuem Glauben und Ernst drängten sie vorwärts, um alles zu tun, damit das so edel begonnene Werk nicht behindert werde.

Strategiewechsel der finsteren Mächte: Gefühle, »Eingebungen« und fehlender Teamgeist

Aber während die Reformation stetig und sicher voranschritt, war Satan nicht untätig. Da all seine bisherigen Bemühungen gescheitert waren, wandte er nun einen anderen Plan an. Er versuchte wie bei jeder anderen reformatorischen Bewegung bisher, die Menschen zu täuschen und zu zerstören, indem er ihnen eine Fälschung unterjubelte. Wie im ersten Jahrhundert der christlichen Kirche gab es auch im sechzehnten Jahrhundert falsche Propheten.

Ein paar von den Männern, denen die Geschehnisse in der religiösen Welt tief zu Herzen gingen, bildeten sich ein, besondere Offenbarungen vom Himmel zu erhalten. Sie wollten sich nicht von Gottes Wort leiten lassen, sondern überließen sich ihren Gefühlen und Eindrücken. Statt die Aufforderung des Apostels zu beherzigen, sich nach demselben Maßstab zu richten, dieselben Dinge zu bedenken und mit denen, die Gott leitete an einem Strang zu ziehen, beschlossen sie, auf eigene Faust vorwärts zu preschen. Sie sahen sich von Gott beauftragt, die von Luther nur schwach begonnene Reformation zu Ende zu führen. In Wahrheit machten sie das von ihm begonnene Werk wieder rückgängig. Luther hatte den Menschen Gottes Wort als Maßstab vorgelegt, an dem ihr Charakter und ihr Glaube zu prüfen sei. Diese Männer ersetzten diesen unfehlbaren Führer durch den wechselhaften und unsicheren Maßstab ihrer eigenen Gefühle und Eindrücke.

»Was bringt es«, fragten sie, »wenn man sich so genau an die Heilige Schrift hält? Man hört ja nur noch die Bibel. Kann denn die Bibel zu uns predigen? Reicht sie zur Unterweisung aus? Wenn Gott uns durch ein Buch belehren wollte, hätte er uns dann nicht eine Bibel direkt vom Himmel gesandt? Nur durch den Geist können wir erleuchtet werden. Gott selbst spricht zu uns und zeigt uns, was wir tun und was wir sagen sollen. Auf diese Weise versuchten diese Männer, das Grundprinzip, auf dem die Reformation beruhte, umzustoßen – Gottes Wort als allgenügende Norm für Glauben und Praxis. Indem sie den großen Detektor von Irrtum und Falschheit beiseite legten, wurde der Weg für Satan geöffnet, die Gemüter nach Lust und Laune zu kontrollieren.

Visionen, Geheimwissen, Bildungsferne und Leidenschaft

In der Stadt Zwickau tauchte ein Mann auf, der behauptete, vom Engel Gabriel besucht und in Geheimnisse eingeweiht worden zu sein. Ein ehemaliger Student von Wittenberg schloss sich diesem Fanatiker an und brach sofort sein Studium ab. Er erklärte, Gott selbst schenke ihm die Fähigkeit, die Heilige Schrift auszulegen. Mehrere andere Personen, die von Natur aus zum Fanatismus neigten, schlossen sich diesen Männern an; und als ihre Anhängerschaft zunahm, gründeten die Führer eine Organisation mit Propheten und Aposteln nach dem angeblichen Beispiel Jesu.

Sensation, Anarchie und Gewalt

Das Vorgehen dieser Schwärmer schlug Wellen. Luthers Predigt hatte das Volk überall aufgerüttelt und für die Reformation gewonnen. Nun wurden einige wirklich ehrliche Menschen durch die Behauptungen der neuen Propheten in die Irre geführt. Besonders wer sich vom Sensationellen faszinieren ließ, schloss sich der fanatischen Partei an. Aber die Freunde des Reformators traten der Irrlehre prompt entgegen. Der Pfarrer der Kirche von Zwickau war ein Mann, der die von Luther gepredigten Wahrheiten auslebte. Er prüfte alles an Gottes Wort und ließ sich daher von diesen Heuchlern nicht täuschen. Entschlossen widerstand er den Täuschungen, die sie einzuführen suchten, und seine Diakone unterstützten ihn dabei.

Die Fanatiker, denen sich die Amtsträger der Kirche entgegenstellten, wandten sich gegen alle etablierten Formen der Ordnung und Organisation. Ihre leidenschaftlichen Appelle erweckten und erregten das Volk, das in seinem Eifer gegen Rom zur Gewalt griff. Ein Priester, der die Hostie trug, wurde mit Steinen beworfen, und die Zivilbehörden, die zum Einschreiten aufgefordert wurden, inhaftierten die Angreifer.

