Was verbindet die islamische Welt, die Reformation und die Adventbewegung? Eine historische Spur führt von Córdoba bis 1844 – und zu drei Prinzipien geistlicher Freiheit: Gewissensfreiheit, freie Forschung und der unmittelbare Zugang zu Gott. Von Kai Mester
Lesezeit: 19 Minuten
Es gibt eine merkwürdige Spannung in der christlichen Geschichte.
Sie begann mit einer erstaunlich einfachen Aufforderung:
- Prüft alles. Prüft die Geister.
- Forscht in den alten Schriften und betrachtet die Schöpfung.
- Folgt Gott mehr als den Menschen.
Es ging dabei um mehr als die Prüfung einzelner Glaubenslehren. Der Mensch sollte selbst erkennen, unterscheiden und vor Gott Verantwortung übernehmen – statt sich blind auf menschliche Autorität zu verlassen.
Doch was geschah mit dieser Haltung im Laufe der Geschichte?
Aus der verfolgten Gemeinde des ersten Jahrhunderts wurde allmählich eine mächtige Institution. Nach Konstantin verschmolzen christlicher Glaube, politische Ordnung und kirchliche Autorität immer enger miteinander.
Ein System entstand, in dem die Auslegung der Bibel zunehmend durch Tradition, kirchliche Ämter und institutionelle Strukturen vermittelt wurde.
Aus adventistischer Sicht lässt sich darin ein entscheidender Wendepunkt der Heilsgeschichte erkennen.
Rom war zum Zentrum der christlichen Macht geworden. Wer sich der kirchlichen Lehrautorität widersetzte – ob in Fragen des Glaubens, des Weltbildes oder wissenschaftlicher Erkenntnis – und sich auf das eigene Gewissen und die eigene Prüfung berief, dem drohte als Ketzer Verfolgung und Tod.
Das Problem war damit nicht nur, was geglaubt wurde. Es war auch die Frage, wer entscheiden durfte, was geglaubt werden musste.
Und dann trat eine neue Kraft auf die Bühne der Geschichte.
Im Osten und Süden der christlichen Welt entstand im 7. Jahrhundert der Islam.
Seine heilige Schrift, der Koran, stellte drei geistige Prinzipien mit ungewöhnlicher Schärfe heraus:
- Denke selbst und prüfe.
- Kehre zur Offenbarung zurück.
- Stelle Gott allein über jede menschliche Autorität.
Genau das, was im frühen Christentum so zentral war. Damit stellt sich eine überraschende Frage:
Könnte Gott in seiner Vorsehung sogar eine religiöse Bewegung außerhalb des Christentums gebraucht haben, um Elemente einer verlorengegangenen geistigen Haltung wieder sichtbar zu machen?
Diese Frage wird noch interessanter, wenn man nicht nur auf Theologie, sondern auf Geschichte und Kultur blickt. Über Zentren wie Córdoba und Toledo gelangten nämlich zahlreiche Werke und Denkimpulse in den lateinischen Westen. Der Einfluss der islamischen Welt auf Europa und die gesamte westliche Welt lässt sich in vielen Bereichen bis heute nachweisen.
Liegt hier eine Spur?
Von Córdoba über Toledo zur europäischen Geistesgeschichte, von dort zur Reformation und schließlich zur Adventbewegung lässt sich eine Entwicklungslinie untersuchen, in der immer wieder dieselbe Grundfrage auftaucht:
Darf menschliche Autorität über das Gewissen herrschen – oder muss der Mensch selbst zur Offenbarung zurückkehren und Gott mehr gehorchen als den Menschen?
Genau dieser Spur wollen wir folgen.
Die drei Prinzipien geistlicher Freiheit
1. Prüfe selbst – Freiheit des Gewissens
Der Koran stellt sich ausdrücklich gegen die Vorstellung, dass eine Überzeugung allein deshalb wahr sei, weil die Vorfahren sie vertreten haben.
