Wunden, die uns heilen: Warum ausgerechnet seine Verletzung zum Ort unserer Heilung wird

Eine Hand mit einer Wundnarbe in der Handfläche hält behutsam die Hand eines anderen Menschen. Warmes Morgenlicht fällt auf die Hände vor einer felsigen Landschaft.
Bild erstellt mit KI (ChatGPT)

Was geschieht, wenn wir Jesaja 53 nicht durch fertige theologische Vorstellungen lesen, sondern den hebräischen Text selbst zu Wort kommen lassen? Eine Spur überrascht mit einem Verständnis von Erlösung, das noch tiefer reicht als die Frage nach Schuld und Strafe. Von Kai Mester

Lesezeit: 4 Minuten

Wir alle kennen wahrscheinlich Jesaja 53, die berühmte Prophezeiung über den Gottesknecht. Juden verstehen darunter traditionell das Volk Israel, Christen den historischen Jesus von Nazareth, den sie als Messias verstehen.

Wenn wir nun selbst in den Text schauen, begegnet uns zunächst eine Gestalt, die wohl niemand für besonders verheißungsvoll halten würde: »keine Gestalt, die uns gefallen hätte« (Vers 2). Verachtet, unwert, voller Schmerzen und Krankheit. Andere Übersetzungsmöglichkeiten wären »voller Trauer und Schwäche« oder »voller Kummer und Plage«. Ein Mensch zum Wegschauen.

Angewidert? Betroffen? Vielleicht beides?

»Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.« (Vers 4)

Offensichtlich ist diese Einschätzung komplett falsch. Denn es stellt sich heraus: Es sind nicht seine ureigensten Schmerzen, die er trägt. Es sind unsere. Unser Schmerz, Kummer, unsere Trauer hat er »aufgehoben«, »auf sich genommen« (hebr. nasa‘ נשא). Unsere Krankheit, Schwäche, Plage, »schleppt« er (hebr. savalסבל ).

Und dann wird der Text noch schockierender:

Vers 5 lautet im Hebräischen wörtlich ungefähr: »Er wurde durchbohrt von unseren Verbrechen und zerstoßen von unserer Verdorbenheit.« Also nicht Gott, sondern wir waren die Ursache seines Leidens und seiner Entstellung. Und jetzt kommt die eigentliche Aussage:

»Der Mußar unseres Schaloms war auf ihm …« man könnte auch übersetzen »oblag ihm/war sein Auftrag« und durch seine Striemen oder Wunden geschah Heilung für uns.«

In anderen Worten: Hier wird seine Mission beschrieben. Er soll unsere Heilung bewirken unseren Schalom: Frieden, Ganzheit, Unversehrtheit, Wohlbefinden, und diesen Auftrag kann er nur erfüllen, wenn er unsere Schmerzen, unsere Krankheit, unsere Wunden, unseren Kummer, unsere Trauer aufhebt und wegschleppt. Denn dadurch werden wir letztlich davon geheilt und finden Frieden.

Was aber ist der Mußar? Hebräisch musar (מוסר) ist ein Wort für Unterweisung, Ermutigung, Erziehung, Reformierung, oft auch mit Zucht und Strafe übersetzt. Es geht hierbei um das Hinweisen auf den richtigen Weg, um Korrektur, um Motivierung.

Einen gewalttätigen Zug hier hineinzulesen, passt nicht zu Gottes Charakter, den Jesus uns gezeigt hat. Das Ziel, uns zur Weisheit zu führen, kann effektiver und effizienter mit Sanftmut erreicht werden. Und genau das war der Auftrag dieses Gottesknechts.

»Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.« (Matthäus 11,28-29)

Er würde uns mit Sanftmut zum Frieden führen. Indem er sich von uns hat schlagen und umbringen lassen, hielt er uns einen Spiegel vor, der unser Herz zerbrach. Seine Feindesliebe brachte unsere Herzen zum Schmelzen.

Wie beim Verschweißen von Metallen verband sich unser dadurch verwundetes Herz mit seinem verwundeten Herzen, um eine Verbindung einzugehen, die unzerstörbar ist:

»Wer will uns scheiden von der Liebe des Gesalbten?« (Römer 8,35) »Weder Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in unserem Herrn Jesus Christus ist.« (Römer 8,38)

Nun stellt sich noch die Frage, was mit Vers 10 gemeint ist: »Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit.« Schauen wir wieder ins Hebräische, so finden wir das Wort chafetz (חפץ): »Und der HERR freute sich, hatte seine Lust, begehrte sein Zerschlagen und sein Krankwerden.«

Was in aller Welt will Jesaja damit sagen? Das muss nicht so gedeutet werden, als ob Gott der Verursacher seines Leidens gewesen wäre. Es kann auch heißen, dass Gott großes Wohlgefallen an seinem Einsatz, seinem Opfer, seiner Aufopferung hatte.

Denn die folgenden Worte sagen: »Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Samen/Nachkommen erblicken und seine Tage verlängern, und das Begehren des HERRN/seine Lust wird durch seine Hand Erfolg haben.« (Jesaja 53,10)

Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis dieses rätselhaften Gottesknechts: Gott gefällt nicht das Leiden. Gott gefällt, was durch die hingebende Liebe des Messias geschieht.

Der Gottesknecht geht den Weg der Liebe bis zum Äußersten. Und aus seiner Verwundung kommt Heilung. Aus seinem Schalom wird unser Schalom. Aus seinem Sterben entsteht Leben.

Vielleicht ist das die überraschendste Botschaft von Jesaja 53:

Wir suchen einen Gott, der Gewalt mit Gewalt beantwortet. Und stattdessen lässt Jesus uns in das Herz seines verwundeten Vaters blicken. Wir erwarten, dass der Stärkere gewinnt. Und stattdessen sehen wir jemanden, der sich hingibt. Wir schauen auf seine Wunden – und entdecken dort unsere Heilung.

»Durch seine Wunden ist Heilung für uns«

Vielleicht beginnt Schalom genau dort: nicht wo keine Wunden mehr sind, sondern dort, wo eine Wunde sich in Liebe verwandelt.

Und vielleicht wollte Jesus uns genau das zeigen – zu unserem Frieden!

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