Luthers Freunde sind ratlos

In der Absicht, ihr Vorgehen zu rechtfertigen und Unterstützung zu erlangen, begaben sich die Führer der Bewegung nach Wittenberg und trugen ihren Fall den Professoren der Universität vor. Sie sagten: »Wir sind von Gott gesandt, um das Volk zu lehren. Wir haben besondere Offenbarungen von Gott über die Zukunft erhalten. Wir sind Apostel und Propheten und Dr. Luther würde bestätigen, dass wir die Wahrheit sagen.«

Die Professoren waren erstaunt und verblüfft. So etwas war ihnen neu, und sie wussten nicht, was tun. Melanchthon sagte: »Es gibt in der Tat außergewöhnliche Geister unter diesen Männern; aber welche Geister? Niemand außer Luther kann das entscheiden. Wir müssen uns einerseits davor hüten, Gottes Geist zu unterdrücken. Andererseits dürfen wir uns nicht vom Geist des Satans verführen lassen.«

Diese Männer vertraten Lehren, die der Reformation direkt widersprachen, und die Früchte der neuen Lehren wurden bald sichtbar. Sie lenkten den Verstand des Volkes von Gottes Worten ab oder machten sie voreingenommen. Sowohl die Universität als auch die unteren Schulen gerieten in Verwirrung. Studenten brachen ihr Studium ab, und die deutschen Staaten übernahmen die Kontrolle über alles, was in ihrem Bereich lag. So brachten die Männer, die sich für fähig hielten, das Werk der Reformation wiederzubeleben und zu leiten, es vielmehr an den Rand des Ruins.

Martin Luther als letzte Hoffnung

Als Luther auf der Wartburg hörte, was geschehen war, sagte er mit tiefer Sorge: »Ich habe immer erwartet, dass Satan uns diese Plage schicken würde.« Die Anhänger Roms wurden nun wieder mutiger und riefen jubelnd aus: »Noch ein Versuch, und alles wird unser sein.« Eine rasche und entschlossene Anstrengung zur Eindämmung des Fanatismus war die einzige Hoffnung der Reformation.

Nun fragte ganz Wittenberg nach Luther. Niemals waren sein gesunder Menschenverstand und seine unnachgiebige Standhaftigkeit so nötig gewesen. Weder der milde und friedliebende Kurfürst noch der schüchterne und jugendliche Melanchthon waren auf einen solchen Feind vorbereitet. Professoren und Bürger spürten gleichermaßen, dass allein Luther sie sicher durch diese Krise führen konnte. Selbst die Fanatiker beriefen sich auf ihn.

Luther erhielt zahllose Briefe, in denen die verschiedenen Aspekte dieses neuen Übels und seine unheilvollen Folgen beschrieben wurden. Man bat ihn inständig um seine Anwesenheit. Er erkannte den wahren Charakter dieser angeblichen Propheten und sah die Gefahr, die der Kirche drohte. Alles, was er durch den Widerstand des Papstes und des Kaisers erduldet hatte, war weniger verwirrend und beunruhigend gewesen als dieses trügerische Werk, das sich nun mit der Reformation verband. Aus den eigenen Reihen waren die schlimmsten Feinde aufgestanden. Vorgebliche Freunde rissen ein, was er unter ungeheuren Mühen aufgebaut hatte. Gerade die Wahrheiten, die seinem aufgewühlten Herzen Frieden gebracht hatten, wurden nun zur Ursache von Spaltung.

Bei der Reformation trieb Gottes Geist Luther voran und ließ ihn über sich selbst hinauswachsen. Es war nicht seine Absicht gewesen, solche Positionen einzunehmen oder so radikale Veränderungen vorzunehmen. Er war nur das Werkzeug in den Händen einer unendlichen Macht. Dennoch zitterte er oft um das Ergebnis seiner Arbeit. Er hatte einmal gesagt: »Wenn ich wüsste, dass meine Lehre auch nur einem einzigen armen und unbekannten Menschen geschadet hätte – was nicht möglich ist, denn sie ist das Evangelium selbst –, würde ich lieber zehnmal dem Tod ins Auge sehen, als sie nicht zu widerrufen.«

Und nun versinkt eine ganze Stadt, die Stadt Wittenberg, in Verwirrung. Die Lehre Luthers hat dieses Übel nicht verursacht; aber in ganz Deutschland machten seine Feinde ihn dafür verantwortlich. Bitter fragte er sich: »Soll dies das Ergebnis des großen Reformationswerks sein?« Als er erneut mit Gott im Gebet rang, erfüllte Frieden sein Herz. »Es ist nicht mein Werk, sondern deines«, sagte er; »du wirst nicht zulassen, dass es durch Aberglauben oder Fanatismus zerstört wird.« Aber der Gedanke, in einer solchen Krise dem Konflikt länger fernzubleiben, wurde immer unerträglicher. Er beschloss, hinauszugehen und dem störenden Element Einhalt zu gebieten, das der Sache der Wahrheit und der Gerechtigkeit so großen Schaden zuzufügen drohte.

Aus Signs of the Times, 18. Oktober 1883


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