PODCAST
KI-generierte Stimme (ElevenLabs)
Ein Auszug aus einer Predigt von Waldemar Laufersweiler
Es gibt Stunden, in denen das Leid alle vertrauten Antworten verstummen lässt. Ein geliebter Mensch liegt auf der Intensivstation. Eine schwere Krankheit verändert den Alltag. Nachrichten über Schmerz und Tod erreichen uns aus der Familie, dem Freundeskreis oder der Gemeinde. Was eben noch selbstverständlich erschien, wird plötzlich zerbrechlich.
In solchen Zeiten fragen wir: Warum geschieht das? Wie können wir diesen Schmerz ertragen? Und wo ist Gott?
Die Bibel weicht diesen Fragen nicht aus. Sie gibt der Klage Raum und führt uns zugleich zu einer Hoffnung, die auch in der Dunkelheit Bestand hat: Gott begleitet uns im Leid. Er kennt unsere Angst und unsere Erschöpfung. Im Leiden Jesu erkennen wir, wie tief der Himmel mit unserem Schmerz verbunden ist.
Wenn das Leid die Hoffnung verdunkelt
Das dritte Kapitel der Klagelieder beschreibt eine Erfahrung, die leidenden Menschen erschreckend vertraut sein kann. Der Beter fühlt sich in die Finsternis gedrängt. Seine Wege scheinen versperrt, seine Gebete ungehört. Bitterkeit erfüllt sein Inneres. Schließlich spricht er davon, den Frieden verloren und vergessen zu haben, was Glück bedeutet (Klagelieder 3,1–20).
Diese Worte beschönigen nichts. Sie zeigen, wie schwer ein Mensch unter seiner Not zusammenbrechen kann. Selbst die Hoffnung auf Gott scheint ihm zu entgleiten.
Dass solche Worte in der Bibel stehen, ist tröstlich. Wir müssen unseren Schmerz vor Gott nicht verbergen. Auch ein erschütterter Glaube darf beten. Auch eine niedergedrückte Seele darf sich an ihn wenden.
Wer an einem Krankenbett steht, versteht diese Sprache oft anders als zuvor. Das Leid ist dann keine ferne Frage mehr. Es hat das Gesicht eines geliebten Menschen. Und die Bitte an Gott wird persönlich: Herr, hilf mir zu verstehen. Zeige mir, woran ich mich festhalten kann.
Gethsemane: Jesus kennt die Tiefe unserer Angst
Mitten in solchen Fragen führt der Blick nach Gethsemane. Dort, am Ölberg, begegnet uns Jesus in einer Stunde äußerster seelischer Bedrängnis.
Nach Lukas 22,39–46 zieht er sich von seinen Jüngern zurück, kniet nieder und betet. Er bittet den Vater, den bevorstehenden Kelch von ihm zu nehmen, wenn dies seinem Willen entspricht. Zugleich vertraut er sich dem Willen des Vaters an.
Wir kennen diese Geschichte. Vielleicht haben wir sie seit unserer Kindheit gehört. Doch die Vertrautheit mit ihren Worten kann uns daran hindern, ihre Tiefe wahrzunehmen. Jesus erlebt wirkliche Angst. Sein Ringen ist so schwer, dass Lukas seinen Schweiß mit Blutstropfen beschreibt, die zur Erde fallen.
In ihrer Darstellung von Gethsemane in Das Leben Jesu hebt Ellen White die Erschöpfung und die überwältigende Qual Jesu hervor. Sie lenkt den Blick zugleich auf den Vater, der mit seinem Sohn leidet, und auf die Engel als Zeugen dieses Geschehens.
So wird Gethsemane zu einem Ort, an dem wir Gottes Mitgefühl erkennen. Der Himmel betrachtet menschliches Leid nicht aus unberührter Ferne. Der Sohn Gottes ist selbst in dessen tiefste Dunkelheit eingetreten.
