Warum sollte Gott gerade für Menschen, die sich gegen ihn auflehnen, das Kostbarste geben, was er besitzt? Die Antwort führt zum Kreuz – und zu einer Liebe, deren Tiefe selbst die Ewigkeit nicht ausschöpfen wird. Von Ellen White
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Wie lässt sich die Liebe Gottes überhaupt in Worte fassen – jene Liebe, die ihn dazu brachte, seinen eingeborenen Sohn für Sünder in den Tod zu geben? Unser Verstand reicht dafür nicht aus. Selbst Menschen von außergewöhnlicher geistiger Begabung können diese Liebe nicht allein durch Nachdenken und Wissen erfassen. Wer Gott nicht persönlich kennt, vermag selbst die tiefsten göttlichen Wahrheiten nicht wirklich zu verstehen oder anderen nahezubringen.
Sie sehen in der Natur nicht den Schöpfer, der hinter ihr steht, und erkennen deshalb auch nicht, wie seine Liebe sich in den Blumen des Feldes offenbart, die unsere Welt mit ihrer Schönheit schmücken und gleichsam von seiner Güte erzählen. Sie ahnen kaum etwas von der Länge und Breite, von der Höhe und Tiefe der Liebe Gottes, die sich darin zeigt, dass er seinen Sohn dieser Welt schenkte. Selbst in der Natur nehmen sie die Spuren seiner Liebe nur mit stumpfen, eingeschlafenen Sinnen wahr. Der Gott, der einst sprach: »Es werde Licht«, und so das Licht aus der Finsternis hervorbrechen ließ, hat in ihren Herzen noch nicht das Licht aufgehen lassen, das ihnen seine Schönheit und Liebe gezeigt hätte – jenes Licht, das aus dem Angesicht von Jesus Christus leuchtet.
Gott selbst hat seine Liebe offenbart, und Jesus Christus ist der vollkommenste Ausdruck dieser Liebe. »Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.« (1. Johannes 4,9-10)
Welche Liebe! Eine Liebe, die jedes Maß sprengt! Schon als wir noch Sünder waren, hatte der Vater Mitleid mit uns und liebte uns. Und doch zeigt sich gerade dann, wenn uns Prüfungen und Schwierigkeiten bedrängen, wie schwach unser Glaube oft ist.
Wer sich von Gott fernhält, lebt ohne wirkliche Gemeinschaft mit dem Himmel, obwohl der Heilige Geist allen verheißen ist, die darum bitten. Jesus hat uns diese Wahrheit so nahegebracht, dass jeder sie verstehen kann: »Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!« (Lukas 11,13)
Die Liebe Gottes ist so tief und so umfassend, dass sie sich nur dadurch ausdrücken ließ, dass er für uns seinen geliebten Sohn dahingab – und ihn Armut, Schande, Erniedrigung, Spott und schließlich dem Tod überließ. Kein kostbareres Opfer konnte der Welt gegeben werden. Im Gesalbten schenkte uns der Himmel sich selbst.
»Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« (Römer 8,32)
Durch den Messias wurde der Weg zwischen Gott und dem Menschen wieder geöffnet. Gottes Gerechtigkeit und Ehre bleiben gewahrt; zugleich tritt jede seiner göttlichen Eigenschaften umso klarer hervor. Und für jeden Menschen wird sichtbar, dass Rettung und Gerechtigkeit möglich sind.
Hier liegt das Geheimnis der Erlösung: Es wurde erlaubt, dass der unschuldige, reine und heilige Sohn des unendlichen Gottes die Strafe eines undankbaren Rebellengeschlechts trug, das sich gegen Gottes Herrschaft aufgelehnt hatte. Durch diese unvergleichliche Liebe sollten selbst diese Rebellen Vertrauen zu Gott fassen, ihn wieder lieben und in Reue und Vergebung vor ihn treten können – frei von Schuld, als hätten sie niemals gesündigt.
Auch die Engel im Himmel staunten darüber, dass Gottes Zorn auf den geliebten Sohn gelegt werden sollte. Ein Leben von unendlichem Wert, kostbar in den himmlischen Höfen, wurde für das armselige Leben einer durch die Sünde entstellten Menschheit gegeben.
Der Erbe Gottes kam in unsere Welt und nahm menschliche Gestalt an. Er lebte nicht als Herrscher, sondern in den einfachen Verhältnissen eines Menschen geringer Herkunft und als einer, der anderen diente.
Als die Stunde näher rückte, in der er sein Leben am Kreuz hingeben sollte, zeigte sich seine Liebe in den Worten: »Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus.« (Johannes 18,4)
Er wusste nicht nur, dass er sterben würde. Er kannte auch die Schande und Erniedrigung, die ihm bevorstanden, und wusste, wie grausam man mit ihm verfahren würde. Niemand zwang ihn, diesen schmachvollen Tod am Kreuz auf sich zu nehmen. Dennoch gab er sich selbst als Opfer für die Sünde hin.
Der Wille Gottes, die Welt zu retten, war auch der Wille des Gesalbten. Seine Liebe war eins mit der Liebe des Vaters. Und diese Liebe trieb ihn an.
Hier offenbart sich die Liebe Gottes – eine Liebe, die unaussprechlich, unermesslich und für den menschlichen Verstand letztlich nicht zu begreifen ist. Wir können ihre ganze Fülle nicht erfassen. Aber wir sollten uns mit allen Kräften darum bemühen, diese rettende Liebe anderen weiterzugeben.
Die unendliche Ewigkeit wird uns diese Liebe immer tiefer erschließen. Und dann werden wir erkennen, was wir hier noch nicht begreifen können.
Aus: Bible Echo, 25. November 1895

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