Gott sieht mehr in dir – und das kann alles verändern: Wie du aufhörst, mit deinem Versagen zu rechnen, und lernst, dich mit Gottes Augen zu sehen

Ein Vogel fliegt aus einem geöffneten Käfig über eine Wiese im Morgenlicht.
Bild erstellt mit KI (ChatGPT)

Was wäre, wenn du nicht länger damit rechnen müsstest, immer wieder an denselben Schwächen zu scheitern? Gott sieht nicht nur, wer du heute bist – er sieht auch, was aus dir werden kann. Eine überraschende Entdeckung über Gerechtigkeit aus Glauben, die Kraft neuer Erwartungen und den Weg in ein Leben, das wirklich frei macht.
Von Kai Mester

Lesezeit: 8 Minuten

Ein Mann fährt rückwärts aus einer Parklücke. Er übersieht eine Frau und überfährt sie. Sie stirbt. Ein Augenblick der Unachtsamkeit – und eine Schuld, die ihn möglicherweise sein Leben lang begleiten wird.

Wie wunderbar ist da die Botschaft der Bibel: Gott vergibt uns unsere Schuld! Doch ist das schon alles?

»Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.174 (Matthäus 1,21) Nicht nur von ihrer Schuld. Von ihren Sünden!

Jesus möchte uns nicht nur von dem befreien, was wir getan haben, sondern auch davon, dass wir es immer wieder tun müssen.

Mehr als eine himmlische Waschmaschine

Wie gehen wir gewöhnlich mit unseren Sünden um? Wir bekennen sie, bitten um Vergebung und vertrauen darauf, dass Jesus uns reinigt. Am nächsten Tag sündigen wir wieder und bitten erneut um Vergebung.

Manchmal erinnert unser Glaubensleben an eine Waschmaschine: Abends werfen wir die schmutzige Wäsche hinein, morgens beginnen wir wieder von vorne.

Ich bin in der Adventgemeinde aufgewachsen und habe schon als Kind gelernt, Gott um Vergebung zu bitten. Doch als Teenager wurde mir klar: Das reicht mir nicht!

Ich wollte nicht nur meine Schuld loswerden, sondern die Fesseln, die mich immer wieder schuldig werden ließen. Denn was nützt es, wenn ich zwar Vergebung erfahre, aber weiterhin von Jähzorn, Süchten, Ängsten oder anderen zerstörerischen Gewohnheiten beherrscht werde?

Muss ich wirklich bis zur Wiederkunft Jesu warten, um frei zu werden?

Die Antwort fand ich in einer Botschaft, die wir Adventisten seit 1888 besonders betonen: Gerechtigkeit aus Glauben. Ich habe diese Worte für mich einmal ganz einfach übersetzt: Richtig leben durch Vertrauen. Doch was bedeutet das konkret?

Ist ein Leben ohne Sünde überhaupt möglich?

»Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.« (Johannes 8,36) Wirklich frei! Nicht erst auf der neuen Erde?

Jesus sagte zu der Ehebrecherin: »So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.« (Johannes 8,11)

Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, wer diese Worte spricht?

Jesus ist das Wort Gottes. Und über Gottes Wort heißt es: »Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da.« (Psalm 33,9)

Wenn Jesus einem Menschen sagt: »Sündige hinfort nicht mehr«, steckt in seinem Wort bereits die Kraft, es möglich zu machen! Wie in einer Eichel, aus der eine mächtige Eiche wachsen kann.

Für mich war das eine revolutionäre Entdeckung. Ich musste nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass ich ohnehin jeden Tag sündigen würde. Ich durfte glauben, dass Jesus mich tatsächlich befreien kann.

Doch dann erging es mir wie Petrus. Voller Begeisterung stieg er aus dem Boot und ging auf dem Wasser. Bis er auf die Wellen schaute und unterging.

Was tat Jesus? Er streckte sofort seine Hand aus.

Auch das musste ich lernen: Nach einem Rückfall muss ich nicht erst tagelang in Selbstvorwürfen versinken. Ich darf sofort wieder Jesu Hand ergreifen! Wie ein Stehaufmännchen.