»Wenn man ihnen sagt: ›Folgt Gottes Offenbarung!‹ so sagen sie: ›Wir folgen den Überlieferungen, die von unseren Vätern auf uns gekommen sind.‹ Das tun sie, obwohl sich ihre Väter ihres Verstandes nicht bedienten und ihnen die Rechtleitung fehlte.« (Sure 2:170)
Die Botschaft ist bedeutsam: Nicht die Traditionen der Väter, sondern Verstand und Rechtleitung zählen!
An anderer Stelle ermutigt der Koran zum Hören, Nachdenken und Prüfen: »Die allem zuhören, was gesagt wird und nur dem Besten folgen, das zu Gott führt. Das sind die von Gott Rechtgeleiteten, und sie sind es, die Verstand haben.« (Sure 39:17–18 Azhar)
Und die persönliche Verantwortung für Erkenntnis wird ausdrücklich betont: »Du sollst nicht behaupten, etwas zu wissen, wenn du es nicht weißt. Jeder hat sich vor Gott für das Hören, Sehen und den Verstand zu verantworten.« (Sure 17:36)
Hören. Sehen. Denken. Prüfen.
Wissen ist im Koran kein nebensächliches Gut. Der Mensch soll sogar darum bitten: »Sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen!« (Sure 20:114)
Und immer wieder verweist der Koran auf die Schöpfung als Gegenstand des Nachdenkens: »Darin liegen Zeichen für Leute, die nachdenken.« (Sure 13:3)
Das sind bemerkenswerte Voraussetzungen für eine Kultur, in der Wissen, Beobachtung, Argumentation und Forschung einen hohen Stellenwert gewinnen konnten.
Dieses Prinzip hat den Islam geprägt und ihn in sein Goldenes Zeitalter geführt. Rund 700 Jahre wissenschaftlicher, kultureller und intellektueller Blüte. Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie, Optik und zahlreiche weitere Wissensgebiete wurden erforscht, weiterentwickelt und überliefert. Städte wie Bagdad und Córdoba wurden zu Zentren des Wissens.
Vor allem aber galt: Kein Mittler durfte sich zwischen Mensch und Gott schieben. Daher herrschte eine im christlichen Mittelalter unbekannte Meinungsfreiheit (Ikhtilāf) und eine ausgesprochene Diskussionskultur (Kalām). Solange man nichts gegen Gott, Mohammed, den Koran und den Kalifen sagte, war so ziemlich alles erlaubt. Auch gab es sehr viel Toleranz und Religionsfreiheit.
Was für ein Kontrast zum römischen Europa! Während der europäische Adel im frühen Mittelalter oft weder seinen eigenen Namen schreiben konnte und den Nachttopf auf die ungepflasterte Straße kippte, lasen die Bürger in Córdoba und Bagdad wissenschaftliche Werke auf billigem Papier – und wuschen sich mehrmals täglich in Marmorbädern mit duftender Seife. Das mag etwas vereinfacht und überzeichnet sein, bringt es aber dennoch auf den Punkt.
Doch kommen wir zum zweiten Prinzip:
2. Zurück zur Quelle – Freiheit der Forschung
»Fragt doch die Kenner der Heiligen Schriften, wenn ihr selbst es nicht wisst! Wir entsandten sie vor dir mit klaren Beweisen und den Büchern. Wir haben dir den Koran herabgesandt, damit du den Menschen die ihnen zugedachte Offenbarung klar verkündest, auf dass sie nachdenken mögen.« (Sure 16:43–44)
»Wenn du Zweifel über die Offenbarung hegst, die Wir dir herabgesandt haben, frage jene, die vor dir das Buch lasen! Die Wahrheit ist dir gewiss von deinem Herrn übermittelt worden, so reihe dich nie unter die Zweifler!« (Sure 10:94)
Der Islam entwickelte daraus unter anderem die Methodik des Idschtihād: die ernsthafte geistige Anstrengung, aus den maßgeblichen Quellen mit Verstand und Fachkenntnis zu einem begründeten Urteil zu gelangen. Das Wort gehört zur gleichen arabischen Wurzel wie Dschihād – der Anstrengung oder dem Einsatz. Während Dschihād den Einsatz nach außen beschreibt, bezeichnet Idschtihād die geistige Anstrengung um Erkenntnis und Urteil.
