Hochgerechnet Hunderte jüdische Kleingruppen im alten Jerusalem: Haben die Juden wirklich den Messias abgelehnt?

Hochgerechnet Hunderte jüdische Kleingruppen im alten Jerusalem: Haben die Juden wirklich den Messias abgelehnt?
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Ein völlig neuer Blick auf die Geschichte aus der Feder eines adventistischen Juden. Von Richard Elofer

Das goldene Zeitalter der Juden war das erste Jahrhundert kurz nach Jesu Tod und Auferstehung. Tausende Juden in Jerusalem, Judäa und Samaria nahmen Jesus als Messias an. Die meisten waren ihm persönlich begegnet, hatten seine Predigten gehört und seine große Weisheit und Macht erlebt. Wie haben die Jünger die Herzen dieser Menschen erreicht? Wie konnten sie Tausende Juden zu Jesus führen? Ellen White hat die Zeit der jungen Gemeinde eingehend studiert. Sie bestätigt: »Die Organisation der Gemeinde in Jerusalem sollte als Modell für die Organisation der Gemeinden an jedem anderen Ort dienen, wo Botschafter der Wahrheit Menschen für die Gute Nachricht gewinnen.« (Acts of the Apostles, 91; vgl. Wirken der Apostel, 92)

Was zur Zeit der jungen Gemeinde geschah, kann auch heute geschehen; darum ist es wichtig, aus dieser Zeit zu lernen. »Die Organisation der Gemeinde in Jerusalem sollte [uns] als Modell dienen.« Was war so besonders an dieser Organisation? Das Ziel dieses Artikels ist, von der Gemeinde Jerusalem zu lernen, was uns heute hilft Juden zu erreichen, damit wir die Erfüllung dieser Prophezeiungen erleben.

Von zwölf auf hundertzwanzig …

Jesus berief zwölf Jünger, die später zu Leitern der jungen Gemeinde wurden. Schon bald nach dieser ersten Auswahl berichtet die Bibel, dass die Zahl der Jünger auf 72 anwuchs (Lukas 10). Eine dritte Zahl wird in der Apostelgeschichte genannt, als die Jünger sich im Obergemach versammelten. »Und in diesen Tagen stand Petrus mitten unter den Jüngern auf und sprach (es waren aber etwa 120 Personen beisammen).« (Apostelgeschichte 1,15)

dann dreitausend …

Ein paar Tage später am Schawuot-Fest (Wochenfest) hielt Petrus eine kühne Rede über Jesus und die Vorgänge in Jerusalem. Viele Juden aus Jerusalem und aus dem Ausland bewegte die Rede derart, dass sie Jesus als Messias annahmen. Der Text sagt, dass an einem Tag allein 3.000 Menschen sich taufen ließen (Apostelgeschichte 2,41).

Dieses exponentielle Wachstum in weniger als vier Jahren ist ein Beweis dafür, dass die Person Jesus und seine Lehren kein Hindernis für das Evangelium unter den Juden darstellt. Jesus war ein Jude, lebte wie andere Juden, war wie viele andere als Jeschiwa-Leiter anerkannt und hatte einen Schülerkreis um sich geschart, der von ihm unterrichtet wurde. Der größte Unterschied zu seinen Kollegen war, dass seine Jünger davon überzeugt waren, Jesus selbst sei Israels Messias. Diese Überzeugung wurde nach seinem Tod und seiner Auferstehung zur Gewissheit.

In Apostelgeschichte 2 empfingen die 120 Jünger einen besonderen Segen von Gott – die Ausgießung des Heiligen Geistes. Dieser Segen machte aus zurückhaltenden und unbedeutenden Menschen starke und gewaltige Prediger. Sie verkündigten die Gute Nachricht, dass Israels Messias gekommen war und dass es Jesus von Nazareth sei, der von den Römern und den Führern des Volkes Israel gefangen genommen und gekreuzigt worden war. Diese Gute Nachricht verbreitete sich rasch in der ganzen Stadt Jerusalem.

Die Jünger in Jerusalem hatten mit ihrem Dienst während der folgenden drei Jahre großen Erfolg. Sie bildeten eine wunderbare Gemeinschaft:

»Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. Alle Gläubigen waren aber beisammen und hatten alle Dinge gemeinsam; sie verkauften die Güter und Besitztümer und verteilten sie unter alle, je nachdem einer bedürftig war. Und jeden Tag waren sie beständig und einmütig im Tempel und brachen das Brot in den Häusern, nahmen die Speise mit Frohlocken und in Einfalt des Herzens; sie lobten Gott und waren angesehen bei dem ganzen Volk. Der HERR aber tat täglich die zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.« (Apostelgeschichte 2,42-47)

… dann fünftausend

Vers 47 sagt: »Der HERR aber tat täglich die zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.« Die folgenden Kapitel der Apostelgeschichte berichten uns von einem außergewöhnlichen Zahlenwachstum. Die nächste Zahl in Apostelgeschichte 4,4 ist 5.000. Viele der 3.000, die sich an Schawuot taufen ließen, waren Pilger, Ausländer, die nicht in Jerusalem blieben. Sie kehrten in ihre Heimat zurück. Trotz ihrer Abreise wuchs die Zahl der Jünger auf 5.000. Die Jünger predigten weiter und hatten unter den Juden in Jerusalem großen Erfolg: »Denn alle priesen Gott über dem, was geschehen war.« (4,21)