Früher nahm ich mir nach einer geistlichen Veranstaltung begeistert vor, jeden Morgen Andacht zu machen. Zwei Wochen lang funktionierte es wunderbar. Dann kam etwas dazwischen – und die Gewohnheit war verschwunden. Bis zur nächsten Erweckungsveranstaltung.

Irgendwann wurde mir klar: Warum eigentlich warten? Ich kann doch jederzeit wieder anfangen!

Doch wie lässt sich verhindern, dass wir immer wieder untergehen?

Wer lebt eigentlich mein Leben?

Petrus war überzeugt, dass er Jesus niemals verleugnen würde. Wenige Stunden später hatte er es dreimal getan. Seine Liebe zu Jesus war aufrichtig. Aber er vertraute noch zu sehr auf seine eigene Kraft.

Jesus hatte ihm und den anderen Jüngern gesagt: »Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.« (Johannes 15,5) Und Paulus schrieb später: »Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.« (Galater 2,20)

Was für ein Unterschied! Nicht ich muss mich mit aller Kraft verändern. Jesus möchte in mir leben und mich mit seinem Wesen erfüllen: mit seiner Geduld, seiner Sanftmut und seiner Liebe.

Dann werden Bibellesen und Gebet von einer religiösen Pflicht zur Begegnung mit einem Freund.

Doch selbst die Jünger, die Jesus täglich erlebten, stritten immer wieder darüber, wer der Größte sei. Kaum waren sie auf sich allein gestellt, kamen ihre alten Charakterzüge zum Vorschein.

Wie kann die Verbindung mit Jesus so tief werden, dass sie auch unseren Alltag verändert?

Jesus antwortete: »Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.« (Markus 12,30) Eine Liebe, die unser ganzes Wesen erfasst!

»Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus«, schreibt Johannes (1. Johannes 4,18).

Vielleicht kämpfen wir deshalb so oft vergeblich gegen unsere Versuchungen, weil wir uns viel zu sehr mit ihnen beschäftigen. Wir haben Angst vor dem nächsten Rückfall und sehen uns gedanklich schon wieder versagen. Wie wäre es, wenn unsere Liebe zu Gott so groß würde, dass die alten Versuchungen ihre Anziehungskraft verlieren?

Jesus sagte: »Reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein werde.« (Matthäus 23,26) Wir versuchen häufig, unser Leben von außen zu verändern: durch Disziplin, gute Gewohnheiten und religiöse Regeln. Jesus möchte im Herzen beginnen.

Doch auch leidenschaftliche Liebe allein schützt noch nicht vor falschen Gedanken. Johannes liebte Jesus so sehr, dass er Feuer vom Himmel auf ein samaritanisches Dorf fallen lassen wollte, das seinen Meister abgewiesen hatte!

Offenbar gibt es noch etwas zu entdecken.

Wie sieht Gott mich?

Was geschieht eigentlich in uns, wenn wir sündigen? Wir fühlen uns schuldig. Aus Schuld wird Scham. Wir ärgern uns über uns selbst und beginnen an uns zu zweifeln.

»Ich schaffe es einfach nicht!«
»Warum passiert mir das immer wieder?«
»Ich werde mich wohl nie ändern.«

Solche Gedanken können einen gefährlichen Kreislauf auslösen. Denn wer sich schlecht fühlt, sucht nach etwas, das ihm Erleichterung verschafft. Und greift möglicherweise gerade wieder zu dem Verhalten, das ihn zuvor in die Schuld geführt hat. In der Suchtforschung wird dieser Zusammenhang als Schamkreislauf beschrieben.

Doch was wäre, wenn wir diesen Kreislauf unterbrechen könnten, indem wir anfangen, uns mit anderen Augen zu sehen?

Mit Gottes Augen!

Wie sieht Gott mich eigentlich?

Sieht er einen hoffnungslosen Sünder, der immer wieder versagt? Oder sieht er sein geliebtes Kind, für das Jesus sein Leben gegeben hat und das er in sein Ebenbild verwandeln möchte?

Gott sieht nicht nur, wer ich heute bin. Er sieht auch, was aus mir werden kann!