Das bedeutet nicht die Abschaffung der Gelehrten. Es bedeutet vielmehr die Begrenzung ihrer Autorität.
Ein Gelehrter kann erklären. Ein Lehrer kann unterrichten. Ein Richter kann urteilen. Aber kein Mensch wird dadurch zu Gott.
Auch zur Erforschung der Natur ruft der Koran auf: »In der Schöpfung der Himmel und der Erde und der Verschiedenheit von Tag und Nacht liegen Zeichen für die, die sich ihres Verstandes bedienen … diejenigen, die über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken und sagen: ›Unser Herr, Du hast all das nicht umsonst geschaffen. Gepriesen seist Du!‹« (Sure 3,190)
»Geht auf der Erde umher und seht, wie Er die Schöpfung entstehen ließ!« (Sure 29:20)
3. Gott allein – Freiheit von menschlicher religiöser Herrschaft
Hier liegt das Zentrum.
Der islamische Begriff des Tawḥīd bedeutet die Einheit und Einzigkeit Gottes. Wenn Gott allein Gott ist, dann kann keine menschliche Institution seine Stelle einnehmen.
Der Koran formuliert es mit großer Klarheit:
»Dass wir Gott allein dienen, neben Ihm niemanden anbeten und dass nicht die einen von uns die anderen anstelle Gottes für ihre Herren halten!« (Sure 3,64)
Und noch schärfer heißt es:
»Sie nahmen ihre Schriftgelehrten und ihre Mönche zu Göttern anstelle von Gott …« (Sure 9,31)
Nicht Herrscher, Priester, Gelehrte, Tradition. Nicht die Mehrheit. Nicht einmal die eigene Vernunft.
Der Mensch soll seinen Verstand gebrauchen, aber seinen Verstand nicht vergöttlichen.
Er soll Tradition prüfen, aber nicht seine eigene Meinung überhöhen.
Er soll Gelehrte hören, aber sie nicht an die Stelle Gottes setzen.
Er soll die Offenbarung suchen – und Gott allein die letzte Autorität geben.
Diese drei Prinzipien werden zum Schlüssel für die weitere Betrachtung. Denn sie brachten die Grundfesten des päpstlichen Roms zum Wanken.
Die große Frage: Was geschah mit diesen Prinzipien im Christentum?
Das Urchristentum kannte sie in anderer Form durchaus. Die neutestamentlichen Schriften fordern zur Prüfung auf. Jesus predigte: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Paulus schreibt: »Prüft aber alles und das Gute behaltet.« (1. Thessalonicher 5,21) und Johannes: »Prüft die Geister, ob sie von Gott sind.« (1. Johannes 4,1)
Die Beröer werden dafür gelobt, dass sie selbst in den Schriften nachforschen, ob das Gehörte tatsächlich stimmt (Apostelgeschichte 17,10–11). Der Christ soll also nicht einfach glauben, weil irgendein Mensch etwas sagt.
Aber die Geschichte der Kirche nahm eine andere Wendung.
Mit der zunehmenden Verbindung von Kirche und römischer Staatsmacht veränderte sich die gesellschaftliche Stellung des Christentums fundamental.
Die Gemeinde wurde Institution. Die Institution wurde gesellschaftliche Ordnung. Und die gesellschaftliche Ordnung benötigte Autorität.
Damit wuchs die Bedeutung von Bischofsämtern, kirchlicher Tradition, verbindlichen Lehrentscheidungen und schließlich eines umfassenden kirchlichen Systems.
Was geschieht, wenn eine Institution sich selbst zum Maßstab macht, an dem die Offenbarung gemessen wird?
Genau an dieser Stelle kann die spätere Geschichte als göttliche Gegenbewegung gelesen werden. Denn nun bewies Gott seine Barmherzigkeit, indem er Abrahams Gebet für Ismael erhörte und seine Nachkommen wie schon damals bei Josef und Mose nutzte, um rettend einzugreifen und den Lauf der Geschichte wieder aus der Finsternis zum Licht hin zu wenden.
