Was, wenn ausgerechnet Frömmigkeit, Gehorsam und religiöse Formen zu einer Mauer werden können, die den Menschen von dem trennt, den er eigentlich sucht? Nicht Gott hält den Menschen auf Abstand – der Mensch kann durch Rituale und Zeremonien selbst an seiner Trennung festhalten. Doch Jesus kam, um genau diese Mauer zu Fall zu bringen. Von Alonzo Jones
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Jesus kam nicht, um die Worte der Patriarchen und Propheten zu widerrufen, denn er selbst hatte durch sie gesprochen. Alle kostbaren Edelsteine der Wahrheit stammen von ihm. Doch man hatte diese unbezahlbaren Juwelen in falsche Fassungen gesetzt. Ihr wunderschönes Licht war in den Dienst des Irrtums gestellt worden. Menschen benutzten sie, um damit Tradition und Aberglauben zu schmücken. Doch Jesus kam, um sie wieder aus den falschen Fassungen herauszunehmen und in den Rahmen der Wahrheit zu setzen.
Welches bessere Beispiel könnte man für fromme, aber kraftlose Formen nennen als das alte Volk Israel mit seinen Gottesdiensten? (2. Timotheus 3,5 Elberfelder wörtlich »die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen «) … Heute leben wir in einer Zeit der Weltgeschichte, wo derselbe Fluch – eine fromme, kraftlose Religion der Formen – die Welt heimsucht. In der Bibel steht ein heilsames Gegenmittel dafür und diese Lehre ist auch heute noch Jesu Licht und Wahrheit.
Was die Menschen damals von diesem scheinheiligen Formenglauben befreite, befreit uns auch heute vom sinnlosen Einerlei der Formen und Zeremonien, vom Zeremonialismus und dem Zeremonialgesetz, das nichts anderes ist als Zeremonialismus …
Was befreite die Menschen damals davon? »Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und die Scheidewand des Zaunes abgebrochen (Hfa: die Mauer zwischen ihnen niedergerissen) hat, indem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen [die Zeremonien, die kraftlosen Formen], hinwegtat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen und Frieden zu stiften.« (Epheser 2,14.15)
Nur wenn die Menschen damals alle Interessen im Universum zugunsten von Jesus Christus aufgaben und die Feindschaft von ihm beseitigen ließen, befreite er sie vom Zeremonialismus. Nichts anderes wird uns auch heute davon befreien. Nichts anderes wird Siebenten-Tags-Adventisten davon befreien, denselben Weg des alten Zeremonialgesetzes zu beschreiten …
Warum bestand die Trennung zwischen Juden und Heiden? Warum hatten sie die Form der Gottseligkeit ohne Kraft? Was war los mit den Jüngern von Jesus in Samarien? … Weil sie das Ich an Gottes Stelle setzten, missbrauchten sie nicht nur die von Gott angeordneten Gottesdienste und Gottesdienstformen, sondern fügten auch noch einen ganzen Berg von Zeremonien und eigenen Ergänzungen hinzu … Warum? – Weil sie gerettet und gerecht werden wollten. Es gibt aber keine Form oder Zeremonie, die einen Menschen retten kann, auch wenn Gott sie selbst angeordnet haben sollte … Hierin irren sich immer noch Tausende. Zeremonialismus – das sind fromme, kraftlose Formen; wenn wir so wollen, das Zeremonialgesetz, das abgeschafft wurde, indem die Feindschaft in seinem Fleisch abgeschafft wurde – der Fall der Mauer!
Fromme Formen als Glaubensersatz
Weil Jesus Christus nicht durch lebendigen Glauben im Herzen wohnte, versprach man sich die Erlösung von anderen Dingen. Weil man die Rettung nicht bei Jesus suchte, tat man all die andern Dinge, um durch sie gerettet zu werden. Auf diese Weise zweckentfremdete man Gottes Hilfsmittel – die Zehn Gebote, die Beschneidung, die Opfer und Gaben, die Brandopfer, die Sündopfer – alles, was Gott für andere Zwecke gegeben hatte, nahm man und nutzte es, um dadurch Rettung zu erlangen und um durch ihre Ausführung gerecht zu werden.
