Was, wenn ich mich irre? Die Wahrheit beginnt dort, wo ich mich hinterfragen lasse

Ein Mann hält eine aufgeschlagene Bibel und zeigt mit dem Zeigefinger auf eine Textstelle.
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Wir können von unserer Sicht der Dinge zutiefst überzeugt sein und trotzdem danebenliegen. Was geschieht, wenn wir den Mut finden, unsere eigenen Überzeugungen an Gottes Wahrheit zu prüfen? Von Michael Carducci

Lesezeit: 4 Minuten

»Meine Sicht der Dinge offen aussprechen«, im Englische to speak my truth – diese Formulierung ist in unserer Gesellschaft inzwischen weit verbreitet.

Ich verstehe, was dahintersteht. Jeder Mensch möchte gehört werden. Unsere Erfahrungen sind wichtig. Unsere Geschichten sind wichtig. Es ist wertvoll, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem Menschen ehrlich darüber sprechen können, was sie erlebt haben, was sie glauben und was sie empfinden.

Doch ich habe über eine Frage nachgedacht, die noch tiefer geht: Ist »meine Wahrheit« automatisch auch die Wahrheit?

Meine Sichtweise wird geprägt durch meine Erfahrungen, meine Gefühle, meine Erziehung, meine Verletzungen, meine Erfolge und sogar meine Enttäuschungen. Was ich wahrnehme, mag aufrichtig empfunden sein – doch Aufrichtigkeit allein macht etwas noch nicht wahr.

Genau deshalb fordert uns die Heilige Schrift immer wieder dazu auf, über unsere eigene Sichtweise hinauszublicken.

»Wer als Erster aussagt, hat scheinbar Recht, doch dann kommt sein Gegner und stellt es in Frage.« (Sprüche 18,17 NEÜ)

Wie viel Weisheit steckt in diesen Worten! Ich kann von meiner eigenen Sichtweise vollkommen überzeugt sein – solange ich nicht bereit bin, einem anderen Menschen zuzuhören, Informationen zu berücksichtigen, die mir bisher gefehlt haben, und meine Schlussfolgerungen hinterfragen zu lassen.

»Wo nicht weiser Rat ist, da geht das Volk unter; wo aber viele Ratgeber sind, findet sich Hilfe.« (Sprüche 11,14)

Rat einzuholen bedeutet nicht, die eigenen Überzeugungen aufzugeben. Es bedeutet vielmehr, demütig genug zu sein, um anzuerkennen, dass keiner von uns alles überblickt.

Wir dürfen einander zuhören, Fragen stellen, Belege prüfen. Und wir dürfen bereit sein, zu erkennen, dass etwas, woran wir geglaubt haben – vielleicht sogar mit großer Leidenschaft –, möglicherweise doch nicht ganz zutreffend ist.

Und letztlich dürfen wir als Jesusjünger alles, was wir hören, fühlen, erleben und glauben, wieder am Wort Gottes prüfen.

Jesus hat nicht gesagt: »Ihr werdet eure Wahrheit erkennen.« Er hat gesagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32) Er ging sogar noch weiter, als er erklärte: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.« (Johannes 14,6)

Das verändert alles.

Wahrheit ist nicht einfach etwas, das ich aus mir selbst heraus erschaffe. Letztlich führt sie mich über mich selbst hinaus – hin zu Jesus Christus.

Das erfordert Demut. In Jakobus 1,19 werden wir dazu aufgefordert, »schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn« zu sein.

Und Apostelgeschichte 17,11 lobt die Menschen in Beröa, weil sie das Gehörte bereitwillig aufnahmen und zugleich täglich in der Schrift nachforschten, »ob sich dies so verhielte«.

Was für ein schönes Vorbild für uns heute:

Offen zuhören. Sorgfältig nachforschen. Ehrlich prüfen. Und alles am Wort Gottes messen.

Natürlich hat es seinen Platz, die eigene Geschichte zu erzählen. Ich darf von meinen Erfahrungen berichten. Ich darf sagen, was ich empfunden habe. Ich darf erklären, wie ich die Dinge sehe. Und ich sollte ebenso bereit sein, dir zuzuhören, wenn du deine Sichtweise mit mir teilst.

Doch vielleicht sollte ich sehr viel vorsichtiger sein, bevor ich meine eigene Sichtweise als »my truth« bezeichne.

Denn mein Urteilsvermögen kann begrenzt sein. Mein Verständnis kann unvollständig sein. Meine Gefühle können sich verändern. Und meine Meinungen können von Umständen beeinflusst werden, die ich selbst nicht vollständig verstehe.

Die Wahrheit verdient einen höheren Maßstab.

Psalm 25,5 bringt ein Gebet zum Ausdruck, das ich mir immer mehr zu eigen machen möchte: »Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!«

Vielleicht liegt die größte Freiheit nicht darin, von allen anderen zu verlangen, dass sie meine Wahrheit anerkennen, sondern darin, demütig sagen zu können:

»HERR, ich habe dir gesagt, was ich denke. Ich habe ausgedrückt, was ich empfinde. Ich habe anderen zugehört. Ich habe weisen Rat gesucht. Und nun zeige mir, was wahr ist – auch dann, wenn deine Wahrheit meine eigene Sichtweise infrage stellt.«

Ein solches Gebet erfordert Mut.

Und vielleicht beginnt genau dort die echte Suche nach der Wahrheit. Ich möchte nicht einfach nur die Freiheit haben, meine eigene Sichtweise auszusprechen.

Ich möchte die Demut haben, seine Wahrheit zu suchen, den Mut, seine Wahrheit anzunehmen, und den Glauben, seine Wahrheit zu leben.

Denn letztlich gehört die Wahrheit nicht mir.

Die Wahrheit ist Jesus.

Aus Coming Together Newsletter, 1. Oktober 2026

www.comingtogetherministries.org

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