Gott begleitet uns im Leid und schenkt Kraft
Lukas berichtet, dass ein Engel vom Himmel erscheint und Jesus stärkt (Lukas 22,43). Dennoch ist sein Ringen damit nicht beendet. Auch nach dieser Stärkung beschreibt der Evangelist seine Angst und sein eindringliches Gebet.
Darin liegt eine wichtige Einsicht für unseren Glauben: Gottes Hilfe bedeutet nicht immer, dass die Not sofort aufhört. Manchmal schenkt er Kraft, während die schwere Stunde andauert.
Wir wünschen uns verständlicherweise Erleichterung, Heilung und eine rasche Antwort. Doch auch dort, wo wir weiter warten müssen, dürfen wir auf Gottes Nähe vertrauen. Sein Beistand kann uns tragen, obwohl wir den Weg noch nicht überblicken.
Gethsemane gibt uns keine einfache Erklärung für jedes einzelne Leid. Aber es zeigt uns den Erlöser, der selbst durch Angst und Schmerz hindurchgegangen ist. Deshalb dürfen wir ihm auch das anvertrauen, wofür uns die Worte fehlen.
Was Jesu Leiden über die Sünde offenbart
Die Erfahrung des Leidens hat mich zunächst zu einer bedrängenden Frage geführt: Warum ist das so? Als ich eine mir nahestehende Person auf der Intensivstation sah und von den schweren Leiden anderer Menschen hörte, ließ mich diese Frage nicht mehr los. Ich brachte sie vor Gott: Herr, was willst du mir darin zeigen?
Noch am selben Abend schlug ich, ohne gezielt danach gesucht zu haben, in Ellen Whites Das Leben Jesu das Kapitel über Gethsemane auf. Beim Lesen begegnete mir ein Gedanke, der diese Frage in ein neues Licht stellte.
Ihre Schilderung des leidenden Heilands und des mit seinem Sohn leidenden Vaters macht deutlich, wie verhasst die Sünde in Gottes Augen ist. Jesu Qual führt uns vor Augen, was Sünde bedeutet und welchen Preis unsere Erlösung gekostet hat.
Darin lag für mich eine persönliche Antwort. Das Leid, das ich gesehen hatte, ließ mich das Leiden Jesu tiefer erfassen. Was mir als vertraute biblische Geschichte bekannt war, berührte mich nun mit einer neuen Eindringlichkeit. Mir wurde bewusster, wie zerstörerisch die Sünde ist und wie viel der Himmel auf sich genommen hat, damit wir leben dürfen.
Damit ist nicht jede einzelne Leiderfahrung erklärt. Doch gerade im Schmerz kann Gott unseren Blick für etwas öffnen, das wir leicht verdrängen: die Sündhaftigkeit der Sünde.
Wenn wir erkennen, was sie Christus gekostet hat, soll sie uns zunehmend verhasst werden. Was wir bisher entschuldigt oder verharmlost haben, möchten wir dann nicht länger festhalten.
So kann auch eine schwere Erfahrung dazu beitragen, dass wir der Sünde mehr und mehr absterben und uns entschiedener Christus zuwenden. Wir bitten Gott, dass er unseren Schmerz nicht fruchtlos bleiben lässt, sondern uns darin näher zu sich zieht und unser Herz verändert.
Der Sünde widerstehen: Gebet und Heiligung im Alltag
Der Hebräerbrief spricht mit großer Ernsthaftigkeit von diesem Kampf:
„Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde.“
Hebräer 12,4
Dieser Vers stellt uns die Frage, wie entschieden wir der Sünde tatsächlich widerstehen. Haben wir uns mit bestimmten Gewohnheiten abgefunden? Geben wir Versuchungen nach, weil uns der Widerstand zu unbequem erscheint?
Der Blick auf Jesu Leiden ruft uns dazu auf, den Kampf gegen die Sünde ernst zu nehmen und dabei auf seine Kraft zu vertrauen.