Doch man konnte weder Gerechtigkeit darin finden noch inneren Frieden noch Herzensbefriedigung, weil sie dort nicht zu finden sind … Um seiner Sache sicher zu sein, musste man das, was Gott angeordnet und gesagt hatte, in zehntausend haarspalterische und spitzfindige Details aufteilen, damit man auch wirklich ins Schwarze traf und die erstrebte Gerechtigkeit besaß. Doch das alles brachte keine Befriedigung. Man fand immer noch keinen Frieden. Deshalb musste man noch mehr Erfindungen hinzufügen … Von A bis Z alles Zeremonialismus …
Nur Vertrauen auf Jesus Christus kann Menschen gerecht machen und gerecht bleiben lassen. Das Vertrauen fehlte aber. Jesus lebte nicht durch lebendigen Glauben im Herzen, sonst hätte sein tugendhaftes Wesen durch die von Gott angeordneten Hilfsmittel hindurchstrahlen können … Indem sie auf diese Weise … versuchten gerecht zu werden, schossen sie am Ziel vorbei. Das Ich richtete die »Mauer« auf, die »Scheidewand«, sinnlose Forderungen …
Richtete Gott diese Mauer auf? – Nein, die Menschen selbst. Und auf welchem Fundament fußte sie? – Auf dem Ich. Und dieses Ich … ist Feindschaft gegen Gott. Es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und kann es auch nicht (Römer 8,7). Wir lesen, dass die Jünger »meinten, sie müssten ihre Treue zu ihrer Volkszugehörigkeit zeigen, indem sie den Samaritern gegenüber Feindschaft hegten.« (Ellen White, General Conference Bulletin, 5. März 1895, Abs. 10) Feindschaft erlernten? – Nein, hegten, daran festhielten.
Wie konnte die Mauer fallen?
Auf welche Weise konnte nun Jesus diese Mauer erfolgreich zu Fall bringen und vernichten, die sich auf Feindschaft gründete und ein Ausdruck des eigenen Ichs war? Bricht man eine Mauer oder ein anderes Gebäude ab, indem man oben anfängt und einen Stein nach dem anderen abbaut oder etwa hier und da in der Mitte einen Stein herausnimmt? – Nein. Wenn man das Ganze zu Fall bringen will, zerstört man das Fundament, dann ist es um die Mauer geschehen, sie fällt, das Gebäude stürzt ein.
Gehorsam aus Angst oder Vertrauen?
… Zeremonialismus ist für Siebenten-Tags-Adventisten heute ebenso schlecht wie für jeden Pharisäer aus Judäa damals. Wer sich Christ nennt ohne Jesus, wer die Form der Gottseligkeit hat ohne Kraft, der betreibt Zeremonialismus. Das ist das ganz normale Ergebnis von Feindschaft.
Immer und überall dort, wo Feindschaft herrscht, findet man Zeremonialismus. Man wird erst frei davon, wo man von Feindschaft frei wird … Mancherorts zeigt er sich als Grenze zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe, andernorts als Grenze zwischen Nationalitäten …
Bei voller Entfaltung würde Zeremonialismus so viele Grenzen in der dritten Engelsbotschaft produzieren, wie es Nationalitäten und Hautfarben auf Erden gibt. Doch in Jesus Christus kann es so etwas nicht geben. Wenn wir aber nicht in Jesus Christus sind, sind wir auch nicht in der dritten Engelsbotschaft. In Jesus wurde Feindschaft abgeschafft … Doch wir werden das erst feststellen – auch als Siebenten-Tags-Adventisten –, wenn Feindschaft durch lebendigen Glauben an Jesus abgetan wird, wenn wir ihm unseren Willen geben und das lebendige, göttliche Bild empfangen …
Das aktive Festhalten an Feindschaft verschwindet erst, wenn sie mit dem Messias gekreuzigt und begraben wird. Sonst drängt sie immer wieder: »Ich muss etwas tun. Ich bin nicht gut genug. Gott kann mich nicht lieben. Er ist nicht so lieb, dass er sich um jemanden kümmert, der so böse ist wie ich. Ich muss etwas tun, damit ihm der Weg gebahnt wird. Ich muss etwas tun, damit die Mauer zwischen ihm und mir fällt und ich gut genug bin, sodass er mir günstig gestimmt ist. Deshalb muss und werde ich die Zehn Gebote halten. Ich werde einen Vertrag eingehen und einen Handel mit ihm machen.« Und dann bringt man äußersten Einsatz …
