Flache Erde in der Bibel? – Ein hartnäckiger Mythos

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Wie die biblische Sprache über die Gestalt der Erde spricht. Von Kai Mester

Lesezeit: 8 Minuten

Manchmal wird behauptet, im biblischen Weltbild sei die Erde eine Scheibe, die auf Säulen ruhe. Diese Vorstellung begegnet uns häufig in populären Darstellungen der Religionsgeschichte oder in Diskussionen über das Verhältnis von Bibel und Naturwissenschaft. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass dieses Bild weniger aus der Bibel selbst stammt als aus späteren Vereinfachungen und Missverständnissen.

Woher kommt die Idee der »flachen Erde« im biblischen Weltbild?

Das verbreitete Bild einer mittelalterlichen Christenheit, die an eine flache Erde geglaubt habe, ist historisch problematisch. Bereits in der Antike wussten viele Gelehrte, dass die Erde kugelförmig ist – etwa Aristoteles oder Eratosthenes, der sogar den Erdumfang erstaunlich genau berechnete. Dieses Wissen ging im Mittelalter keineswegs verloren; Gelehrte und Theologen übernahmen es.

Die Vorstellung, Christen hätten lange an eine flache Erde geglaubt, verbreitete sich vor allem im 19. Jahrhundert. Autoren wie Washington Irving in seiner romantisierten Biografie von Christoph Kolumbus oder der Historiker John William Draper zeichneten ein Bild vom angeblichen Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft. In diesem Narrativ erschien die Bibel als Quelle eines primitiven Weltbildes. Historisch lässt sich diese pauschale Darstellung jedoch kaum halten.

Tatsächlich enthält die Bibel viele Aussagen über die Welt und ihren Aufbau. Doch wie sind diese zu verstehen?

Verschiedene Bilder für die Erde in der Bibel

Die biblischen Texte verwenden verschiedene Bilder, die Rückschlüsse auf den Aufbau der Welt zulassen könnten:

Grundfesten der Erde

»Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.« (1. Samuel 2,8)

Das hier verwendete Wort matzuqīm (מצוקים) wurde manchmal mit Säulen übersetzt. Tatsächlich hängt es jedoch mit einer Wurzel zusammen, die »Enge« oder »Festigkeit« bedeutet. Das Wort kann allgemein eine feste Grundlage oder Stabilität bezeichnen. Es muss daher nicht an architektonische Säulen denken lassen, sondern kann auch die von Gott gesetzte Ordnung der Welt beschreiben. Zu dieser Ordnung gehören aus heutiger Sicht etwa Naturgesetze oder stabile Bahnen der Himmelskörper. In diesem Sinne hat schon der jüdische Gelehrte Maimonides im 12. Jahrhundert das Wort matzuqīm gedeutet.

Säulen der Erde

An anderen Stellen erscheint tatsächlich das Wort für Säule (amūd, עמוד):

  • »Er bewegt die Erde von ihrem Ort, sodass ihre Säulen erzittern.« (Hiob 9,6)
  • »Die Erde mag wanken und alle, die darauf wohnen, aber ich halte ihre Säulen fest.« (Psalm 75,3)

Ist daraus aber zu schließen, dass die Erde buchstäblich auf tragenden Säulen ruht? Das gleiche Wort wird nämlich in der Bibel auch für frei stehende Säulen verwendet: die beiden bronzenen Tempelsäulen Jachin und Boas. Oder gar für frei schwebende Säulen: die Wolken- und Feuersäule. Manche Ausleger haben vorgeschlagen, dass mit den »Säulen« auch die aufragenden Berge gemeint sein könnten.

Säulen des Himmels

»Die Säulen (amudīm) des Himmels zittern und entsetzen sich vor seinem Schelten.« (Hiob 26,11)

Niemand würde hier an reale Säulen denken, die den Himmel tragen. Das Bild könnte vielmehr die unsichtbaren Kräfte beschreiben, durch die Gott die Ordnung der Erde und des Weltalls aufrechterhält.

Fundament der Erde

»Er hat die Erde gegründet auf ihre Grundfesten (mekhonīm). Sie wird nicht wanken immer und ewig.« (Psalm 104,5)

Das hier verwendete Wort makhōn (מכון) bedeutet nicht nur Fundament, sondern allgemein Ort, Platz oder feste Grundlage. Es beschreibt also Stabilität – nicht unbedingt eine architektonische Konstruktion.

Wir wissen zum Beispiel, dass es nur einen ganz bestimmten Abstand zur Sonne gibt, in dem Leben möglich ist. Diese Zone ist auch ein fester Ort für die Sonnenumlaufbahn unserer Erde. Aber auch die tektonischen Platten könnten hier als Grundfesten gemeint sein.

Sockel und Eckstein

»Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Messschnur gezogen hat? Worauf sind ihre Sockel (adanīm, אדנים) eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein (pinā, פנה) gelegt?« (Hiob 38,4-6)

Hier erscheinen mehrere Bau-Metaphern: Messschnur, Sockel, Eckstein. Doch genauso wie die Messschnur nicht wörtlich gemeint ist, sind auch Sockel und der Eckstein bildhafte Beschreibungen der göttlichen Schöpfungsordnung.
Nähme man alle diese Bilder streng wörtlich, entstünde ein widersprüchliches Modell, wie wir gleich noch besser sehen werden. Die Metaphern wollen vielmehr die Stabilität der Schöpfung ausdrücken.