Ismael – die vergessene Seite der Verheißung
Die Bibel enthält eine beachtenswerte Verheißung. Gott sagt Abraham über Ismael: »Und für Ismael habe ich dich auch erhört. Siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und über alle Maßen mehren.« (1. Mose 17,20)
Ismael sollte zwölf Fürsten hervorbringen, die zu einem großen Volk anwachsen würden. Das bedeutet zunächst einfach: Gott verwirft Ismael nicht. Er steht nicht außerhalb jeder göttlichen Vorsehung.
Wenn man die spätere Geschichte des Islam vor diesem Hintergrund betrachtet, kann ein gläubiger Leser deshalb fragen:
Könnte Gott die Nachkommen Ismaels in seiner Vorsehung für eine besondere historische Aufgabe gebraucht haben?
Aus adventistischer Sicht lässt sich fragen, ob die Posaunen in der Offenbarung uns bei dieser Frage weiterhelfen.
Die fünfte Posaune – Heuschrecken aus dem Osten
Schon in der Einleitung zu den Posaunen begegnet uns Räucherwerk auf dem goldenen Altar (Offenbarung 8,3) – Symbole, die prophetisch eng mit den Geschenken der Söhne des Ostens verknüpft sind (Jesaja 60,6): Gold und Weihrauch. Wir denken an die Weisen aus dem Morgenland und die Königin von Saba, jene berühmt gewordenen Nachfahren Ismaels. Bewegend auch die drei mosaischen Weihrauchgesetze, die den Handel zwischen Israel und Ismael festschrieben (2. Mose 30; 3. Mose 2,1–2.15; 24,7). Denn Weihrauch wuchs in Israel nicht.
Dann öffnet sich unter der fünften Posaune plötzlich ein anderer Horizont. Aus dem Rauch des Abgrunds steigt eine gewaltige, fremdartige Macht empor. Johannes beschreibt sie als Heuschrecken – doch es sind keine gewöhnlichen Heuschrecken. Ihre Gesichter sind menschlich, ihre Haare wie die von Frauen, ihre Zähne wie Löwenzähne, ihre Brustpanzer wie Eisen. Über ihnen steht ein König, der »Engel des Abgrunds« (Offenbarung 9,11).
Es ist eine Bildwelt, die zugleich militärisch, politisch, geistlich und geradezu dämonisch wirkt.
Warum gerade Heuschrecken?
In der prophetischen Sprache der Bibel erscheinen Heuschrecken wiederholt als Bild für gewaltige Völker und Heere aus dem Osten (Richter 6+7). Joel beschreibt ein Heer, das wie eine Heuschreckenplage über das Land kommt (Joel 1+2). Im Zusammenhang mit den Söhnen Ismaels und den Völkern der arabischen Welt ergibt sich damit eine eindrucksvolle Spur.
Diese Spur wurde auch von klassischen protestantischen und adventistischen Auslegern aufgenommen. Sie verstanden die fünfte und sechste Posaune als prophetische Bilder im Zusammenhang mit dem Aufstieg islamischer Mächte (Offenbarung 8+9). Für die sechste Posaune entwickelte der Adventpionier Josiah Litch eine Berechnung von »einer Stunde, einem Tag, einem Monat und einem Jahr« zu 391 Jahren und 15 Tagen – eine Deutung, die er auf die osmanische Macht bezog und die sich verblüffenderweise im Jahr 1840 auf den Tag genau erfüllte.
Doch hier wird es faszinierend:
Für Rom muss das Erscheinen dieser fremden Macht wie eine Katastrophe ausgesehen haben. Rauch verdunkelt die Sonne. Skorpione quälen mit ihrem Gift. Aus dem Abgrund steigt Verderben empor, geleitet durch den Teufel selbst, der vom Himmel gefallen ist. Eine gewaltige Macht bedroht die bestehende Ordnung.