Wenn man etwas nicht tun will, muss man es ja doch tun, weil es richtig ist und man das Richtige tun will. Also unterschreibt man einen Vertrag, macht ein Gelübde. »Jetzt, wo ich den Vertrag unterschrieben habe, muss ich mich natürlich daran halten. Es macht mir zwar keinen Spaß, es ist ein äußerst unangenehmes Joch, aber ich habe schließlich den Vertrag unterzeichnet und muss jetzt mein Gelübde halten.« – Zeremonialismus …
Wenn wir Jesus als persönlichem Retter vertrauen, wenn wahrer Glaube in unserem Herzen wohnt und regiert, brauchen wir uns nicht durch Gelübde zu irgendetwas zu zwingen. Nein. Das Herz wird immer freudig ausrufen. »Deinen Willen zu tun, mein Gott, begehre ich, und dein Gesetz ist in meinem Herzen.« (Psalm 40,9)
Jesus Christus hat die Mauer zu Fall gebracht. Er hat in seinem Fleisch die Feindschaft abgeschafft, die gegen den Glauben kämpft und den Menschen von Gott fernhält. Er hat Feindschaft abgeschafft. Denn sie hält Menschen von ihm fern und setzt etwas anderes an seine Stelle. Dabei kann doch nichts unter der Sonne, im Himmel oder auf Erden – oder wo auch immer – uns erretten als allein Jesus Christus und unser Vertrauen auf ihn …
Wenn jemand hofft, durch das gerettet zu werden, was er Glauben an Jesus nennt plus durch etwas anderes, betreibt er immer noch denselben alten Zeremonialismus, hegt er immer noch dieselbe Feindschaft. Niemand wird durch Glauben an Jesus plus sonst noch etwas anderes gerettet …
Alles, was der Mensch ohne Jesus tut, ist mit Selbstsucht und Sünde verunreinigt. Wer durch eigene Werke, durch das Halten der Gebote gerettet werden will, versucht etwas Unmögliches. Natürlich kann kein Mensch, der Gottes Gebote bricht, errettet werden, doch sein Gehorsam sollte nicht aus ihm selbst kommen. Jesus muss in ihm das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen bewirken. Könnten wir uns durch eigene Werke retten, so gäbe es etwas in uns, dessen wir uns rühmen könnten. Doch wir können nur durch die Gnade von Jesus die Kraft für gerechte Werke erhalten.
Reue als Glaubensersatz?
Viele meinen fälschlicherweise, dass die Reue Wert genug hat, für die Sünde bezahlen zu können. Doch das kann nicht sein. Reue kann nicht als Sühne angenommen werden. Selbst Reue kann ohne den Einfluss von Gottes Geist nicht erlebt werden. Gnade muss geschenkt werden, das Sühnopfer muss für den Menschen gebracht werden, bevor er wahrhaft bereuen kann …
Reue kommt genauso von Jesus wie Vergebung. Der Sünder kann, ohne dass Jesus ihm hilft, nicht einmal den ersten Schritt zur Reue machen. »Wem Gott vergibt, den führt er erst zur Buße.« (Bible Commentary 7, 974; Bibelkommentar, 532; s. a. Apostelgeschichte 5,31) Nichts, aber auch gar nichts als das Vertrauen auf Jesus allein kann die Seele retten und gerettet halten.
Wo wohnt Gott heute?
Die Israeliten hatten ein großes Problem: Der HERR war in ihren Augen so weit weg, dass sie sogar alles, was Gott ihnen gegeben hatte, um seine große Nähe zu beweisen, als Zeichen seiner Ferne verstanden. Die Opfer, die Stiftshütte, der Tempel, die Gottesdienste – alles das wurde von den jüdischen Lehrern und der großen Volksmenge so verstanden, dass es auf den Messias hinwies, der irgendwann in ferner Zukunft kommen sollte …
Ich bin nicht sicher, ob Siebenten-Tags-Adventisten über die Ansicht hinausgekommen sind, dass diese Dinge auf einen fernen Messias hinwiesen. Ich sage nicht, dass Adventisten denken, Jesus sei weit weg. Aber ich fürchte, dass sie sich bislang noch nicht von der Vorstellung gelöst haben, das Heiligtum und seine Dienste, die Opfer und die Gaben hätten auf einen Messias hingewiesen, der in ferner Zukunft kommen sollte.
