Hat Jesus sich selbst auferweckt? Das Geheimnis um Johannes 10,17–18

Grab Jesu - Aufgeschlagene Bibel mit der Aufschrift Johannes 10,17–18
Bild erstellt mit KI (ChatGPT und Freepik))

Ein genauer Blick auf den griechischen Text, das Zeugnis der Apostel und die Auslegung von Ellen White eröffnet eine überraschend tiefgehende Perspektive auf Kreuz und Auferstehung. Von Kai Mester

Lesezeit: 10 Minuten

Die Frage, ob Jesus sich selbst auferweckt hat, entsteht aus seinen Worten in der Rede vom Guten Hirten:

»Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.« (Johannes 10,17-18 SLT)

Das klingt auf den ersten Blick tatsächlich so, als habe Jesus den Auftrag gehabt, sich nach seinem Opfertod selbst wieder zum Leben zu erwecken.

Doch gleichzeitig betont das Neue Testament immer wieder:

Gott hat Jesus auferweckt!

Das wird in zahlreichen Stellen ausdrücklich gesagt (Apostelgeschichte 2,24; 3,15; 4,10; 5,30; 8,1; 10,40; 13,30; 17;31; Römer 4,24; 6,4; 10,9; 1. Korinther 6,14; Epheser 1,20; 1. Thessalonicher 1,10; 1. Petrus 1,21).

Ein Beispiel: »Jesus Christus und Gott, der Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten.« (Galater 1,1)

Wie passt das zusammen?

Ein genauer Blick auf den griechischen Text

Die Lösung könnte im Wortlaut von Johannes 10 liegen. Entscheiden sind dort vier Verben:

Viele Übersetzungen, einschließlich der King-James-Bibel, übersetzen sie in dieser Reihenfolge:

nehmen – nehmen – nehmen – empfangen

»Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.« (Johannes 10,17-18 SLT)

Das klingt nach einem aktiven, eigenmächtigen Zurücknehmen des Lebens.
Im Griechischen steht jedoch eine andere Abfolge:

empfangen – nehmen – empfangen – empfangen.

»Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder empfange. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu empfangen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.« (Johannes 10,17-18 angepasst)

Das legt nahe:

Jesus nimmt sein Leben so gehorsam und bereitwillig wieder an, wie er den Auftrag vom Vater empfangen hat.

Zwei unterschiedliche Verben: lambano und airo

Beispiele aus den Evangelien:

lambano (λαμβάνω)
= nehmen, fassen, empfangen

  • das Wort freudig aufnehmen (Matthäus 13,20)
  • Brot mitnehmen (Markus 8,14)
  • Beschneidung empfangen (Johannes 7,32)
  • Schurz nehmen (Johannes 13,4)
  • Heiligen Geist empfangen (Johannes 20,22)

Dieses Verb kann aktives Nehmen bedeuten – aber ebenso bereitwilliges oder gänzlich passives Empfangen.

In Johannes 10,17-18 wird es dreimal verwendet.

airo (αἴρω)
= hochnehmen, wegnehmen

Beispiele:

  • Reste aufsammeln (Matthäus 15,37)
  • Nimm dein Bett und geh (Johannes 5,8)
  • Steine aufheben (Johannes 8,59)
  • Fruchtlose Reben wegnehmen (Johannes 11,41)

Hier steht der Gedanke im Vordergrund:

Etwas wird entfernt und ist danach nicht mehr an seinem ursprünglichen Ort.

Dieses Verb kommt nur einmal in Johannes 10,18 vor.

Warum ist das wichtig?

Während airo das Wegnehmen betont, schwingt bei lambano das Empfangen mit — oft von jemandem, der es gibt.

Deshalb formuliert die Lutherübersetzung 2017:

»… damit ich’s wieder empfange
Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht [exusia/ἐξουσία = Erlaubnis/Freiheit/Recht], es zu lassen, und Macht es wieder zu empfangen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.« (Johannes 10,17-18)

Das ändert die Perspektive:

Jesus reißt sich das Leben nicht selbst zurück – er empfängt es wieder vom Vater.

Wer hat Jesus auferweckt?

Damit löst sich der scheinbare Widerspruch.

  • Jesus legte freiwillig sein Leben nieder.
  • Der Vater weckte ihn von den Toten auf.
  • Jesus empfing das Leben erneut im Gehorsam gegenüber seinem Auftrag.

Denn ein Toter kann nichts tun.

Das Neue Testament bestätigt eindeutig, dass Jesus wirklich tot war:

»Ich war tot, und siehe, ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit.« (Offenbarung 1,18 SLT) » Gott hat ihn aus den Schrecken des Todes befreit und wieder zum Leben auferweckt, denn der Tod konnte ihn nicht festhalten« (Apostelgeschichte 2,24 NLB); wörtlich: der Tod hatte keine Kraft (dynamis/δύναμις) ihn festzuhalten.

Doch der Text geht noch tiefer

Ellen Whites zitiert Johannes 10,18 im Rahmen der Auferstehungsgeschichte. Ihre Aussagen machen nachdenklich und weisen auf eine noch tiefere Bedeutung dieser Jesusworte hin.

Lesen wir erst einmal einige Auszüge aus ihrer vierteiligen Artikelserie über den auferstandenen Retter vom Sommer 1898 in der Wochenzeitung Youth Instructor.

