Paulus scheint im Römerbrief die biblischen Reinheitsgebote für die Ernährung aufzuheben. Doch was meint er tatsächlich mit »rein« und »unrein«? Ein genauer Blick auf die griechischen Begriffe und den Zusammenhang zeigt: Es geht nicht um die Abschaffung von Reinheitsfragen, sondern um Gewissen, geistliche Verunreinigung und die Verantwortung gegenüber anderen. Von Kai Mester
Lesezeit: 2½ Minuten
Ein besonderes Rätsel scheint uns Paulus im 14. Kapitel des Römerbriefes aufzugeben, wenn er sagt: »Ich … bin überzeugt …, dass nichts an und für sich unrein ist; sondern es ist nur für den unrein, der etwas für unrein hält.« (Römer 14,14) »Es ist zwar alles rein, aber es ist demjenigen schädlich, der es mit Anstoß isst.« (14,20) Sind das nicht Aussagen, die die Reinheitsgebote endgültig abschaffen und Ernährung aus dem Bereich der Religion verbannen?
Biochemisch oder spirituell unrein?
Das griechische Wort, das in Vers 14 mit unrein übersetzt wurde, lautet κοινος (koinos, gemein). Wäre Paulus ein Kritiker der Reinheitsgebote gewesen, hätte hier jedoch ακαθαρτος (akathartos, von Natur aus unrein) stehen müssen. Er sagt aber: »Es ist zwar alles rein (καθαρος, katharos, von Natur aus rein)« (14,20). Es geht hier also ohnehin nur um reines Fleisch. Die Frage der ersten Christen war nämlich, ob reines Fleisch durch Götzenweihe spirituell/okkult verunreinigt werden kann (vgl. 1. Korinther 8).
Paulus sagt: »An und für sich« (14,14), also ohne biochemische Verunreinigung durch Aas, Gift etc., ist reines Fleisch nie spirituell unrein. »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.« (Römer 14,17)
Gott wird nicht durchs Essen zum König in meinem Herzen, sondern durchs Verstehen und Verinnerlichen heiliger Gedanken. Nur wenn jemand sich ein Gewissen macht, weil er etwas für spirituell unrein hält, dann verunreinigt er seine Gedankenwelt (1. Korinther 8,7; Römer 14,1).
Vegetarismus als Heilmittel
Paulus ruft deshalb zur Toleranz in Gewissensfragen auf (Römer 14,3.10.12), empfiehlt aber gleichzeitig: »Es ist gut, wenn du kein Fleisch isst und keinen Wein trinkst, noch sonst etwas tust, woran dein Bruder Anstoß oder Ärgernis nehmen oder schwach werden könnte.« (Römer 14,21) »Lieber in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß zur Sünde gebe.« (1. Korinther 8,13)
Wenn der Apostel den völligen Verzicht auf Fleisch und Alkohol schon empfiehlt, um meinen Bruder vor spiritueller Verunreinigung zu bewahren, wie viel mehr dann heute, wo ich durch von Natur aus reines Fleisch praktisch immer mit Toxinen biochemisch verunreinigt würde. Denn mein Körper und mein Geist sind so heilig wie ein Tempel …
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