… eine große Schar

Die Zahl der Gläubigen wuchs weiter an und wurde bald unüberschaubar. »Die ganze Schar derer, die an Jesus glaubten, hielt fest zusammen; alle waren ein Herz und eine Seele.« (4,32 NG) Sie waren eine große »Schar« geworden. Die Jünger predigten weiter und wirkten Wunder und die Zahl der Gläubigen wuchs und wuchs. »Und die Gemeinde wuchs ständig; Scharen von Männern und Frauen kamen zum Glauben an den HERRN.« (5,14 NG) Sogar Gamaliel, der Oberste des Jüdischen Volkes, stand für sie auf und sagte, wenn dieser Glaube und ihre Gemeinschaft von Gott komme, könne niemand sie aufhalten (5,34). Die Gemeinde in Jerusalem wuchs weiter: »Unbeirrt lehrten sie auch weiterhin Tag für Tag im Tempel und in Privathäusern und verkündeten die gute Nachricht, dass Jesus der Messias ist. Die Zahl der Jünger wuchs unaufhörlich.« (5,42-6,1 NG) Es gab Priester und Leiter, die Jesus als Messias annahmen. Auch einige, die während Jesu Dienst gegen ihn gewesen waren, wurden nun gläubig. »Die Botschaft Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem stieg sprunghaft an. Auch zahlreiche Priester nahmen das Evangelium an und glaubten an Jesus.« (6,7 NG)

Zehntausend Jesusgläubige in Jerusalem

Nicht weniger als etwa 10.000 Gläubige müssen damals, drei Jahre nach Jesu Auferstehung, in Jerusalem gewesen sein. Die letzte Zahl, die angegeben ist, war 5.000 in Apostelgeschichte 5 und der Text beschreibt weiter das exponentielle Wachstum der Gemeinde. Zehntausend Jesusgläubige ist eine große Zahl für die Stadt Jerusalem. Jerusalem war keine Großstadt. Sie war die Heilige Stadt des jüdischen Volkes; der Handel und alle Aktivitäten in der Stadt hatten im Tempel ihren Dreh- und Angelpunkt. Die Davidsstadt drängte sich mit ihren Einwohnern zwischen Ölberg und Kidrontal. Dieser Teil der Stadt, in dem das gewöhnliche Volk wohnte, hatte keine Möglichkeit sich auszudehnen. Deshalb gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die normale Einwohnerzahl Jerusalems zur Zeit Jesu bei etwa 20.000 gelegen haben muss. Während der Pilgerfeste (Pessach, Schawuot und Sukkot) sei sie bis auf das Zehnfache angeschwollen und habe die 200.000er Marke erreicht (Jeremias, Joachim. 1979. Jerusalem in the Time of Jesus. Minneapolis, MN: Fortress Press).

Halb Jerusalem!

Wenn das stimmt, dann glaubte die Hälfte der Einwohner Jerusalems, dass Jesus der Messias war.

Hausgemeinden in Jerusalem

Bei etwa zehntausend Gläubigen in Jerusalem steht man vor einigen Herausforderungen. Die größte Herausforderung war zu erfahren, wo die Gemeinde sich versammelte. Laut Apostelgeschichte versammelten sich die Jünger jeden Tag (2,46; 3,1; 5,42). Doch sie gingen nicht alle zehntausend in den Tempel, um Gott anzubeten, sondern um Menschen zu begegnen, die auf der Suche nach geistlicher Wahrheit waren. Drei Jahre lang waren sie jeden Tag im Tempel, um die Gute Nachricht von Jesus zu predigen. Wegen der Predigten und Probleme im Tempel wurden Petrus, Jakobus, Johannes und Stephanus schließlich gefangen genommen und verhört.

Regelmäßiges Bibelstudium wurde in den Privathäusern durchgeführt. Die Jünger besuchten jeden Tag Familien, um Bibelstunden zu geben und mit den neuen Gläubigen zu beten (2,46; 5,42). Paulus setzte später diese gute Gewohnheit der jungen Gemeinde fort und suchte die Menschen in ihren Häusern auf. »Ihr wisst auch, dass ich euch nichts von dem verschwiegen habe, was gut und hilfreich für euch ist; ich habe euch alles verkündet und habe euch alles gelehrt, sowohl öffentlich als auch in den Häusern.« (20,20 NG) »Es scheint klar zu sein, dass das Modell der Hausgemeinde ein echt christliches Modell ist, denn wir begegnen ihm sowohl in der christlichen Gemeinschaft in Jerusalem als auch in anderen Gemeinschaften einschließlich derer, die Paulus bei seinen Missionsbemühungen gründete.« (Donkor, Kwabena. 2008. New Testament House Churches: A Model for Today’s Complex World? Ministry, International Journal for Pastors, April, 5)

