• Bemühungen um Luther (Reformationsserie 15): Überredungskunst stößt an Grenzen

    Überredungskunst stößt an Grenzen

    Eine in Deutschland gedruckte Briefmarke, die ein Bild des Reichstages in Worms zeigt. Text: Luther vor Karl dem V.
    Shutterstock.com - zabanski

    Gottes Wort war für ihn die rote Linie. Von Ellen White

Donnerstag, 11 Februar 2021 – 08:20 Uhr

Bemühungen um Luther (Reformationsserie 15): Überredungskunst stößt an Grenzen

Überredungskunst stößt an Grenzen

Eine in Deutschland gedruckte Briefmarke, die ein Bild des Reichstages in Worms zeigt. Text: Luther vor Karl dem V.
Shutterstock.com - zabanski

Gottes Wort war für ihn die rote Linie. Von Ellen White

Kaum war die Zustimmung des Kaisers eingeholt, versuchte man, sich mit Luther zu einigen. Der Erzbischof von Trier, ein überzeugter Anhänger Roms und enger Freund des Kurfürsten Friedrich, setzte sich als Vermittler ein. Der Reformator wurde in die Residenz dieses Prälaten gerufen. Dort warteten mehrere kirchliche Würdenträger, weltliche Adlige und Abgeordnete, darunter auch Cochläus, ein Kundschafter des päpstlichen Legaten.

Der Sprecher der Versammelten war selbst an einer Reformation der Kirche interessiert und stand Luther deshalb wohlwollend gegenüber. Mit großer Freundlichkeit wandte er sich an den Reformator und versicherte ihm, dass alle anwesenden Fürsten es mit ihrem Bemühen, ihn zu retten, ernst meinten. Sollte er aber über Kirche und Konzile zu Gericht sitzen wollen, würde er aus dem Reich unweigerlich verbannt werden.

Darauf antwortete Luther: »Das Evangelium von Christus lässt sich nicht predigen, ohne Anstoß zu erregen. Sollte ich mich aus Angst vom HERRN trennen und vom göttlichen Wort, das allein Wahrheit ist? Nein. Lieber will ich Leib, Blut und Leben selbst opfern.«

Erneut wurde er gedrängt, sich dem Urteil des Kaisers zu unterwerfen. Dann hätte er nichts mehr zu befürchten. »Ich lasse von Herzen gerne«, antwortete er, »meine Schriften vom Kaiser, den Fürsten und auch den einfachsten Christen prüfen und beurteilen; doch unter der Bedingung, dass sie sich an Gottes Wort orientieren. Denn das ist der einzige Auftrag des Menschen. Ich bin mit meinem Gewissen an dieses Wort gebunden und folge treu seinem Auftrag.«

Die Versammlung löste sich bald auf. Zwei oder drei blieben jedoch zurück mit dem großen Wunsch, ihr Ziel zu erreichen. Aber Luther blieb felsenfest. »Der Papst«, sagte er, »ist kein Richter über das Wort des HERRN. Es ist die Pflicht eines jeden Christen, zu erkennen, wie man lebt und stirbt.«

Vom Scheitern dieses Vorhabens erfuhr der Reichstag durch den Erzbischof von Trier. Des jungen Kaisers Überraschung darüber wurde nur von seiner Empörung übertroffen. »Es ist höchste Zeit«, sagte er, »dieser Sache ein Ende zu setzen.« Der Erzbischof plädierte für zwei weitere Tage und der gesamte Landtag schloss sich der Bitte an. Der Kaiser stimmte zu. Nur der Legat war dagegen.

Lockmittel: öffentliche Debatte

Ein weiterer Versuch einer Einigung wurde unternommen. Cochläus wollte unbedingt erreichen, was Könige und Prälaten nicht geschafft hatten. Bei einem Essen mit Luther in seinem Hotel drängte er ihn freundlich zum Widerruf. Luther schüttelte den Kopf. Mehrere Personen am Tisch drückten ihre Empörung darüber aus, dass die Anhänger des Papstes Luther nicht mit Argumenten, sondern mit Druck zu überzeugen suchten. Cochläus bot ihm daraufhin an, eine öffentliche Debatte mit ihm zu führen, wenn er auf sein freies Geleit verzichte. Nichts wünschte Luther sich sehnlicher als eine öffentliche Debatte. Doch er wusste, ohne freies Geleit, war dies lebensgefährlich. Die Gäste ahnten, dass hinter Cochläus' Vorschlag eine List des Papstes stand, um Luther denen auszuliefern, die seinen Untergang planten. Empört ergriffen sie den erschrockenen Priester und setzen ihn vor die Tür.