Und wirklich: Die sieben Posaunen bringen ja in der apokalyptischen Logik der Offenbarung Babylon (Rom) zu Fall, weil es sich selbst an Gottes Stelle gesetzt hatte und zur Verfolgermacht geworden war. Wie einst Jericho unter den sieben Umzügen Israels fiel, so führt die Offenbarung die Geschichte in sieben Posaunen zur Entscheidung. Die siebenmalige Umrundung Jerichos beim siebten Umzug wird in der Offenbarung gespiegelt durch die sieben Plagen in der siebten Posaune (Josua 6, Offenbarung 15+16).
Doch was für die Stadt wie ein Untergang erscheint, sollte zugleich der Beginn von etwas Neuem sein: Der Weihrauch aus der Wüste brachte Erleuchtung. Die medizinische Forschung der »Heuschrecken« brachte sogar Linderung und Heilung, inspiriert durch einen Boten, der einen Schlüssel erhalten hatte: biblische Botschaft im Koran, wenn auch durchaus verkürzt, konzentriert und in arabische Poesie gegossen, aber doch umso wirkmächtiger bis heute.
Was wäre, wenn die fünfte Posaune nicht nur von militärischer Macht erzählen würde, sondern von einer historischen Bewegung, durch die Gott eine bestimmte geistige Gegenkraft zur erstarrten christlichen Weltordnung entstehen ließ?
Die paradoxe Rolle des Islam
Hier liegt das Paradox. Der Islam entstand nicht als christliche Reformbewegung. Seine Lehre über Jesus ist zwar biblischer als viele Muslime ahnen, aber wird dennoch nicht so zentral und heilsnotwendig verkündigt wie im Neuen Testament. Sie liegt im Islam bis heute unter einem Schleier (Decke).
Und doch brachte der Islam in die Geschichte eine religiöse Kultur ein, die bestimmte Punkte mit außergewöhnlicher Konsequenz betonte:
Gott allein. Offenbarung. Schrift. Persönliche Verantwortung. Vernunft und Prüfung. Ablehnung der Vergöttlichung menschlicher Autorität.
Kein Alkohol, keine Priester, kein Papst, keine Beichte, kein Zölibat, kein Marienkult, kein Bilderkult, keine Heiligen- und Reliquienverehrung, kein unreines Fleisch, keine Erbsünde, kein Monopol auf Bildung und Wissen.
Ist eine stärkere und präzisere Kritik am römischen Christentum überhaupt denkbar? Tatsächlich konnte der Katholizismus im Orient wohl deshalb kaum Fuß fassen.
Aus christlicher Perspektive könnte man darin deshalb eine eigenartige Form göttlicher Vorsehung sehen:
Gott musste nicht notwendigerweise eine Bewegung inspirieren, die mit der vollen Wahrheit ausgestattet wurde. Er konnte sie dennoch in seiner Vorsehung gebrauchen, um die Geschichte zu bewegen.
Das wäre vergleichbar mit dem biblischen Grundsatz, dass Gott auch außerhalb Israels Menschen und Völker in seinen geschichtlichen Plan einbezieht.
Córdoba: Als die Gedanken nach Europa wanderten
Dann kommt al-Andalus (Spanien). Erobert durch Tāriq ibn Ziyād im Jahr 711 im Auftrag des umayyadischen Kalifats. Nach diesem Feldherrn ist übrigens Gibraltar noch bis heute benannt (Berg Tāriqs = Jabal Tāriq). Zwei Jahrhunderte später wurde dann das spanische Córdoba zu einem der bedeutenden Zentren der arabischsprachigen Gelehrsamkeit.
Doch der entscheidende Vorgang war größer als Córdoba allein. Über Jahrhunderte wurden im arabischsprachigen Raum philosophische und wissenschaftliche Werke aus persischen, griechischen, indischen und syrischen Traditionen übersetzt, kommentiert, systematisiert und weiterentwickelt.
Später wanderten diese Texte über Spanien, Sizilien und andere Vermittlungsräume in die lateinische Welt.
Toledo wurde im 12. Jahrhundert zu einem wichtigen Zentrum der Übersetzung arabischer Werke ins Lateinische.