»Das Grab wurde in himmlisches Licht getaucht und der ganze Himmel wurde vom Glanz des Engels erleuchtet. Der Engel näherte sich dem Grab, rollte den Stein weg als wäre er ein Kiesel und setzte sich darauf. Dann hörte man seine Stimme: Gottessohn, komm heraus! Dein Vater ruft dich! Und Jesus kam aus dem Grab mit dem Schritt eines mächtigen Siegers …


›Ich bin die Auferstehung und das Leben.‹ (Johannes 11,25) Er, der gesagt hat, ›Ich lasse mein Leben, damit ich es wieder nehme‹ (Johannes 10,18), kam aus dem Grab zum Leben, das in ihm selbst war.

Das Menschliche starb: das Göttliche starb nicht [humanity died: divinity did not die]. In seiner Göttlichkeit [his divinity], hatte Jesus die Macht, die Fesseln des Todes zu brechen. Er erklärt, dass er das Leben in sich hat, um ›lebendig zu machen, wen er will‹ (Johannes 5,21).

Alle Geschöpfe leben, weil Gott es will und die Kraft dazu gibt. Was sie beziehen, ist das Leben des Gottessohnes. Wie fähig und talentiert sie auch sind, wie groß ihre Leistungsvermögen, sie werden erfüllt mit Leben aus der Quelle allen Lebens. Er ist Quelle und Ursprung des Lebens. Nur der, der allein Unsterblichkeit hat, und in Licht und Leben wohnt, sagt: ›Ich habe Macht mein Leben zu lassen und habe Macht es wieder zu nehmen.‹ 

Das Gesetz von Gottes Regierung sollte durch den Tod von Gottes eingeborenem Sohn verherrlicht werden. Jesus trugt die Schuld der Sünden dieser Welt. Das, was wir brauchen, ist nur in der Fleischwerdung und dem Tod des Gottessohnes zu finden. Er konnte leiden, weil Göttlichkeit ihn stützte [sustained by divinity]. Er konnte ertragen, weil er ohne Flecken der Untreue oder Sünde war … 



Jesus wurde ausgestattet mit dem Recht, Unsterblichkeit zu verleihen. Das Leben, das er als Mensch [in humanity] gab, nahm er wieder auf und schenkte es der Menschheit [to humanity] …

›Ich bin gekommen‹, sagt er, ›damit sie das Leben haben und volle Genüge.‹ ›Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben; und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken.‹ ›Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.‹ (Johannes 10,10; 6,54; 4,14)

Alle, die durch den Glauben eins mit Jesus werden, gewinnen eine Erfahrung, die Leben ist und zum ewigen Leben führt. ›Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen.‹ Er ›bleibt in mir und ich in ihm.‹ ›Ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.‹ ›Denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.‹ (Johannes 6,57.56.40; 14,19) Jesus wurde eins mit der Menschheit [humanity], damit die Menschen [humanity] mit ihm in Geist und Leben eins würden.«

(Youth Instructor, 28. Juli + 4. August 1898; Hervorhebung hinzugefügt)

Der Vater wirkte in Christus

Wer das ausführliche Zitat aufmerksam liest, erkennt, worauf Ellen White den Schwerpunkt legt: Gott, der Vater – die Quelle allen Lebens – war in Jesus gegenwärtig und wirkte durch ihn. Der Vater selbst starb nicht. Gerade deshalb konnte er den Sohn von den Toten auferwecken.

Die sichtbare Offenbarung des unsichtbaren Gottes

Jesus hatte diese Einheit selbst beschrieben: 

»Wer mich sieht, der sieht den Vater … Ich bin im Vater und der Vater ist in mir.« (Johannes 14,9-10)

Wenn Ellen White Gott als den bezeichnet, der allein Unsterblichkeit besitzt, greift sie die Worte des Paulus auf:

»… der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht!« (1. Timotheus 6,16)

Dass hier der Vater gemeint ist, wird deutlich: Der auferstandene Jesus konnte gesehen und berührt werden (Lukas 24,39; 1. Johannes 1,1). Der unsichtbare, unsterbliche Gott jedoch bleibt der Ursprung allen Lebens.

Jesu Worte sind die Worte des Vaters

Dabei vergessen wir leicht: Jesu Worte sind niemals unabhängig vom Vater:

»Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht aus mir selbst.« (Johannes 14,10)

»Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.« (Johannes 17,8)

Wenn Jesus also sagt: »Ich lasse mein Leben, damit ich es wieder nehme«, dann spricht darin zugleich der Vater. In Christus handelt Gott selbst – der Lebensspender, der »in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte« (2. Korinther 5,19).

Das Geheimnis der göttlichen Hingabe

Ein Geheimnis bleibt dennoch bestehen.

Der Vater ist unsterblich und konnte nicht sterben. Erst in seinem Sohn konnte Gott sich ganz hingeben. In Christus schenkte er das Kostbarste, was er hat: sein Leben – freiwillig begrenzt auf menschliche Sterblichkeit und auch nach seiner Auferstehung weiterhin für alle Ewigkeit begrenzt auf einen dreidimensionalen Ort, verglichen mit den Weiten des Universums auf Staubkorngröße. Dennoch war, ist und bleibt Jesus erfüllt mit der ganzen Fülle göttlicher Liebe und Treue und besiegelt dies als Bräutigam auf der Hochzeit des Lammes.

Das Paradox des Evangeliums

Hier berühren wir das Paradox des Evangeliums:
Gott bleibt der Ewige —
und gibt sich doch völlig hin.

Und genau darin liegt die überwältigende Tiefe seiner Liebe.

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