Kirche und Welt vor dem Aufkommen der Adventbewegung: Protestanten im Zeitalter der Gegenreformation

Kirche und Welt vor dem Aufkommen der Adventbewegung: Protestanten im Zeitalter der Gegenreformation
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Biblische Prophetie als Quelle ausdauernder Freiheit. Von Ken McGaughey

Lesezeit: 15 Minuten

Die Reformation breitete sich im 16. Jahrhundert rasch in ganz Europa aus. Rom war besorgt über das Ausmaß der Ketzerei und entschlossen, sie zu stoppen. Die Verfolgungen erwiesen sich jedoch nicht als so wirkungsvoll, wie von Rom erhofft. Im Gegenteil, je mehr Druck man auf die Protestanten ausübte, desto stärker wurden sie. Deshalb entschied man sich für eine andere Herangehensweise.

Der Jesuitenorden

Durch die Reformation hatte das Papsttum einen erheblichen Rückschlag erlitten. Man suchte Unterstützung bei den Mönchsorden, aber diese waren so dekadent, dass sie das Ansehen im Volk verloren hatten. Dominikaner und Franziskaner, Reliquien und Ablässe waren die Zielscheibe von Spott und Hohn geworden. In dieser Krise boten Ignatius von Loyola und seine Gefährten ihre Dienste an. Sie waren bereit, überall hinzugehen, wohin der Papst sie senden würde: als Prediger, Missionare, Lehrer, Berater und Reformer. So entstand der Jesuitenorden, der 1540 autorisiert wurde. Er brachte frischen Wind nach Europa und breitete sich rasant aus. Wie ein verwundeter Riese erhob sich Rom verzweifelt, um sein verlorenes Prestige zurückzugewinnen und sein geschrumpftes Territorium wieder zu vergrößern.

»Das Jahr 1540 markiert den Beginn der Gegenreformation. Innerhalb von 50 Jahren etablierten die Jesuiten Stützpunkte in Peru, Afrika, auf den ostindischen Inseln, in Hindustan, Japan, China, sowie in den Wäldern Kanadas und den amerikanischen Kolonien. Sie bekleideten wichtige Lehrstühle an Universitäten, wurden Berater und Beichtväter von Monarchen und waren die fähigsten der katholischen Prediger. Im Jahr 1615 zählte der Orden bereits 13.000 Mitglieder. Die Gegenreformation durch die Jesuiten, wurde nach der protestantischen Reformation zur prägenden Bewegung in der Neuzeit.« (The Prophetic Faith of Our Fathers, Bd. 2, S. 464)

Im Jahr 1565 erlitt der Katholizismus Niederlagen und befand sich in der Defensive, während der Protestantismus eine Festung nach der andern eroberte. 1566 belebte Pius V. die Inquisition neu; der Index und die Jesuiten gingen wieder in die Offensive. Dies umfasste die Verfolgungen in England durch Maria Stuart, die Kriege in Frankreich gegen die Hugenotten, Ketzerverbrennungen durch die Inquisition in Spanien, den Versuch, die Protestanten in den Niederlanden auszurotten, und die Invasion der spanischen Armada 1588. Protestantische Bücher wurden auf den Index gesetzt, um sie zu vernichten. Neben diesen Vernichtungsmaschinen griff Rom auch zu polemischen Angriffen gegen die Protestanten. Um die protestantische Ausbreitung einzudämmen, startete Rom ein Missionsprogramm für die Heiden.

Ein Meisterplan der Verwirrung

Keines dieser Mittel vermochte die Reformation aufzuhalten. Schließlich entwickelten die Jesuiten eine neue Strategie: Sie strebten danach, Verwirrung unter den Anhängern der Reformatoren zu stiften. Besonders im Fokus standen dabei die prophetischen Auslegungen der Reformatoren von Daniel und der Offenbarung, insbesondere hinsichtlich des Antichristen. Luther und andere Reformatoren glaubten, dass der Antichrist gemäß Daniels Prophezeiungen im Papsttum zu finden sei. Um die Aufmerksamkeit vom Papsttum abzulenken, präsentierten der Jesuit Francisco Ribera aus Salamanca in Spanien und Robert Bellarmine aus Rom eine futuristische Interpretation der biblischen Prophetie.