Die Wirkung war tiefgreifend. Europa erhielt nicht nur neue Texte. Es erhielt neue philosophische Fragen. Neue Kategorien. Neue Argumentationsformen. Neue Möglichkeiten, griechische Literatur zu lesen. Neue Vorstellungen davon, wie Wissenschaft systematisch geordnet werden konnte.
Der Einfluss der arabisch-islamischen Philosophie auf die lateinische Welt ist historisch gut dokumentiert.
Und damit wird unser ursprüngliches Thema wichtig:
Nicht nur die Antworten wurden übertragen. Auch eine Kultur des Fragens wurde übertragen. Man schmeckte von der Meinungsfreiheit und Toleranz des Islam. Man hatte förmlich Blut geleckt.
Natürlich ist dieses Bild zugespitzt: Auch die islamischen Gesellschaften kannten Machtkämpfe, religiöse Grenzen und Phasen der Repression. Dennoch war der Kontrast zum Abendland dramatisch.
Wenn Freiheit sich von Gott löst
Hier liegt vielleicht das größte Paradox der gesamten Geschichte.
Ein Mensch lernt: Prüfe die Tradition. Dann prüft er die Kirche. Dann prüft er die kirchlichen Lehrentscheidungen, die Philosophie, die Metaphysik. Und irgendwann stellt er die Frage: Muss ich überhaupt noch an Gott glauben?
So kann aus einer geistigen Befreiung auch eine Säkularisierung entstehen.
Die europäische Moderne zeigt diese Entwicklung tatsächlich: Vernunft, Kritik, Wissenschaft und individuelle Gewissensfreiheit konnten sich zunehmend von ihren ursprünglichen religiösen Voraussetzungen lösen.
Und das führte zur tödlichen Wunde. Der Skorpionenstachel war vom Quälen zum ultimativen Töten übergegangen. Das orientalische »Gift« (aus Roms Sicht) – dieses freie und kritische Denken – entfaltete im Abendland eine ungeahnte, revolutionäre Doppelwirkung: Reformation und Revolution
1798 erreichte dieses weltgeschichtliche Drama seinen Höhepunkt: Der französische General Berthier marschierte in Rom ein, setzte den Papst gefangen und löste den Kirchenstaat nach über tausend Jahren Existenz auf. Aus adventistischer Sicht schlug exakt in diesem Moment die Stunde der Prophetie.
Der symbolische Rauch aus dem Abgrund hatte einerseits die wissenshungrigen Reitermassen des Orients hervorgebracht. Wenn wir die Bildsprache bei den Heuschrecken nicht nur militärisch, sondern geistlich lesen, ergeben sich überraschende Parallelen:
- »gekrönt« mit Erkenntnis und Weisheit;
- versehen mit einem intelligenten »menschlichen Antlitz«;
- faszinierend und verführerisch wie das lange »Frauenhaar«;
- unaufhaltsam durch die »Löwenzähne« analytischen Denkens;
- geschützt durch »eiserne Panzer« der Logik und ausgestattet mit dem messerscharfen Verstand des Idschtihād;
- »beflügelt« von der rasanten Geschwindigkeit, mit der man das Wissen der Welt übersetzte und verbreitete.
Derselbe Abgrund entfesselte andererseits durch diese emanzipierte Vernunft im Westen nun auch noch das mörderische Tier der Französischen Revolution, das dem absolutistischen Herrschaftsanspruch Roms 1798 den vermeintlichen Todesstoß versetzte (Offenbarung 11,7; 13,3).
Damit kann dieselbe Fähigkeit zwei verschiedene Wege nehmen:
Der eine Weg:
Prüfen → Offenbarung → Reformation → Gott →Kreationismus.
Der andere:
Prüfen → Kritik → Autonomie → Revolution → Säkularisierung → Atheismus → Evolution.
Aus dieser Perspektive könnte man sagen:
Europa lernte, kritisch zu denken – aber die entscheidende Frage war, ob der kritische Verstand sich selbst oder Gott zum letzten Maßstab machen würde.