Lockmittel: gemütliches Abendessen

Der Erzbischof von Trier wünschte eine weitere Unterredung und lud die Personen zum Abendessen ein, die an der vorigen Zusammenkunft teilgenommen hatten. Er hoffte, dass die Parteien beim gemütlichen Beisammensein eher zu einer Versöhnung bereit sein würden. Die wiederholten Bemühungen, Luther von seiner Standhaftigkeit abzubringen, erinnern an Balak, der Bileam von einem Aussichtspunkt zum nächsten führte, vergeblich hoffend, ihm einen Fluch über Israel zu entlocken. Das gelang dem Bischof nicht besser als dem moabitischen König. Weder menschlicher Beifall noch Menschenfurcht waren imstande, an der Entscheidung des Reformators zu rütteln. Eine göttliche Kraft ließ alles an ihm abprallen.

Rote Linie: Gottes Wort

Noch ein Versuch wurde unternommen: Zwei hochrangige Beamte, von denen einer Luther sehr mochte, suchten ihn in seinem Hotel auf. Der Kurfürst schickte zwei seiner Berater, um bei dem Gespräch dabei zu sein. Die beiden erstgenannten wollten ein Kirchenschisma auf jeden Fall verhindern. Sie baten Luther inständig, ihnen die Sache anzuvertrauen. Sie würden alles in christlichem Geist regeln.

»Darauf kann ich sofort antworten«, sagte Luther. »Ich würde auf mein freies Geleit verzichten und mich mit meinem Leben dem Kaiser ausliefern; aber was Gottes Wort betrifft … niemals!« Da stand einer von Friedrichs Beratern auf und sagte zu den Gesandten: »Reicht das nicht? Ist ein solches Opfer nicht ausreichend? Mir reicht es, ich will nichts mehr hören«; er stand auf und verabschiedete sich ungehalten.

Die beiden Gesandten begriffen noch nicht die unnachgiebige Standhaftigkeit des Mannes, mit dem sie zu tun hatten. Sie glaubten, sie würden bei ihm allein mehr Erfolg haben. So setzten sie sich zu ihm und drängten ihn erneut, sich dem Reichstag zu unterwerfen. Luther begegnete diesen Bitten wie Jesus seinem großen Widersacher: mit dem Wort Gottes. Er sagte: »Es steht geschrieben: ›Verflucht ist, wer sich auf Menschen verlässt.‹« Sie bedrängten Luther, bis er es müde war und schließlich ungehalten aufstand und sie bat, sich zurückzuziehen. Zum Abschied sagte er ihnen: »Bei mir wird kein Mensch jemals Gottes Wort von seinem Platz verdrängen.«

Konzilsautorität von Luther mit Vorbehalt akzeptiert

Am Abend kamen sie mit einem neuen Vorschlag: einem allgemeinen Konzil. Sie baten ihn direkt um Zustimmung. »Ich bin einverstanden«, sagte er, »aber nur, wenn das Konzil nach der Heiligen Schrift entscheidet«.

Weil sie dachten, dass dies problemlos akzeptiert würde, eilten sie freudig zum Erzbischof von Trier und teilten ihm mit, Dr. Luther würde seine Schriften dem Urteil eines Konzils unterwerfen.

Schon wollte der Erzbischof dem Kaiser die frohe Botschaft mitteilen, da kamen ihm Zweifel. Luther war doch so fest in seinem Glauben gewesen, dass er diese neue Entwicklung lieber aus seinem eigenen Mund hören wollte. So ließ er ihn zu sich rufen.