Ribera ordnete die ersten Kapitel der Offenbarung dem alten Rom zu und verschob den Rest direkt vor die Wiederkunft Jesu. Bellarmine betonte, dass die Prophezeiungen von Daniel und der Offenbarung nicht auf die päpstliche Macht anwendbar seien und dass das Jahr-Tag-Prinzip in der prophetischen Auslegung nicht gelte.

»Protestantismus und Katholizismus stehen nun in direkter Opposition, vor allem im Bereich der Prophetie, wobei jede Seite ihre eigenen Argumente vorbringt. Die Meinungsverschiedenheiten sind klar formuliert und der Krieg zwischen den eindeutig unterschiedlichen protestantischen und päpstlichen Auslegungen hat begonnen. Beide Standpunkte sind unvereinbar. Treue Anhänger unter den Protestanten haben sich erhoben, um die historische Schule der Auslegung zu verteidigen und zu verfeinern, obwohl einige Kompromisse eingehen und die katholischen Gegenentwürfe übernehmen, insbesondere das präteristische Konzept [das besagt, dass sich die meisten Prophezeiungen bereits in der Vergangenheit erfüllt hätten].« (Ibid., 506)

Die Grundlage für die Auslegung zeitlicher Prophezeiungen in der Bibel ist das Jahr-Tag-Prinzip. Thomas Brightman (1562–1607), ein puritanischer Gelehrter, widerlegte den Futurismus Riberas und unterstützte das Jahr-Tag-Prinzip bei der Auslegung der Prophezeiungen von Daniel und Offenbarung.

Wie bereits erwähnt, gab es Protestanten, die Kompromisse mit der katholischen Sicht der Prophezeiungen eingingen. Dazu gehörten Hugo Grotius, ein holländischer Jurist, Politiker, Historiker und Theologe, sowie Henry Hammond, auch bekannt als Vater der englischen Bibelkritik. Diese Männer und andere akzeptierten die katholische präteristische Theorie. Nach dieser Ansicht beschreiben die Prophezeiungen der Offenbarung den Sieg der Urgemeinde, der sich im Untergang der jüdischen Nation und dem Zusammenbruch des heidnischen Rom erfüllt hat, und begrenzen sich somit auf die ersten sechs Jahrhunderte nach Christus, wobei Nero als der Antichrist gilt.

»Bis Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die protestantische Reformation in den Ländern nördlich der Alpen feste Wurzeln geschlagen, mit Ausnahme von Frankreich und den Niederlanden. Es schien, als hätte der Heilige Stuhl Europa weitgehend verloren. Doch die katholische Gegenreformation startete ein Reformprogramm in der römischen Kirche und rief neue religiöse Orden ins Leben. Die Kirche setzte alles daran, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Ihre beiden Hauptinstrumente waren die Jesuiten und die Inquisition. Das dritte war das Konzil zu Trient.« (Ibid., 526)

Zwischen 1555 und 1580 spalteten sich die Reformatoren in drei Gruppen: Lutheraner, Calvinisten und Sozinianer. Das schwächte die protestantische Position. Schließlich verfolgten sich Lutheraner und Calvinisten gegenseitig, was den Jesuiten ermöglichte, Polen zurückzugewinnen. Religionskriege brachen in Frankreich und den Niederlanden aus, gefolgt von einer starken katholischen Reaktion. Während die Protestanten an Macht verloren, erstarkte die katholische Gegenreformation. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hatte der Katholizismus fast die Hälfte Europas zurückgewonnen, während der Protestantismus in zwei Gruppen gespalten war: Protestanten und Reformierte. Eine Weile schien es, als würde der Katholizismus erneut die Oberherrschaft erlangen, doch dies sollte nicht geschehen. Der Eckpfeiler individueller Freiheit blieb in den Herzen der Menschen verankert und konnte nicht gänzlich unterdrückt werden. Für diese Freiheit würden die Menschen, wenn nötig, trotz aller Widerstände kämpfen.

Protestanten und die Deutung der Zeitweissagungen

In der Ära nach der Reformation, also im 17. und 18. Jahrhundert, wurden Hunderte von protestantischen Kommentaren in Europa und England veröffentlicht. Zum ersten Mal wurden solche Schriften auch auf dem nordamerikanischen Kontinent verbreitet. Trotz teils unterschiedlicher Auslegungen der Autoren gab es eine erstaunliche Übereinstimmung hinsichtlich der wesentlichen Punkte.