Die Reformation: Europa erinnert sich wieder an die Quelle
Verfolgte Juden und christliche Ketzer hatten im Orient Zuflucht gefunden. Sie machten einen erheblichen Teil der Übersetzer aus, die das Wissen der Antike ins Arabische brachten und die arabischen Wissenschaften ins Lateinische übersetzten. Europa blutete intellektuell und wirtschaftlich aus, bekam aber über die Geretteten das Fundament für seine eigene spätere wissenschaftliche Aufklärung zurückgeliefert.
Schon im 16. Jahrhundert kam die Reformation. Sie stellt die Autoritätsfrage neu. Die zentrale reformatorische Forderung sola Scriptura erklärt die Heilige Schrift zum verbindlichen Maßstab des Glaubens. Damit taucht ein Motiv wieder auf, das strukturell an unsere drei Säulen erinnert:
Prüfe die menschliche Tradition.
Gehe zurück zur Schrift.
Stelle Gott über die kirchliche Institution.
Das ist zwar nicht gesamtislamisches Denken. Aber es ist seinem Denken erstaunlich ähnlich.
Die Reformation war erst der Anfang
Doch auch die Reformation blieb nicht stehen. Der magistralen Reformation Luthers und seiner gelehrten Kollegen, folgte die radikale Reformation der Täuferbewegungen. Im englischen und amerikanischen Protestantismus entstanden immer wieder Bewegungen, die fragten: Warum bei der Reformation stehen bleiben?
Wenn die Kirche reformiert werden musste – warum nicht zum ursprünglichen apostolischen Christentum zurückkehren?
So entstand der Restaurationismus. Die Glaubensgemeinschaft der Christian Connection war ein Teil dieser Bewegung. Sie war skeptisch gegenüber menschlichen Glaubensbekenntnissen und betonte die Bibel und die persönliche Prüfung der Schrift. Sie lehnte alle Macht der Bischöfe und alle Beschlüsse der Konzilien ab. Back to the Roots. Zurück zum Urchristentum war ihre Devise.
Mehrere Personen, die später für die Adventbewegung entscheidend wurden, kamen aus dieser Gemeinschaft. Dazu gehörten Joseph Bates, Joshua Himes und James White.
Jetzt beginnt sich unser Dreiklang erneut zu schließen:
Prüfen.
Zur Quelle zurückkehren.
Menschliche Autorität begrenzen.
Die sechste Posaune: Das Ende der alten Ordnung?
Die klassische adventistische Interpretation sah in der sechsten Posaune insbesondere die osmanische Macht und verband die prophetische Zeitangabe von 391 Jahren und 15 Tagen mit dem Jahr 1840.
Josiah Litch und das Jahr 1840
Josiah Litch veröffentlichte 1840 eine Berechnung, nach der die prophetische Periode am 11. August 1840 enden sollte. Das Ereignis wurde damals mit dem Niedergang der osmanischen Macht in Verbindung gebracht und erregte große Aufmerksamkeit innerhalb der Millerbewegung. Denn die Voraussage erfüllte sich auf den Tag genau und stärkte das Vertrauen in das Jahr-Tag-Prinzip, das William Miller bei seiner Berechnung von 1844 verwendete.
Damit entsteht in der klassischen adventistischen Lesart eine zeitliche Brücke:
fünfte Posaune → islamische Expansion
sechste Posaune → osmanische Macht
Ende der prophetischen Periode → 1840
danach → Adventbewegung
Und nun kommen wir zu Offenbarung 10.
Offenbarung 10: Das Buch wird süß – und bitter
Gegen Ende der sechsten Posaune erscheint ein mächtiger Engel. In seiner Hand befindet sich ein kleines geöffnetes Buch. Johannes nimmt das Buch und isst es. Es schmeckt in seinem Mund süß. Doch in seinem Magen wird es bitter. Dann erhält er den Auftrag:
»Du musst wieder weissagen über Völker und Nationen und Sprachen und viele Könige.« (Offenbarung 10,11)
Die frühen Adventisten sahen darin eine erstaunlich genaue Darstellung ihrer eigenen Erfahrung. Die Botschaft vom baldigen Kommen Christi war für die Milleriten süß. Die Erwartung des Jahres 1844 erfüllte sie mit Hoffnung.