In Gethsemane fordert Jesus seine Jünger auf, aufzustehen und zu beten, damit sie nicht in Versuchung geraten (Lukas 22,45–46). Diese Aufforderung verbindet geistliche Wachsamkeit mit dem Gebet. Wir brauchen die Nähe zu Gott, um Versuchungen zu erkennen und ihnen zu widerstehen.
Deshalb dürfen wir die Veränderung unseres Lebens nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Jetzt, in der gegenwärtigen Gnadenzeit, möchte Christus uns reinigen und unseren Charakter erneuern.
Neid, Eifersucht, Misstrauen, mangelnde Selbstbeherrschung, Unmäßigkeit, Weltlichkeit, Lieblosigkeit und selbstsüchtige Absichten sollen ihre Macht über uns verlieren.
Heiligung geschieht, indem wir uns Gottes Wirken öffnen, Schuld bekennen und im Vertrauen auf ihn neue Schritte gehen. Seine Gnade schenkt uns Vergebung und befähigt uns, der Sünde zu widerstehen.
Je tiefer wir Jesu Opfer verstehen, desto weniger möchten wir an dem festhalten, was ihm solche Qual bereitet hat. Daraus wächst unsere Bitte: Herr, lass mich die Sünde mit deinen Augen sehen. Hilf mir, ihr abzusterben und aus deiner Liebe zu leben.
Gottes Erbarmen ist jeden Morgen neu
Nach den dunklen Worten der Klage wendet sich der Beter in Klagelieder 3 bewusst einer anderen Wirklichkeit zu. Er ruft sich Gottes Erbarmen und Treue ins Gedächtnis. Darauf will er hoffen (Klagelieder 3,21–26).
Seine äußere Lage hat sich an dieser Stelle noch nicht sichtbar verändert. Dennoch findet seine Seele einen Halt: Gottes Barmherzigkeit ist nicht erschöpft. Jeden Morgen darf er neu mit ihr rechnen.
Auch wir brauchen diese Erinnerung. Gerade im Leid kann unser Blick so eng werden, dass wir nur noch das Schwere sehen. Dann helfen uns die Worte der Schrift, Gottes Treue wieder vor Augen zu bekommen.
Das stille Warten auf seine Hilfe bedeutet dabei nicht, dass wir keine Fragen oder Tränen mehr haben dürfen. Es ist ein Vertrauen, das beides vor Gott bringt und sich dennoch an ihm festhält.
Klagelieder 3,31–33 erinnert außerdem daran, dass Leid nicht Gottes Herzenswunsch für den Menschen ist. Sein Erbarmen bleibt größer als die Dunkelheit, die wir gegenwärtig erfahren.
Das Leiden hat einen letzten Tag
Die christliche Hoffnung reicht über unsere gegenwärtige Erfahrung hinaus. Paulus ist überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit gegenüber der kommenden Herrlichkeit nicht ins Gewicht fallen werden (Römer 8,18–19).
Wer mitten im Schmerz steht, kann diesen Gedanken vielleicht nur mühsam aufnehmen. Am Krankenbett lässt sich Leid nicht mit einem schnellen Hinweis auf die Zukunft auflösen. Die biblische Verheißung will uns vielmehr tragen: Das, was uns heute bedrängt, wird nicht für immer bleiben.
Die ganze Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Unser Blick richtet sich deshalb auf die Vollendung, die Gott verheißen hat. Schmerz und Vergänglichkeit werden nicht das letzte Wort behalten.
Gott begleitet uns im Leid – und er führt uns einer Zukunft entgegen, in der das Leiden endet. Bis dahin dürfen wir klagen, beten und hoffen. Wir dürfen uns von Christus verändern lassen und jeden neuen Morgen aus Gottes Erbarmen leben.
Gethsemane erinnert uns daran, wie tief seine Liebe reicht. Die Verheißung der kommenden Herrlichkeit erinnert uns daran, wohin diese Liebe uns führt.

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