»Lieber Doktor«, sagte der Erzbischof freundlich, »meine Doktoren versichern mir, dass Sie sich ohne Vorbehalt der Entscheidung eines Konzils beugen würden.«

»Mein Herr«, sagte Luther, »ich kann alles ertragen. Nur die Heilige Schrift gebe ich nicht auf.«

Rat von Rabban Gamaliel dem Älteren inspiriert Luther

Der Erzbischof sah, dass seine Boten den Sachverhalt nicht vollständig geschildert hatten. Niemals würde Rom seine Zustimmung zu einem Konzil erteilen, das sich allein am inspirierten Wort orientieren würde. »Nun denn«, sagte der ehrwürdige Prälat, »lasst mich euren Lösungsvorschlag für die Situation hören.«

Luther schwieg einen Augenblick. Dann sprach er höflich und sehr ernst: »Ich kenne da nur den Rat des Gamaliel: ›Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird's untergehen; ist's aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten – damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen.‹ Kaiser, Kurfürsten und Reichsstaaten mögen diese Antwort dem Papst überbringen.«

Nun sah der Erzbischof, dass weitere Bemühungen zwecklos waren. Luther hatte seine Füße auf das sichere Fundament gesetzt. Seine Position war unerschütterlich.

Der Reformator war überzeugt, dass man durch eine Verlängerung seines Aufenthalts in Worms nichts gewinnen könne. Daher bat er den Erzbischof bei seinem Abschied: »Mein Herr, ich bitte Euch, Eure Majestät um das nötige freie Geleit für meine Rückkehr zu ersuchen.«

»Ich werde mich darum kümmern«, sagte der Erzbischof, bevor sie auseinandergingen.

Anbruch einer besseren Ära – dank Luther

Luther hatte sich geweigert, Jesu Joch gegen das Joch des Papsttums einzutauschen. Das war sein einziges Vergehen. Doch es reichte, um sein Leben zu gefährden. Die Aufmerksamkeit des ganzen Reiches war auf diesen einen Mann gerichtet. Alle Drohungen und Bitten konnten seine Treue zu Gott und seinem Wort nicht erschüttern. Luther war durch seine Hilfe standhaft geblieben. Ein Größerer als Luther stand ihm bei, lenkte seine Gedanken, heiligte sein Urteilsvermögen und schenkte ihm in gefährlichen Momenten die nötige Weisheit.

Hätte der Reformator auch nur in einem Punkt nachgegeben, hätten Satan und seine Heerscharen den Sieg errungen. Aber Luthers unerschütterliche Standhaftigkeit gegen die eiserne Hand es Papstes diente der Befreiung der Kirche und dem Anbruch einer neuen und besseren Ära. Der Einfluss dieses einen Mannes, der es gewagt hatte, in religiösen Dingen selbst zu denken und zu handeln, sollte Kirche und Welt nicht nur in seiner Zeit, sondern für alle künftigen Generationen beeinflussen. Seine Festigkeit und Treue würden alle stärken, die bis zum Ende der Zeit durch eine ähnliche Erfahrung gehen sollten. Hier geschah Gottes Werk. Luthers Verteidigung vor dem Reichstag zu Worms schrieb Geschichte wie nur wenige Ereignisse. Gottes Macht und Majestät übertrifft menschliche Überlegungen und die gewaltige Macht des Satan.

Heimkehr Luthers laut Kaisergebot schweigend und schnell

Kurz nach Luthers Rückkehr in sein Hotel erschienen zwei hohe Staatsbeamte in Begleitung eines Notars. Der Reichskanzler wandte sich an ihn und erklärte, der Kaiser, die Kurfürsten und Fürsten hätten ihn vergeblich gewarnt. Daher sehe sich seine kaiserliche Majestät als Verteidiger des katholischen Glaubens gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Er befahl Luther, binnen drei Wochen nach Hause zurückzukehren, ohne unterwegs den öffentlichen Frieden durch mündliche oder schriftliche Verlautbarungen zu stören.

Luther war sich bewusst, dass dieser Nachricht bald seine Verurteilung folgen würde. Er antwortete milde: »Was mir geschieht, ist der Wille des Ewigen. Gepriesen sei sein Name!« Dann fuhr er fort: »Zuerst danke ich demütig und aus tiefstem Herzen seiner Majestät, den Kurfürsten, Fürsten und Reichsstaaten, dass sie mich so gnädig angehört haben. Ich habe und hatte nie einen anderen Wunsch als den nach einer Reformation der Kirche nach der Heiligen Schrift. Ich bin bereit, nach dem Willen des Kaisers alles zu tun oder zu erleiden: Leben oder Tod, Ehre oder Unehre. Die einzige Ausnahme ist die Verkündigung des Evangeliums. Denn, so sagt der heilige Paulus: Gottes Wort kann nicht gebunden werden.«

Aus Signs of the Times, 20. September 1883


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