Zwei- bis dreihundert Hausgemeinden in Jerusalem

Wie viele »Hausgemeinden« gab es schätzungsweise in Jerusalem etwa dreieinhalb Jahre nach Jesu Auferstehung, also zur Zeit von Apostelgeschichte 6, wenn wir von zehntausend Gläubigen in der Stadt ausgehen? Die Häuser in der Davidsstadt waren klein und eng verbaut. Mehr als 25 bis 30 Gläubige werden sie pro Gemeinde nicht haben fassen können. Das Obergemach konnte die 120 Gläubigen von Apostelgeschichte 1 aufnehmen, aber diese Hausgröße war eine Ausnahme. Es gehörte wohl einem reichen Jerusalemer, der nicht in der Davidsstadt wohnte, sondern auf dem Berg Zion, wo die meisten Archäologen das Obergemach vermuten, in dem Jesus mit seinen Jüngern zum letzten Mal zu Abend aß.

Wenn eine Hausgemeinde etwa 30 Menschen fassen konnte, wären 300 Hausgemeinden nötig gewesen, um alle aufzunehmen. Es überrascht festzustellen, dass es in der kleinen jüdischen Hauptstadt Jerusalem nur wenige Jahre nach Jesu Auferstehung zwischen zwei- und dreihundert Hausgemeinden gegeben haben muss.

Haben die Juden wirklich Jesus abgelehnt?

Wenn man das alles bedenkt, lässt sich die Behauptung mancher Leute nicht halten, das jüdische Volk habe Jesus abgelehnt. Das ist einfach nicht wahr. Große jüdische Menschenmassen folgten Jesus und lauschten seinen Predigten und Lehren und Tausende von Juden nahmen ihn nach seinem Tod und seiner Auferstehung als Messias an und ließen sich taufen.

Hausgemeinden – das biblische Modell

Dieses Verständnis der Hausgemeinden ist für unseren Dienst wichtig. Denn Ellen White sagt: »Die Organisation der Gemeinde in Jerusalem sollte als Modell dienen.« (s.o.) Es ist bestimmt das beste Modell, um auch heute unter Juden zu wirken, denn sie werden nicht so leicht eine Kirche betreten. Ich erinnere mich, dass man in meiner Kindheit sagte, es sei eine Sünde für einen Juden, eine Kirche zu betreten, weil es ein heidnischer Ort mit Götzen sei. Da es für einen Juden so schwer ist, eine Kirche zu betreten, sind Kleingruppen sicher der beste Weg, sie zu Versammlungen einzuladen und mit ihnen über die Bibel ins Gespräch zu kommen.

Wie eine Hausgemeinde funktioniert

Da unser Modell die Gemeindeorganisation in Jerusalem ist, sollten wir uns einmal näher anschauen, nach welchem System sie sich trafen und was sie taten. »Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, an der geschwisterlichen Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den gemeinsamen Gebeten. Jeden Einzelnen ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, und durch die Apostel geschahen viele Wunder und außergewöhnliche Zeichen. Alle Gläubiggewordenen aber bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte es und verteilte den Erlös an die Bedürftigen. Tag für Tag kamen sie einmütig im Tempel zusammen, und in ihren Häusern brachen sie das Brot und trafen sich mit jubelnder Freude und redlichem Herzen zu gemeinsamen Mahlzeiten. Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk angesehen. Täglich fügte der HERR solche, die gerettet wurden, ihrer Gemeinschaft hinzu.« (Apostelgeschichte 2,41-47 NEÜ)

Die ersten Jesusgläubigen widmeten ihr ganzes Leben, ihre Gedanken, ihren Besitz, einfach alles dieser neuen Sache, damit das Evangelium von Jesus dem Messias gepredigt würde. In ihren Versammlungen sind sieben Elemente zu finden:

  1. Gemeinsam Bibel studieren (Lehre der Apostel)
  2. Gemeinsam Zeit verbringen (geschwisterliche Gemeinschaft)
  3. Gemeinsam essen (Brechen des Brotes/gemeinsame Mahlzeiten)
  4. Gebetsgemeinschaft (gemeinsam beten)
  5. den Armen helfen (hatten alles gemeinsam)
  6. Gemeinsamer Gottesdienst (lobten Gott)
  7. Wachstum durch Zeugnisgeben (täglich fügte der HERR hinzu, die gerettet wurden)

Schlussfolgerung

Das jüdische Volk von heute unterscheidet sich nicht von dem jüdischen Volk, das vor 2000 Jahren in Jerusalem lebte. So wie Juden damals Jesus annahmen, gibt es auch heute unter den Juden eine große Erweckung in Bezug auf geistliches Leben und Jesus. Tausende von Juden in Israel glauben heute an Jesus. Das bedeutet: Wenn wir Jesus in angemessener Weise repräsentieren, werden wir wie die Jünger vor 2000 Jahren Großes bewirken.

Aus: Comfort, Comfort My People, Silver Spring, Maryland (2009): Worldwide Adventist-Jewish Friendship Center, Seite 155–60.
Mit freundlicher Genehmigung.


 

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