Hagar nannte ihn den Gott, der sie sieht (El Roï, 1. Mose 16,13). Abraham erlebte ihn als den HERRN, der für ihn voraussah (JHWH Jirë, 1. Mose 22,14).

Gott sieht weiter als wir. Und hier machte ich vor einiger Zeit eine überraschende Entdeckung.

Was sehe ich mich morgen tun?

Unser Gehirn ist ständig damit beschäftigt, vorherzusagen, was als Nächstes geschieht. Deshalb hört unser Durst auch schon auf, bevor das Wasser, das wir trinken den Ort erreicht, an dem es gebraucht wird.

Unsere Erwartungen beeinflussen daher auch unser Verhalten. Das wurde mir nach unserem Umzug bewusst.

Schon früher hatte ich bei Besuchen dort morgens Menschen im See schwimmen sehen und mir vorgenommen, es ihnen gleichzutun. Doch obwohl wir inzwischen direkt am See wohnten, war ich noch kein einziges Mal morgens schwimmen gegangen. Warum eigentlich?

Mir fiel auf, dass ich mich selbst noch gar nicht als jemanden sah, der morgens in den See steigt. Also begann ich, mir das vorzustellen. Ich überlegte mir eine geeignete Stelle am Ufer, eine Schwimmstrecke zwischen den Segelbooten und schaute nach, wann die Sonnen aufgehen würde. Am Abend legte ich mein Handtuch bereit.

Und am nächsten Morgen ging ich tatsächlich schwimmen. Ohne die sonst übliche Überwindung! Obwohl das Wasser durchaus frisch war. Das Voraussehen hatte die Anstrengung verdrängt.

Da fragte ich mich: Könnte das auch für unser Glaubensleben eine Bedeutung haben? Was sehe ich mich morgen denken? Was sehe ich mich sagen? Wie sehe ich mich reagieren, wenn mich jemand ärgert?

Sehe ich mich schon wieder versagen? Oder sehe ich mich so, wie Jesus mich sieht?

Einmal verschüttete ich Mehl. Es landete ausgerechnet an einer Stelle, an der das Saubermachen ziemlich umständlich war. Normalerweise hätte ich mich geärgert. Doch diesmal hielt ich inne und fragte mich: Wie sieht Jesus mich jetzt reagieren?

Plötzlich sah ich mich mit Ruhe und Gelassenheit aufräumen. Und genau das tat ich dann auch. Eine Kleinigkeit. Aber für mich eine wunderbare Entdeckung!

Gerechtigkeit aus Glauben bedeutet für mich inzwischen auch:

Ich darf mich so sehen, wie Gott mich sieht.

Nicht mehr von meinen bisherigen Niederlagen her denken, sondern von seinen Verheißungen.

Paulus beschreibt es so: »Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des HERRN wider und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.« (2. Korinther 3,18) Wir werden verwandelt, indem wir auf Jesus schauen und in ihm den Vater erkennen!

Je besser wir ihn kennenlernen, desto mehr verändert sich unser Bild von Gott, von uns selbst und von unserer Zukunft.

Frei wie ein Vogel

Eine alte Geschichte erzählt von einem Prediger, der einem Jungen einen Käfig voller Vögel abkaufte. Der Junge hatte sie eingefangen und gequält. Nun wollte er sie seiner Katze zum Fraß vorwerfen.

Der Prediger bezahlte den geforderten Preis, trug den Käfig hinaus aufs Feld und öffnete die Tür. Zunächst blieb alles still. Dann wagte sich der erste Vogel hinaus, ihm folgte der nächste. Schließlich flatterten alle in die Freiheit und begannen zu singen.

Für den Prediger klang ihr Gesang wie ein einziges Lied: Erlöst! Befreit! Erlöst! Befreit!

Jesus hat auch für unsere Freiheit einen hohen Preis bezahlt. Und er möchte uns nicht nur vergeben, sondern uns ein neues Leben schenken. Ein Leben, in dem wir schon heute erfahren dürfen, was es bedeutet, wirklich frei zu sein.

»Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.« (Johannes 8,36) Wie wäre es, wenn wir anfangen würden, ihm das tatsächlich zu glauben?

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