Während des 17. Jahrhunderts richtete sich die weltweite Aufmerksamkeit auf die Prophezeiungen Daniels, insbesondere auf die 1260- und 2300-Tag-Prophezeiung. Erstmals wurde eine Verbindung zwischen den 70 Wochen und der 2300-Tag-Prophezeiung erkannt. Es kursierten zwar verschiedene Auslegungen über den Anfang und das Ende dieser Prophezeiungen, doch das Jahr-Tag-Prinzip prophetischer Auslegung wurde fest in der protestantischen Welt verankert. Im 18. Jahrhundert wuchs das Interesse an biblischer Auslegung besonders in England und Deutschland stetig. Auch die Hugenotten in Frankreich hielten das prophetische Banner hoch. Aus unserer heutigen Perspektive wird deutlich, dass durch diese Entwicklungen der Weg für die große Adventbewegung des 19. Jahrhunderts bereitet wurde.

»Das 18. Jahrhundert war eine Zeit voller Höhepunkte und markierte den Abschluss eines der großartigsten prophetischen Zeitabschnitte. Es war ein Jahrhundert extremer Kontraste. Die Saat der jesuitischen präteristischen Gegenauslegung ging auf und begann, ihre böse Frucht unter den deutschen Rationalisten zu tragen, später auch bei ähnlichen Gruppen in England und Amerika. Gerade als die Prämillennialisten (Jesus kommt vor den 1000 Jahren wieder) die falsche Theorie des Amillenniums (Die 1000 Jahre begannen auf Golgatha und reichen noch bis zur Wiederkunft) von Augustin zurückwiesen, breitete sich der Postmillennialismus (Jesus kommt nach den 1000 Jahren wieder) wie eine Geißel durch einen Großteil der Kirchen aus, diesmal vermittelt von einem Protestanten. Damit einher ging die Tragödie einer bitteren Reaktion gegen jegliches Christentum, ob unecht oder echt, als die heimtückischen Prinzipien des Unglaubens und Atheismus’ in der französischen Revolution ihren Höhepunkt erreichten (1793).

Andererseits erlebte man das Ende der 1260 Jahre, auf das zahlreiche Verfechter gewartete hatten, die daran glaubten, dass Frankreich dieses Ende herbeibringen könnte. Studenten der Prophetie auf drei Kontinenten hielten danach Ausschau und erkannten die Erfüllung, die sie ordnungsgemäß bestätigten. Die prophetische Auslegung, in den Händen von fähigen Menschen in England, Frankreich und Deutschland und nun auch in Amerika, machte weiter Fortschritte. Irrtümer wurden korrigiert, und neue Prinzipien wurden entdeckt. Das große Erdbeben von Lissabon wurde als ein Zeichen dafür gewertet, dass das Ende nahe vor der Tür steht. Kurz vor dem Ende des Jahrhunderts kamen Menschen in zwei verschiedenen Ländern unabhängig voneinander zu demselben Schluss: Die 70 Jahrwochen sind der erste Teil der 2300 Jahrtage. Das waren die prophetischen Glanzpunkte dieses neuen Jahrhunderts.« (Ibid., 640,641)

Isaac Newton (1642-1727), einer der größten mathematischen und philosophischen Denker seiner Zeit, näherte sich der prophetischen Auslegung mit derselben Präzision wie der Wissenschaft. Sein Verständnis von Daniels Prophezeiungen spiegelt sich in seinen Schriften zu diesem Thema wider. Großteils lag er mit seiner Auslegung richtig, insbesondere in seinem Verständnis, dass die Reinigung des Heiligtums noch in der Zukunft lag. Er glaubte auch, dass die 2300 Tage im Jahr 457 v. Chr. begonnen hatten.