Bilder, die in eine andere Richtung weisen

Neben diesen Bau-Metaphern gibt es auch ganz andere Bilder.

Die Erde über dem Nichts

»Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts (tohū, תהו).« (Hiob 26,7)

Diese Aussage klingt für moderne Leser erstaunlich vertraut: Das Wunder der Umlaufbahn eines Planeten, der scheinbar im Nichts hängt, wird hier beschrieben.

Die Erde auf Wasser gegründet

»Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn auf den Meeren (yammīm, ימים) gegründet und auf den Strömen (neharōt, נהרות) festgestellt.« (Psalm 24,1-2)

Auf Wasser bauen, klingt noch instabiler, als auf Sand zu bauen. Und doch betont das Bild die fundamentale Bedeutung des Wassers für unseren Planeten – ein Motiv, das in der Bibel mehrfach aufgenommen wird, etwa in Beschreibungen des Wasserkreislaufs (Hiob 36,27-28; Prediger 1,7; Amos 5,8; Jesaja 55,10).

Der Erdkreis

Jetzt wird es besonders interessant.

»Er thront über dem Kreis (chūg) der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt.« (Jesaja 40,22)

Das hebräische Wort chūg (חוג) wird manchmal als Kreis übersetzt (Erdkreis) und manchmal als Gewölbe (Himmelsgewölbe, Hiob 22,14). Ein Wort, das auf beides zutrifft, wäre schlicht: »Rund«.

Nirgendwo lässt sich ableiten, dass chūg eine Scheibe sein müsste. Das Wort beschreibt eine runde Form oder Rundung, die ohne weiteres auch einen Globus bezeichnen könnte.

Die Grenze von Licht und Finsternis

Ein weiteres bemerkenswertes Bild findet sich in Hiob 26,10. Dort heißt es, Gott habe »eine Grenze als Kreis auf der Fläche der Wasser gezogen bis zum Ende des Lichts mit der Finsternis« (חק חג על פני מים עד תכלית אור עם חשך). Manche Ausleger sehen darin die Beschreibung der Linie, an der Tag und Nacht sich begegnen.

Interessant ist dabei, dass der hebräische Ausdruck auch als Streifen oder Gürtel verstanden werden kann – also als Übergangsbereich zwischen Licht und Dunkelheit. Das würde gut zu der Beobachtung passen, dass der Übergang zwischen Tag und Nacht auf der Erde eine breite Dämmerungszone bildet.

Zwei verschiedene Wörter für »Erde«

Die hebräischen Sprache selbst unterscheidet verschiedene Aspekte der Erde:

  • Eretz (ארץ) – die Erde als Land oder physische Welt
  • Tēvēl (תבל) – die bewohnte Welt, die Erde als Lebensraum der Menschen

In einem Vers erscheinen beide nebeneinander: »Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und die darauf wohnen.« (Psalm 24,1)

Tēvēl bezeichnet hier die Welt, in der Menschen leben. Sprachgeschichtlich könnte der Begriff sogar mit Vorstellungen von fruchtbarem oder bewässertem Land zusammenhängen.

Darum wurde tēvēl traditionell mit »Erdkreis« übersetzt. Genauso gut könnte man hier mit »Erdball« übersetzen.

Wenn wir die Erde heute aus dem All betrachten, verstehen wir dieses Bild vielleicht sogar noch besser: Unser Planet erscheint als der »blaue Planet«, dessen Oberfläche zu mehr als 70% von Wasser bedeckt ist.

Glaube, Erkenntnis und die Größe der Schöpfung

Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Ihre Sprache ist oft poetisch und bildhaft. Dennoch bedeutet das nicht, dass ihre Aussagen grundsätzlich im Gegensatz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Vielmehr beschreibt sie die Welt aus der Perspektive der Erfahrung und mit den Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Zeit.

Dabei spielt auch eine Rolle, dass Bibeltexte im Laufe der Geschichte übersetzt und ausgelegt wurden – und zwar immer durch Menschen, die selbst in einem bestimmten Weltbild lebten. Manche Deutungen spiegeln daher stärker die Vorstellungen ihrer Zeit wider als den ursprünglichen Sinn der Texte.

Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass die biblischen Aussagen über die Welt bei genauerem Hinsehen keinen zwingenden Widerspruch zu modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen darstellen. In manchen Fällen wirken ihre Formulierungen sogar überraschend offen oder passen erstaunlich gut zu Beobachtungen, die erst viel später genauer verstanden wurden.

Das darf uns ruhig neugierig machen. Der christliche Glaube muss wissenschaftliche Erkenntnisse nicht fürchten. Im Gegenteil: Je mehr wir über die Ordnung des Universums, über Naturgesetze und über die Feinabstimmung unseres Planeten lernen, desto größer wird oft auch das Staunen über Gottes Schöpfung.

Die Bibel hilft uns allerdings auch, die Wissenschaft zu hinterfragen und herauszufordern, wenn sie ihre Entdeckungen streng atheistisch deutet und unbiblische Theorien aufstellt – zum Beispiel über den Ursprung des Lebens auf diesem Planeten.


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