Verlassen – oder doch getragen? Wie Gottes Verheißungen in einer zerbrechlichen Welt zu verstehen sind

Solitary man sitting on wooden bench facing calm lake at sunset with bare tree and small rowing boat
Adobe Stock - Demo (mit KI berbeitet)

Wenn Gott verspricht, uns nie zu verlassen – warum erleben wir dann Leid, Zweifel und scheinbare Gottesferne? Eine ehrliche Spurensuche zwischen Verheißung und Wirklichkeit. Von Bryan Gallant und Kai Mester

Lesezeit: 5 Minuten

»Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen« (Hebräer 13,5) – kaum eine biblische Zusage wirkt so stark, so tröstlich, so absolut. Aber widerspricht sie nicht unseren Erfahrungen?

Sagt nicht auch Gott durch den Propheten: »Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen« (Jesaja 54,7)? Und ruft Jesus am Kreuz nicht: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Matthäus 27,46)
Wie passt das zusammen?

Wenn sich Gott fern anfühlt

Die Bibel verschweigt nicht, dass Menschen Zeiten erleben, in denen Gott fern erscheint. Dieses Empfinden ist real – und zutiefst menschlich. Doch ist es auch die Realität?

Viele Ausleger weisen darauf hin, dass Jesus am Kreuz bewusst Worte aus Psalm 22 aufgreift. Dieser Psalm beginnt mit der Klage der Verlassenheit, endet jedoch in Vertrauen und Sieg: »Er hat sein Angesicht nicht vor ihm verborgen« (Psalm 22,25).

Das legt eine andere Deutung nahe: Jesus beschreibt nicht nur sein Gefühl, sondern hält sich im Leiden an Gottes Verheißung fest. Die Dunkelheit, die Last der Sünde, verbirgt nur Gottes Nähe – sie hebt sie nicht auf.

Verlassenheit als Erfahrung – nicht als Tatsache

Auch Jesaja 54,7 spricht von einem »kleinen Augenblick« des Verlassenseins. Im Kontext wird jedoch deutlich: Es handelt sich um eine vorübergehende Erfahrung, nicht um eine endgültige Trennung. Denn unmittelbar folgt die Zusage: »Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.«

Das führt zu einer wichtigen Unterscheidung:

Verlassenheit ist oft eine Erfahrung, aber nicht unbedingt eine objektive Wirklichkeit.

Der Mensch kann sich von Gott getrennt fühlen – doch die biblische Grundlinie bleibt:

»In ihm leben, weben und sind wir« (Apostelgeschichte 17,28).

Nur wenn der Mensch mit dem ewigen Leben, das Gott ihm anbietet, partout nichts zu tun haben möchte, dann respektiert Gott diesen freien Willen und lässt ihn aus dem Leben scheiden.

Er hat ihn dann aber nicht verlassen, sondern nur seinen eigenen Wunsch respektiert.

Wie sicher sind Gottes Verheißungen?

Besonders herausfordernd wird diese Frage bei Texten wie Psalm 91:
»Kein Unglück wird dir begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen« (Psalm 91,10).

Die Realität scheint dem oft zu widersprechen. Krankheiten, Unfälle, Todesfälle – wie passt das zu solchen Zusagen?

Eine verbreitete Fehlannahme ist, biblische Verheißungen wie feste Garantien für ein problemloses Leben zu lesen. Doch die Bibel selbst zeichnet ein anderes Bild.

Der Apostel Paulus schreibt: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« (Römer 8,28).

Nicht: dass alle Dinge gut sind.
Sondern: dass Gott alles zum Guten wenden kann.

Bewahrung – aber wie?

Biblische Erfahrung zeigt: Gottes Bewahrung hat unterschiedliche Formen.

  • Manchmal bewahrt er vor Leid.
  • Manchmal bewahrt er im Leid.
  • Manchmal führt der Weg durch das Leid hindurch.

Der Hebräerbrief erinnert an Glaubenszeugen, die Wunder erlebten – aber auch an solche, die litten und starben (Hebräer 11). Beide Gruppen werden als Menschen des Glaubens beschrieben.

Das bedeutet: Die Wahrheit einer Verheißung hängt nicht davon ab, ob sie sofort sichtbar erfüllt wird.

Schmerz ist nicht gleich Schaden

Ein hilfreicher Vergleich ist der eines Kindes beim Arzt: Eine Spritze verursacht Schmerz, aber sie dient der Heilung. Das Kind könnte sagen: »Du hast mir wehgetan.« Doch die Absicht war nicht, zu schaden, sondern zu helfen.

Ähnlich kann menschliches Leid erlebt werden: als Schmerz – ohne dass es letztlich zerstörerisch gemeint ist.

Eine Frage der Perspektive

Ein weiterer Schlüssel liegt im Umgang mit Zeit. Mitten im Leid wirkt alles eng, schwer und sinnlos. Im Rückblick jedoch erkennen viele Menschen Spuren von Bewahrung, Führung oder sogar Sinn.

Die Bibel lädt dazu ein, diese größere Perspektive einzunehmen:
»Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe … Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung« (Jeremia 29,11).

Was bedeutet das für den Glauben?

Gottes Verheißungen sind keine »Formeln«, um Leid zu vermeiden. Sie sind auch kein Werkzeug, um Gott zu kontrollieren. Vielmehr sind sie eine Einladung zum Vertrauen.

Dieses Vertrauen wächst – oft gerade durch Erfahrungen, die zunächst nicht verstanden werden.

Der Glaube bewegt sich dabei von einer einfachen Erwartung (»Gott hilft mir sofort«) zu einer tieferen Gewissheit: »Selbst wenn … – ich vertraue trotzdem.«

So formuliert es Hiob: »Auch wenn er mich umbringt, will ich doch auf ihn hoffen« (Hiob 13,15).

Was bleibt?

Am Ende verdichtet sich die biblische Botschaft in drei Grundgedanken:

  • Gott ist gut und liebt den Menschen (Jeremia 31,3)
  • Gottes Wege haben ein gutes Ziel (Jeremia 29,11)
  • Gott kann alles zum Guten wenden (Römer 8,28)

Wer das glaubt, kann lernen, selbst in unsicheren Zeiten zu vertrauen.

Nicht, weil alles erklärbar ist. Sondern weil jemand da ist, der trägt.

Oder in den Worten des Paulus:
»Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden kann von der Liebe Gottes« (Römer 8,38–39).

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