Natürlich wies das alles auf Jesus hin – aber auf den nahen Jesus, nicht den fernen. Gott wollte mit all diesen Dingen auf den Jesus hinweisen, der in ihren Herzen wohnt, nicht auf den, der 1800 Jahre später kommen würde, nicht auf den, der so weit weg ist wie der Himmel von der Erde, sondern auf Jesus in ihrer alltäglichen Erfahrung. Wenn wir diesen Gedanken begreifen und dann das Heiligtum und die Opfer studieren, kurzum das Evangelium nach Levitikus, dann finden wir dort Jesus als lebendigen, gegenwärtigen Retter im Alltag, und das ist er auch heute noch für uns.
Wir können das Evangelium, den christlichen Glauben in den fünf Büchern Mose und der ganzen Bibel finden. Aber wir lesen diese Abschnitte und sagen: Die Opfer wiesen alle auf Jesus hin, der in ferner Zukunft kommen würde und die Juden sollten durch den Heiligtumsdienst auf den kommenden Messias in der Ferne schauen. Lesen wir die Bibel mit dieser Brille? Dann lesen wir sie nicht anders als die Israeliten damals und sind auch nicht weitergehend als sie. …
Wir lesen: »Sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne!« (2. Mose 25,8) und sagen: Ja, Gott wohnte unter ihnen im Heiligtum als Hinweis auf das Heiligtum im Himmel. Und die Zeit wird kommen, wo Gott wieder bei seinem Volk wohnen wird – auf der neuen Erde. Denn es steht geschrieben: »Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden sein Volk sein.« (Offenbarung 21,3) …
Aber wo ist Gott jetzt? Das möchten wir doch wissen. Was hilft es mir, dass er vor zwei- bis dreitausend Jahren in Jerusalem wohnte? Was hilft es mir, dass er auf der neuen Erde wieder bei seinem Volk wohnen wird? Was hilft es mir, wenn er heute nicht bei mir wohnt? Denn wenn er heute nicht bei mir wohnen kann, wird er garantiert nie bei mir wohnen, weder auf der neuen Erde noch irgendwo anders, weil er keine Chance hat. Ich möchte wissen, was jeder wissen muss: Wohnt er heute bei mir? …
Wahre Grundsatztreue
Wir brauchen Befreiung in Jesus Christus, völligen Sieg … damit Feindschaft in uns durch ihn völlig vernichtet wird. Dann werden wir frei sein vom Zeremonialismus. Dann werden wir frei sein von Traditionen und Menschengeboten und Menschen, die sich zu unserem Gewissen aufspielen … Nur das Vertrauen auf Jesus kann uns retten.
Wer Jesus wahrhaft vertraut, wird gerettet … Zwischen Zeremonialismus und Grundsatztreue gibt es einen großen Unterschied: Jesus möchte eine so umfassende und persönliche Beziehung zu uns haben, dass wir uns führen lassen von den lebendigen, göttlichen Wahrheitsprinzipien, die nur in ihm zu finden sind. Sein Glanz soll sich durch diese Prinzipien in unserem Leben offenbaren. Sie sollen an jedem Punkt unsere Richtschnur sein, sodass wir immer wissen, was wir als Nächstes zu tun haben …
Der Unterschied zwischen Zeremonialismus und dem Grundsatz der lebendigen Gegenwart Jesu im Herzen ist dies: Das eine ist bloßer Formalismus, alles Fassade, ohne Christus – und das andere ist alles in Christus, und Jesus ist »alles und in allen« (Kolosser 3,11) … Ich bin froh, dass Jesus Christus den Formalismus abgeschafft hat. Er hat die Mauer, die zwischen den Menschen stand, beseitigt, zu Fall gebracht, zertrümmert, hinweggetan und ans Kreuz genagelt. Wenn wir in ihm und bei ihm sind, wenn wir ans Kreuz genagelt sind, dann erleben wir, dass Feindschaft abgeschafft und die Mauer gefallen ist, dass wir alle eins in Jesus Christus sind. Jesus ist »alles und in allen« und all das, damit Gott auch alles in allen sein möge.
Auszug aus: General Conference Bulletin, A. T. Jones Sermons, »The Third Angel’s Message«, No. 25., »Breaking Down the Middle Wall«, (1895).

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