Dann kam der 22. Oktober 1844. Christus erschien nicht so, wie sie es erwartet hatten. Die Freude verwandelte sich in Bitterkeit. Und doch endete die Geschichte nicht dort.
Die Adventpioniere verstanden gerade Offenbarung 10 als Hinweis darauf, dass die Enttäuschung nicht das Ende, sondern der Übergang zu einem neuen Auftrag war: »Du musst wieder weissagen.«
Das ist das wohl außergewöhnlichste Selbstverständnis einer religiösen Bewegung überhaupt.
Die bittere Erfahrung wurde zum Prüfstein
Hier geschieht etwas Entscheidendes. Die kleine Gruppe, die nach 1844 weiterstudierte, sagte nicht: »Unsere Methode war falsch, deshalb ist alles falsch.«
Sie sagte vielmehr: »Wir müssen die Schrift noch einmal untersuchen.«
Die Adventgemeinde entstand deshalb aus einem intensiven Neustudium der Bibel nach der Enttäuschung. So gewann man Erkenntnisse über den biblischen Heiligtumsdienst und das Untersuchungsgericht, über Versiegelung und den Sabbat, über den Zustand der Toten und die Auferstehung, über die drei Engelsbotschaften, die Gesundheitsreform und die Bedeutung eines ganzheitlichen Lebens, über Gerechtigkeit aus Glauben und Sündenüberwindung, über die letzte Ausgießung des Heiligen Geistes, den Lauten Ruf und vieles mehr.
Das sind genau die drei Prinzipien:
Prüfen. Zur Quelle zurückkehren. Und: die letzte Autorität ist Gott und sein Wort.
Und damit schließt sich der Kreis
Es wird nun verständlich, warum in der fünften Posaune eine Dynamik in Gang gesetzt wird, die sich in der sechsten Posaune fortsetzt und nahtlos übergeht in das Kapitel, das als Beginn der Adventbewegung gedeutet wurde. Es sind die biblischen Prinzipien der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Freiheit in Forschung und Wissenschaft, der Freiheit des unmittelbaren Zugangs zu Gott, die Islam und Adventbewegung verbinden. Einst hochgehalten im Urchristentum, dann verloren gegangen durch das römische Staatschristentum, bedurfte es des islamischen Goldenen Zeitalters, um im finsteren Mittelalter den Anstoß für eine Wende zu geben.
Und auch wenn dieser Anstoß letztlich zu einer Polarisierung geführt hat zwischen säkularer Postmoderne und einem erneuerten, bibeltreuen Christentum, so war er doch nötig, um alle Menschen vor die freie Wahl zwischen dem Siegel und dem Malzeichen zu stellen, von denen die Offenbarung spricht.
Freiheit kann also in zwei Richtungen führen: zur Autonomie von Gott oder zur freien Entscheidung für Gott.
Vielleicht dürfen wir aus Dankbarkeit für die Mittlerfunktion des Islam in dieser geschichtlichen Entwicklung unseren muslimischen Brüdern und Schwestern ganz neu begegnen. Denn Religionsfreiheit ist Ausdruck von tiefem Respekt für meinen Nächsten. Was uns geschenkt wurde, dürfen auch wir weiterschenken.
Die endzeitliche Botschaft der drei Engel warnt die ganze Welt vor dem »babylonischen« Zwang in Glaubens- und Gewissensfragen durch das Malzeichen des Tieres. Sie lädt ein, Gottes freiheitliches Denken in seiner Schöpfung zu studieren und sich freiwillig für seine Naturordnung und seine Atmosphäre der Geduld und des Vertrauens zu entscheiden.
Die Botschaft der drei Engel gilt nicht nur jedem Leser persönlich, sondern betrifft ausdrücklich alle Nationen und Stämme und Sprachen und Völker. Dazu gehören genauso das Arabische, der Stamm der Quraisch, dem nicht nur Mohammed angehörte, sondern auch Personen aus dem heutigen jordanischen Königshaus. Und dazu gehört die gesamte islamische Umma als transnationales »Volk«.
Wer Ohren hat der höre!
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