In verschiedenen Teilen der Welt verfolgten viele andere den gleichen prophetischen Ansatz. Männer wie John Fletcher (1729-1785) in der Schweiz verteidigten das Jahr-Tag-Prinzip und andere Lehren, die mit der prophetischen Auslegung in Zusammenhang stehen. John Gill (1697-1771) in England unterstützte die historische Position über die Prophezeiungen Daniels. Johann Bengel (1687-1752) aus Deutschland lehrte, dass das Tier das Papsttum repräsentiert und dass die Kreuzigung in der Mitte der 70. Woche geschah. John Petrie (1718-1792), ebenfalls aus Deutschland, glaubte, dass die 70 Wochen ein Teil der 2300-Tag-Prophezeiung sind. Der gemeinsame Nenner, der unter den postreformatorischen protestantischen Zeugen hervorsticht, ist das Papsttum als vorhergesagter Antichrist und das Jahr-Tag-Prinzip als Schlüssel für Zeitweissagungen. Seit der Renaissance hat sich die prophetische Auslegung weiterhin entfaltet und verbreitet.

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts betrachteten die Protestanten die Französische Revolution als Wendepunkt für die absolute Macht des Papsttums. Obwohl die Anhänger der historischen Auslegung erheblich voneinander abwichen, was den Anfang der 1260-Tag-Periode des Antichristen betrifft, waren sie sich dennoch einig, dass dieser 1260 Jahre zur Verfügung hatte und dass dieser Zeitabschnitt seinem Ende zuging. Als die Französische Revolution ausbrach, wurde sie als ein fataler Schlag gegen das Papsttum angesehen. Sie brachte ein neues Konzept der Freiheit von der Bindung an die römisch-katholische Kirche hervor.

»Wenn das päpstliche System durch die Reformation einen schweren Schlag auf theologischem und prophetischem Gebiet erhalten hat, so erlitt es in gewisser Weise einen noch größeren Schlag durch die Emanzipation der Vernunft in der Französischen Revolution. Die Fesseln des Aberglaubens wurden von den Handgelenken und Knöcheln der Menschheit gestreift und die Menschen fühlten sich frei von der Macht des Katholizismus.« (Ibid., 795)

Eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte bricht an

Das 18. Jahrhundert zeichnete sich nicht nur durch die »emanzipatorischen Ereignisse« aus, sondern es markierte auch einen Wendepunkt in der Geschichte der Neuzeit. Während, vor und nach dieser Zeit wurden bedeutende Fortschritte bei der Nutzung der Dampfkraft erzielt, begleitet von den ersten Experimenten mit elektrischem Licht und Strom. Diese Entwicklungen trugen maßgeblich zur industriellen Revolution bei, die tiefgreifende Veränderungen in allen Bereichen menschlichen Denkens und Handelns bewirkte. Politische, religiöse und intellektuelle Freiheit bildeten die Grundlage für sämtliche Fortschritte, darunter auch in den Bereichen Kommunikation und Transport. Rede- und Pressefreiheit ermöglichten religiöse Erweckungen und weltweite Missionsaktionen, gefolgt von der Gründung von Bibel- und Traktatgesellschaften. Reformation und Entwicklung erstreckten sich auch auf die Bereiche Erziehung, Gesundheit und Mäßigkeit.

»Zum Ende des Jahrhunderts begannen die tiefgreifenden Einflüsse, die das folgenden Jahrhundert prägen sollten und noch immer wirksam sind. Die Auswirkungen erstreckten sich nicht nur in die Zukunft, sondern auch auf unseren Blick zurück in die Vergangenheit. In diesem Zeitraum wurde nämlich eine weitere bahnbrechende Entdeckung gemacht: der Fund des Rosettensteins in Ägypten im Jahr 1799. Seine Entzifferung erwies sich als der magische Schlüssel, der die Geheimnisse der biblischen Archäologie entschlüsselte. Dies zerstreute nicht nur den Nebel, der wie eine Dunstglocke über dem frühen Zeitalter der Geschichte hing, sondern verlieh uns auch ein tieferes und umfassenderes Verständnis der Bibel und ihrer Prophezeiungen. Es diente gleichzeitig als Gegenmittel gegen den Rationalismus, den die Französische Revolution verbreitet hatte. Eine derartige Ansammlung wichtiger Ereignisse und die Entstehung neuer Wunder, die alle um das Ende des 18. Jahrhunderts begannen, verdeutlichen sehr, dass eine alte Epoche zu Ende gegangen war und eine neue Ära begonnen hatte, so wie es von der Prophetie vorhergesagt wird.« (Ibid., 796)

(Zuerst im Deutsch erschienen in Unser Festes Fundament Juli 1999)

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