Die Bibel berichtet mehrfach, dass Gott etwas „bereut“ – doch meint sie wirklich, dass Gott Fehler macht? Ein genauer Blick in den Text zeigt: Hinter dieser „Reue“ steht kein göttliches Umdenken, sondern … Von Kai Mester
Lesezeit: 5 Minuten
Wenn wir die Bibel lesen, begegnen uns Aussagen, die uns zum Innehalten bringen:
Gott „reute“ etwas. Gott „bereute“ etwas. Gott „tat etwas leid“.
So zum Beispiel:
- 1. Samuel 15,11.35 – Gott „reut“, Saul zum König gemacht zu haben
- 1. Mose 6,6 – Gott „reut“ es, den Menschen geschaffen zu haben
- 2. Mose 32,14 – Gott „reut“ das angedrohte Unheil nach dem Goldenen Kalb
Doch gleichzeitig lehrt die Bibel:
- Gott kennt die Zukunft (Jesaja 46,10)
- Gott lügt nicht (4. Mose 23,19)
- Gott macht keine Fehler (Psalm 18,31)
Wie passt das zusammen?
Gott bereut nicht wie ein Mensch
Die Bibel widerspricht sich nicht. Und sie selbst erklärt das Rätsel:
»Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereuen sollte.« (4. Mose 23,19; vgl. 1. Samuel 15,29) Was also meint die Bibel, wenn sie sagt, Gott habe etwas „bereut“?
Sie beschreibt keinen göttlichen Fehler, sondern göttlichen Schmerz.
Nicht ein Umdenken – sondern ein Mitleiden.
Beispiel 1: Die Sintflut – der Schmerz eines enttäuschten Vaters
Die Welt in den Tagen Noahs war von Gewalt durchdrungen:
»Alles Dichten und Trachten ihres Herzens war nur böse den ganzen Tag.« (1. Mose 6,5) Dann heißt es: »Es reute den HERRN… und es schmerzte ihn in seinem Herzen.« (1. Mose 6,6) Gott bereute nicht die Schöpfung. Er litt unter dem Weg, den die Menschen gewählt hatten. Er hatte von Anfang an gewusst, welchen Preis die Rettung eines Überrestes kosten würde – und war bereit, ihn zu tragen.
Beispiel 2: Das Goldene Kalb – der Schmerz eines verstoßenen Freundes
Israel fällt ab, noch während Gott ihnen durch Mose das Gesetz schreibt. Sie wenden sich dem Götzen zu. Gott weiß: Ohne ihn wird sein Volk in der Wüste zugrundegehen. »Da reute den HERRN das Unheil …« (2. Mose 32,14) Nicht weil er einen Fehler gemacht hat. Sondern weil ihn das Leid seines Volkes zutiefst trifft. Darum erbarmt er sich – und rettet.
Beispiel 3: König Saul – der Schmerz eines abgelehnten Königs
Gott wollte nicht, dass Israel einen König wie die umliegenden Völker bekommt. Er sagt zu Samuel: »Sie haben nicht dich verworfen, sondern mich.« (1. Samuel 8,7) Doch Gott lässt Israel ihren Wunsch – ohne Zwang. Als Saul sich dann bewusst von Gottes Wegen entfernt, heißt es: »Es reute den HERRN …« (1. Samuel 15,11.35) Nicht weil Gott überrascht wäre.
Nicht weil er sich geirrt hätte. Sondern weil es ihn schmerzt, Saul dem Weg der Selbstzerstörung überlassen zu müssen. Darum beruft er David – durch dessen Linie schließlich der Retter kommt.
Was am Kreuz sichtbar wird
Jesus offenbart, was Gott schon seit dem ersten Sündenfall trägt: Gott leidet mit. Gottes »Reue« ist sein Mit-Leiden. Nicht Reue im menschlichen Sinne – sondern göttliches Erbarmen. Auf Golgatha zeigt er die ganze Tiefe dessen, was er immer schon ertragen hat: das schwere, schmerzvolle Atmen über dem Leid seiner Geschöpfe – und den entschlossenen Willen, sie zu retten.
Das hebräische Wort hinter „reuen“
Das verwendete hebräische Wort נחם (nacham) meint ursprünglich: stark atmen, seufzen, tief bewegt sein. Darum wird es je nach Kontext übersetzt mit:
- bereuen
- mitleiden
- trösten
- sich erbarmensich rächen
Hebräisch malt Bilder. Hier ist es das schwer atmende Ringen eines Gottes, der innerlich erschüttert ist – nicht wütend, sondern zutiefst betroffen.
Gottes Nasenflügel
Auch bei »Zorn« begegnen wir einem Bild: Wörtlich steht oft: »Gottes Nase« – oder sogar »Gottes zwei Nasen(flügel)« 😄. Es beschreibt schweres Atmen.
Wir lesen „Wut“. Die Bibel meint: tiefer Schmerz, heiliges Mit-Leiden, Entschlossenheit zum Retten. Der Mensch missversteht Gottes starke Regung oft als Ärger. Aber der Kontext zeigt: Gott ist nicht überempfindlich – er ist übervoll von Mitgefühl.
Fazit: Gottes Reue ist Gottes Herz
Wenn die Bibel sagt, Gott habe etwas „gereut“, dann meint sie:
- nicht Geistesschwäche
- nicht Irrtum
- nicht Berechnung
sondern:
- eine tiefe Bewegung des Herzens
- heiliges Mitleid
- schmerzerfülltes Atmen
- der entschlossene Wille zu retten
Gottes Schmerz über das Böse zeigt nicht seine Schwäche, sondern seine Liebe. Und seine Liebe führt ihn dazu, uns aus genau diesem Bösen herauszuretten.

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